Wehmut am „Tag der Bodelschwingher“: Eine Tradition geht um Mitternacht zu Ende

dzBodelschwingher Kirmes

Der Montag ist der „Tag der Bodelschwingher“ auf der Bodelschwingher Kirmes. Seit Jahrzehnten schon ist er ein Tag des Treffens und Wiedersehens. Eine Tradition, die Manchem Sorge bereitet.

Bodelschwingh

, 01.07.2019, 17:59 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist ruhig auf der Bodelschwingher Straße. Hier, an den Barken, die den Ortskern vom Verkehr frei halten, ist kein wummernder Bass zu hören, kein Schausteller, der Lose zum Kauf anpreist. Es ist noch früh, kurz vor 10 Uhr. Dabei hat 100 Meter weiter schon vor drei Stunden der traditionelle Trubel am letzten Tag der 698. Bodelschwingher Kirmes begonnen: auf dem Krammarkt in der Straße Im Odemsloh.

Schausteller nehmen derweil an den Karussellen die täglichen Sicht- und Funktionsprüfungen vor. Vereinsmitglieder spülen Biergläser. Sie rüsten sich für das große Finale, den Tag mit dem traditionell größten Besucher-Andrang. Im Odemsloh stöbern zumeist ältere Kirmes-Besucher an Schmuckständen, hören dem fliegenden Händler zu, der Reinigungsmittel vertreibt. Textilien scheinen nicht so gefragt. Man trifft sich, hält ein Pläuschchen. Kirmes-Montag: früher mit Vieh-, heute mit Krammarkt.

Alt-Bodelschwinghern steht nicht der Sinn nach rasanten Karussellen

Annette Stein und Thomas Grasmann zählen zu den Jüngeren an diesem Morgen. „Ich habe wieder das gekauft, was ich jedes Jahr kaufe – Spülbürsten“, sagt Annette Stein. Das Paar wohnt an der Kirmesmeile. Thomas Grasmann kommt aus Bodelschwingh, wurde gar während der Kirmes geboren. Ist der Bummel heute für den 51-Jährigen also quasi ein Muss? „Entweder wir sind nicht da oder wir feiern mit“, sagt Annette Stein. Ruhe im Garten gibt es in diesen Tagen nicht.

Wehmut am „Tag der Bodelschwingher“: Eine Tradition geht um Mitternacht zu Ende

Auf dem Krammarkt lässt sich nach Herzenslust nach Schmuck oder Haushaltwaren stöbern. © Uwe von Schirp

Den „Alt-Bodelschwinghern“ steht nicht der Sinn nach Fahrgeschäften. Ihr Ziel ist schon eher das evangelische Gemeindehaus. Der Heimatverein Bodelschwingh-Westerfilde zeigt in einer Ausstellung Fotos aus der Geschichte des Dorfes. Schwerpunkt ist in diesem Jahr der Verkehr. Und das Interesse ist groß. Zwei, die schon darauf warten, dass sich die Türen des Gemeindehauses öffnen, sind Helga und Josef Stallheinrich aus Eving. „Ich bin alter Bodelschwingher“, sagt Ehemann Josef. „Und wenn die alten Bodelschwingher sich treffen, schauen sie sich die Bilder an.“

Der Kirmes-Montag ist auch für Fortgezogene ein fester Termin

Für das Paar ist der Besuch der „BoKi“ ein fester Termin im Kalender. „Man verliert sich aus den Augen“, sagt Ehefrau Helga. „Es ist der einzige Tag, an dem man sich noch trifft.“ Ein wenig Bedauern klingt in ihrer Stimme mit: „Wir werden weniger. Alles wird weniger.“ Eine Aussage, die an diesem Morgen noch öfter zu hören sein wird.

Wehmut am „Tag der Bodelschwingher“: Eine Tradition geht um Mitternacht zu Ende

Vorsitzender Gerd Obermeit und Wolfgang Schlesiger (v.r.) vom Heimatverein Bodelschwingh-Westerfilde erklären Hintergründe zur Bilderausstellung im Gemeindehaus. © Uwe von Schirp

Christel Majewskis Ziel ist die benachbarte Schlosskirche. Hier beginnen um 11 Uhr viertelstündige Orgelkonzerte. „Ich bin quasi Fremdenführerin für meine Freundinnen“, sagt die Netterin. Auch für sie ist „der Montag schon seit vielen Jahren gesetzt“. In der Kirche spielt Hans-Ulrich Peuser Orgel-Improvisationen. Ruhe – während draußen der Rummel langsam lebhafter wird.

