Wassermassen fluten Dortmunder Gehöft: Wer zahlt zigtausend Euro Schaden?

dzStarkregen im August

Der Starkregen am 15. August in Dortmund flutete das Gehöft von Felix und Marlene Schmidt. Der Schaden geht in die Zigtausende. Bleibt das Ehepaar jetzt allein auf den Kosten sitzen?

Schwieringhausen

, 06.09.2020, 04:16 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ruhig und beschaulich liegt das alte Gehöft am Rande Schwieringhausens. Beschaulich plätschert der Schwieringhauser Bach unterhalb der Böschung des Dortmund-Ems-Kanals entlang. Die Wiesen strahlen sattgrün in der Spätsommer-Sonne.

Felix und Marlene Schmidt leben hier in altem Familienbesitz. Eine Idylle – auf den ersten Blick. Der zweite Blick fällt beim Ortstermin mit dieser Redaktion auf abgesacktes Pflaster vor dem Haus, auf braun-gelbe Streifen an den weiß gestrichenen Wänden in Wohnzimmer und Flur, auf einen Haufen Sperrmüll unter einer Remise.

Marlene und Felix Schmidt erlebten am 15. August dramatische Stunden. Starkregen überflutete das Becken vor dem Düker hinter ihrem Gehöft.

Marlene und Felix Schmidt erlebten am 15. August dramatische Stunden. Starkregen überflutete das Becken vor dem Düker hinter ihrem Gehöft. © Uwe von Schirp

Es sind die Spuren des Starkregens vom 15. August. An diesem Samstagnachmittag fluten Wassermassen das Gehöft. Der Schwieringhauser Bach schwillt bedrohlich an, die Sammler von Dachrinnen und Gullys können das Wasser nicht mehr aufnehmen. Der Grund: Es fließt nicht ab.

Staumauer aus Kanthölzern

Das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Duisburg hat zuvor den Düker hinter dem Haus mit einer Stauwand aus 14 Zentimeter dicken Kanthölzern gesperrt. Der Düker führt den Schwieringhauser Bach unter dem Dortmund-Ems-Kanal durch. „Der Grund waren Arbeiten zum Korrosionsschutz im Düker“, weiß Felix Schmidt.

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Vor dem Düker liegt ein naturnahes Becken mit einer Betonwand zum Hof. Hier fließt das Oberflächenwasser von den Dächern und Gullys des Hofs mit dem Bachlauf zusammen. Beim Unwetter fehlen Pumpen mit einem Schwimmer, die bei einer bestimmten Füllhöhe vor der Stauwand das Wasser abpumpen.

Zweieinhalb Wochen später sind Pumpen da. Dicke Schläuche führen über die Böschung in den Kanal. Nicht am 15. August. Felix und Marlene Schmidt, ihre Mieter und Nachbarn erleben dramatische Stunden.

Dramatische Stunden am Nachmittag

Um 14.50 Uhr beginnt es zu regnen, heißt es in einem Verlaufsprotokoll, das der Eigentümer angefertigt hat. 20 Minuten später steht das Wasser vor der Haustür. Das Ehepaar wundert sich, warum es nicht abläuft. Sie alarmieren die Feuerwehr.

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Land unter am 15. August: Dramatische Bilder aus Schwieringhausen

Land unter in Schwieringhausen: Ein Starkregen flutete am Nachmittag des 15. August das Gehöft von Felix und Marlene Schmidt. Der gesperrte Düker des Schwieringhauser Bachs verhinderte das Ablaufen der Wassermassen.
06.09.2020
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Binnen einer dreiviertel Stunde lief das Becken vor dem Düker am Dortmund-Ems-Kanal voll. Gegen 14.40 Uhr hatte es zu regnen begonnen.© privat
15.33 Uhr: In der Einfahrt zum Wohnhaus der Eigentümer steht das Wasser bereits knöcheltief.© privat
Eine Stufe vor dem Hauseingang verhindert das Eindringen der Flut in die Wohnräume. Allerdings saugt sich die Bodenplatte des Hauses voll.© privat
15.35 Uhr: Zwischen Düker und Wohnhaus liegt die ehemalige Scheune. Die Zufahrt steht unter Wasser.© privat
Die Wassermassen haben sich bereits den Weg in die Reparaturwerkstatt eines Mieters gebahnt. Uter Wasser steht auch der benachbarte Probenraum der Band von Felix und Marlene Schmidt.© privat
16.06 Uhr: Das Becken vor dem Düker ist randvoll. Es kann die Wassermassen aus den Gullis, den Dachrinnen und dem Schwieringhauser Bach nicht mehr aufnehmen. Die Wassermassen suchen sich weiter ihren Weg zu den tiefer gelegenen Stellen auf dem Gelände des Gehöfts.© privat
16.21 Uhr: in der Einfahrt vor dem Wohnhaus steht das Wasser nunmehr wadentief.© privat
16.29 Uhr: Löschzüge der Freiwilligen Feuerwehren aus Deusen und Eving bereiten das Abpumpen des Hochwassers vor.
© privat
Bis eine Erlaubnis vorliegt, das Wasser in den Kanal zu pumpen, spritzen die Feuerwehrleute die Massen auf das benachbarte Feld.© privat
Wenig später entfernen die Einsatzkräfte mehrere Kanthölzer an der Stauwand und fluten den Düker.© privat

