Ein Aufnahme der Westfalenhalle aus dem Jahr 1927. Wo heute große Events stattfinden, litten zur Zeit des Nationalsozialismus Kriegsgefangene aus Europa an Unterernährung, Tuberkulose und Kälte. © Stadtarchiv Dortmund
Dortmund historisch

Westfalenhallen haben dunkle Vergangenheit – und kaum jemand weiß es

Die Westfalenhallen stehen für Konzerte und Messen. Doch kaum jemand weiß: Sie sind auch mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte verbunden. Eine Dortmunderin will Bewusstsein schaffen.

Am 27. Januar wird bundesweit der Opfer des Nationalsozialismus gedacht, denn an diesem Tag vor 76 Jahren befreite die Rote Armee das Vernichtungs- und die beiden Konzentrationslager in Auschwitz.

Auch Dortmund stand im Zeichen des Nationalsozialismus: Welches Elend Tausende von Kriegsgefangenen auch hier erleiden mussten, ist fast in Vergessenheit geraten. Dabei stand eines der bedeutendsten Bauwerke der Stadt in dessen Zentrum: Die Westfalenhalle.

Die Dortmunder Historikerin Regina Mentner (61) forschte 18 Jahre in ihrer Freizeit zum Kriegsgefangenenlager der Westfalenhalle.
Die Dortmunder Historikerin Regina Mentner (61) forschte 18 Jahre in ihrer Freizeit zum Kriegsgefangenenlager der Westfalenhalle. © Lydia Heuser © Lydia Heuser

Ein Ort, der heute für große Events und unvergessliche Konzerte steht, war nach der Beschlagnahmung 1939 kurzerhand von den Nazis zu einem riesigen Lager umfunktioniert worden.

„Ich hatte vorher nie von dem Lager gehört“

„Das hier alles war Lagergelände“, weiß Historikerin Regina Mentner (61) und zieht dabei einen großen Kreis mit ihrem Arm bei einem Ortsbesuch zwischen B1 und Eingang zur Westfalenhalle. 18 Jahre lang hat sich die gebürtige Dortmunderin in ihrer Freizeit intensiv mit dem Lager beschäftigt, nachdem sie zufällig in einer Fußnote von der unrühmlichen Vergangenheit der Halle erfuhr.

„Ich hatte vorher nie von dem Lager gehört.“ Und offenbar war sie damit nicht allein: Als sie 2003 im Zuge des Begleitprogramms der Wehrmachtsausstellung einen Vortrag zu dem Thema hielt, wurde Regina Mentner klar, dass dieser Teil der Dortmunder Stadtgeschichte kaum bekannt ist. „Ich musste diese Lücke im Gedächtnis der Stadt einfach füllen.“

Die Veranstaltungshalle war einst Internierungslager von Kriegsgefangenen aus Polen, Belgien, Italien, Frankreich und der Sowjetunion. Das Stalag VI D (Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlager) bestand von September 1939 bis August 1941 in der Westfalenhalle.

Ab September 1941 wurde eine Baracken-Anlage auf dem angrenzenden Gelände des damaligen Volksparkes errichtet. Im Mai 1944 wurde die Halle bei einem Luftangriff komplett zerstört. Die heutige Halle wurde 1952 eingeweiht.

Die Kriegsgefangenen waren Teil des Stadtbildes

Mentner sichtete in mehr als zwei Dutzend Archiven in Deutschland und Frankreich die Aufzeichnungen von Gefangenen, Dokumente der Lagerbetreiber und führte Interviews mit Zeitzeugen.

Nach und nach ergab sich für die Historikerin ein Bild. Insgesamt 77.000 Kriegsgefangene durchliefen das Lager. Sie lebten dort in erbärmlichen Zuständen – Ungeziefer, Kälte, ständiger Hunger und die Angst vor Fliegerbomben gehörten zum Alltag.

Die Aufnahme vom 15.11.1940 zeigt die Stockbetten, die in der Westfalenhalle aufgebaut wurden.
Die Aufnahme vom 15.11.1940 zeigt die Stockbetten, die in der Westfalenhalle aufgebaut wurden. © Archiv des Comité International de la Croix-Rouge, Genf, V-P-hist-01573-02 © Archiv des Comité International de la Croix-Rouge, Genf, V-P-hist-01573-02

„Das Kriegsgefangenenlager galt als völlig normal, nicht zu vergleichen mit dem KZ-Außenlager Buchenwald, das wir auch in Dortmund hatten“, erklärt die Historikerin. Die Funktion war es, billige Arbeitskräfte als Ersatz für die Deutschen an der Front zu beschaffen.

An exponierter Stelle, für Dortmunder sichtbar, waren also die Kriegsgefangenen untergebracht, die Zwangsarbeit in den umliegenden Fabriken, in der Industrie der benachbarten Städte und auf Bauernhöfen leisteten. Sie waren Teil des Stadtbildes, wenn sie in ihrer blauen Kleidung zwischen Einsatzort und Baracke hin und her gingen. „Die Kriegsgefangenen waren an den weißen Buchstaben KGF auf ihren Rücken gleich zu erkennen“, so die Historikerin.

Erinnerungen eines belgischen Kriegsgefangenen

Vom Stalag aus wurden die Kriegsgefangenen zum Arbeitseinsatz geschickt. Einer von ihnen war der Belgier Albert Laurent, der am 6. Juni 1940, im Alter von 26 Jahren, nach Dortmund kam. Als er im Walzwerk der Hermannshütte eingesetzt wurde, kam er in einem Lager an der Hermannstraße 74 in Hörde unter; damals befand sich dort die Gaststätte Walrabe, heute das Cabaret Queue.