Es begann mit Flaschenbier – gekühlt auf Stangeneis

50 Meter weiter, am Bierwagen vor einem Fachwerkhaus an der Deininghauser Straße gehen die ersten Runden Bier über den Tresen. Das vierköpfige Team trägt schwarze Polohemden. „1958-2019 – Eine Tradition geht zu Ende“, steht auf dem Rücken der Shirts. Abschiedsstimmung. „Die Knochen machen nicht mehr mit“, sagt Walter Lechtenfeld (75). „Wir sind zu alt“, ergänzt Friedhelm Hiller (77).

Seit 1982 stehen die Beiden an den drei Kirmestagen hinter dem Tresen. „Mein Vater hat den Stand 1958 gegründet“, erzählt Ehefrau Angelika Lechtenfeld. Ihr Vater ging als Privatmann an den Start. „Damals gab es noch Flaschenbier, das in Holzkisten mit Stangeneis gekühlt wurde.“ Der von alteingesessenen Bodelschwinghern gern betriebene Traditionsstand ist einer „der“ Punkte, an dem der Puls der Kirmes schlägt. Viele Bodelschwingher und Fortgezogene wissen: Hier trifft man sich – ohne sich zu verabreden. Es sei aber nicht die Lage, die die Menschen an den Stand zieht, sagt Steffi Hiller. Die 37-Jährige ist die Jüngste im Team. „Es liegt an den Leuten, die im Bierstand stehen.“

Wehmut am „Tag der Bodelschwingher“: Eine Tradition geht um Mitternacht zu Ende

Eine Tradition geht zu Ende: Steffi Hiller, Friedhelm Hiller, Michael Göbel und Walter Lechtenfeld zapfen den letzten Tag Bier auf der Kirmes. © Uwe von Schirp

Für Steffi Hiller war der Stand schon als Elfjährige ein Fixpunkt. Als sie zum ersten Mal allein „über die Kirmes“ durfte, zapfte Vater Friedhelm hinter dem Tresen Pils. „Eine Stunde brauchte ich von oben bis unten und zurück. Dann musste ich mich immer melden, dass es mir gut geht.“ Keine Frage: Als Erwachsene zapft sie nun seit Jahren mit, plauscht mit vielen Bekannten und nimmt sich dafür vier Tage Urlaub.

Das Erbe des Bierstandes ist noch offen

„Heute ist der letzte Tag“, wirft Vater Friedhelm ein. „Wenn ich die richtigen Leute finde, würde ich das weitermachen“, sagt Tochter Steffi. Auch Michael Göbel wäre wohl weiterhin mit im Boot. Aber so einfach ist das nicht. „Wir bekommen von der Stadt keine Genehmigung.“ Bierstände dürfen nur Vereine oder Schausteller betreiben. Bis vor einigen Jahren war das Kolping-Blasorchester der Betreiber, dem Friedhelm Hiller angehörte.

Das Orchester löste sich auf, das Team machte weiter. „Wir haben den Erlös in jedem Jahr gespendet“, sagt Vater Hiller. Wer im nächsten Jahr das Erbe am attraktiven Platz antritt, ist offen. „Ich finde es traurig, weil wieder ein Stück Bodelschwingher Kirmes zuende geht“, sagt Tochter Steffi. Es werde immer weniger, sorgt sie sich und verweist auf große Lücken in der Budengasse. „Die Kirmes hier lebt davon, dass nicht nur Schausteller Stände haben.“

Wehmut am „Tag der Bodelschwingher“: Eine Tradition geht um Mitternacht zu Ende

Am Montag-Vormittag laufen zunächst die Kinder-Karusselle. Mütter mit Kindern mischen sich unter das zumeist ältere Publikum am "Tag der Bodelschwingher": © Uwe von Schirp

Unter die vielen Senioren mischen sich langsam Mütter mit Kindern. Schwanenflieger und Kindersportkarussell drehen nun ihre Runden. Es ist Mittag. Die Ruhe an der Bodelschwingher Straße ist dem Kirmestrubel gewichen.

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