Die Arbeit sei schwer gewesen und das Brot knapp. Für ärztliche Untersuchen mussten die Gefangenen zurück ins Stalag – „selbstverständlich gehen wir zu Fuß, egal wie die Wetterbedingungen sind“, erinnert sich Albert Laurent in einem Bericht, den Regina Mentner sichten konnte und in ihrem kürzlich erschienen Buch wiedergibt.

Die Historikerin hält eine Luftbildaufnahme des Geländes von 1942/43 in den Händen. Die Baracken sind deutlich zu erkennen.
Die Historikerin hält eine Luftbildaufnahme des Geländes von 1942/43 in den Händen. Die Baracken sind deutlich zu erkennen. © Lydia Heuser © Lydia Heuser

Meist bekamen die Gefangenen von den Ärzten ein Wort zu hören: „ARBEIT“, wird Albert Laurent zitiert, „wenn ich nicht die Bedeutung dieses Wortes kennen würde, könnte ich an eine Epidemie denken, denn in nahezu allen Fällen fällt dieses Urteil.“

Mitten in der Stadt: Baracken auf einer Fläche von 25 Fußballfeldern

Im Juli 1941 wurden Baracken auf den Volkswiesen um die Westfalenhalle errichtet. In der Halle selbst waren ab September keine Gefangenen mehr untergebracht, damit dort wieder Veranstaltungen zu Propagandazwecken der NSDAP stattfinden konnten.

Einen Lageplan des Barackenlagers von 1944 ließ die Historikerin auf einen aktuellen Bebauungsplan des Geländes projizieren. Von der heutigen B1 und der Strobelallee aus konnte man die Baracken sehen.

Sie standen auf dem heutigen Messegelände, dort wo heute die Hallen II bis VIII stehen, auf einer Fläche von 17 Hektar – das sind ungefähr 25 Fußballfelder. Umringt war das Areal von doppelten Stacheldrahtzäunen.

Die roten Kästchen auf dem Bebauungsplan des Areals um die Westfalenhalle stellen die Barackenstandorte dar.
Die roten Kästchen auf dem Bebauungsplan des Areals um die Westfalenhalle stellen die Barackenstandorte dar. © Lydia Heuser © Lydia Heuser

Teilweise gab es keinen Strom oder Heizung in den Unterkünften, auch Sanitäranlagen gab es nur in unzureichendem Maß. Decken waren voll mit Ungeziefer, die Tuberkulosefälle häuften sich. Kurzum: die Zustände waren menschenunwürdig.

Ein Findling mahnt zur Erinnerung

An der Westfalenhalle erinnert heute lediglich ein Findling an dieses dunkle Kapitel und mahnt zur Erinnerung. Unweit der Brücke an der Lindemannstraße steht der Gedenkstein.

Dieser Mahn- und Gedenkstein erinnert an das Stalag VI D und seine Gefangenen. Das Mahnmal steht an der Brücke in Richtung Lindemannstraße.
Dieser Mahn- und Gedenkstein erinnert an das Stalag VI D und seine Gefangenen. Das Mahnmal steht an der Brücke in Richtung Lindemannstraße. © Lydia Heuser © Lydia Heuser

Mit ihrem Buch zum Thema will Regina Mentner einen weiteren Beitrag zur Erinnerung leisten: „Ich hoffe, dass die Zeit des Nationalsozialismus in Dortmund ein Stück weit aufgearbeitet und zur Kenntnis genommen wird.“

Ein Datum, zwei Gedenktage

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und des Holocaust

  • Ihre Forschungsergebnisse hat Regina Mentner in einem Buch zusammengefasst, das kürzlich unter dem Titel „Das Kriegsgefangenenlager Dortmund Westfalenhallen (Stalag VI D)“, 1939-1945 als dritter Band in der Schriftenreihe der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache Dortmund erschienen ist.
  • Wie viele Menschen letztlich ihr Leben ließen, ist bis heute ungewiss. Regina Mentner schätzt, dass etwa 5000 bis 6000 gestorbene Kriegsgefangene auf Dortmunds Friedhöfen beigesetzt wurden.
  • „Über das Schicksal der vielen Kriegsgefangenen liegen nur wenige schriftliche Zeugnisse vor“, schreibt sie in ihrem Buch.
  • Auf einer Gedenktafel auf dem Dortmunder Hauptfriedhof wird allein von 5095 Sowjetbürgern gesprochen, die als Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene in Dortmund ihr Leben ließen.
  • Den Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust begeht die Stadt corona-bedingt virtuell. Ab dem 27. Januar können Interessierte unter www.dortmund.de/holocaustgedenktag einen Film der Gedenkstätte Steinwache, der im ehemaligen Polizeipräsidium gedreht wurde, ansehen.
Über die Autorin
Volontärin
Geboren und aufgewachsen im Bergischen Land, fürs Studium ins Rheinland gezogen und schließlich das Ruhrgebiet lieben gelernt. Meine ersten journalistischen Schritte ging ich beim Remscheider General-Anzeiger als junge Studentin. Meine Wahlheimat Ruhrgebiet habe ich als freie Mitarbeiterin der WAZ schätzen gelernt. Das Ruhrgebiet erkunde ich am liebsten mit dem Rennrad oder als Reporterin.
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