Felix und Marlene Schmidt spielen in der Band „Reflektorfuchs“. Der Probenraum in einer ehemaligen Scheune läuft voll. Sie benachrichtigen die anderen Bandmitglieder. Um 15.35 Uhr steht das Wasser bis an den obersten Balken der Stauwand am Düker, in einer Reparaturwerkstatt neben dem Probenraum bereits wadentief.

Spuren am Scheunentor zeigen, wie hoch das Wasser am 15. August stand.

Spuren am Scheunentor zeigen, wie hoch das Wasser am 15. August stand. © Uwe von Schirp

Um 16.22 Uhr treffen die Löschzüge der Freiwilligen Feuerwehr ein. „Sie haben das Wasser zunächst auf die Felder gepumpt“, erzählt der Eigentümer. „Es floss wieder zurück.“ Dann kommt die Erlaubnis, das Wasser in den Kanal pumpen zu dürfen. Schließlich flutet die Feuerwehr den Düker. Gegen 18 Uhr ist das Wasser weitgehend abgelaufen. Die Bandmitglieder bergen Verstärker und Instrumente.

Wasser- und Schifffahrtsamt vollzieht Kehrtwende

Ein Mitarbeiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes ist mittlerweile eingetroffen. Er sichert den Eigentümern zu, dass der Bund den Schaden begleichen wird. Zwei Wochen später die Kehrtwende.

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Hochwasser in Schwieringhausen - eine Analyse

Ein Starkregenereignis der Klasse 3 flutete am 15. August 2020 ein Gehöft an Schwieringhausen. Die Wassermassen konnten nicht abfließen, weil ein Düker unter dem Dortmund-Ems-Kanal abgesperrt war. Vergleichsbilder zeigen, warum das Gelände überflutet wurde.
06.09.2020
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Vor dem Düker (rechts) ist ein Becken. Hier fließen der parallel zum Kanal verlaufende Schwieringhauser Bach (hinten) und das Oberflächenwasser des Gehöfts (links) zusammen. © Uwe von Schirp
Der Starkregen überflutete am Nachmittag des 15. August das Becken.© privat
Bei entsprechendem Abfluss und unter normalen Wetterbedingungen ist das Becken eine kleine Aue.© Uwe von Schirp
Durch den starken Niederschlag und den Stau schwoll der Pegel des Schwieringhauser Bachs am 15. August extrem an.© privat
Felix Schmidt zeigt, wie hoch das Wasser am Nachmittag des Unwetters stand.© Uwe von Schirp
Wegen Arbeiten zum Korrosionsschutz des Dükers war die Kanal-Unterquerung durch eine Stauwand aus Kanthölzern abgesperrt. Die 14 Zentimeter starken Kanthölzer reichen fast bis an die Unterkante der Betonwände links und rechts des Düker-Einlasses.© privat
Der Düker ist immer noch gesperrt, die Stauwand jedoch deutlich niedriger. Die Röhre, die das Oberflächenwasser ableitet, ist nur halb gefüllt. Bei einem erneuten Anschwellen des Wasserpegels schalten Schwimmer Pumpen ein. Sie leiten das überschüssige Wasser über die Böschung in den Kanal. Am 15. August gab es diese Sicherheitsvorkehrung noch nicht.
© Uwe von Schirp
Am Nachmittag überflutete das Wasser die Schutzwand des Beckens zum Hof hin. Das Wasser floss in die tiefer gelegenen Bereiche.© privat
Die Stauwand ist mittlerweile deutlich niedriger. Das Wasserstand ist rund 50 Zentimeter unter der Oberkante. Das Bett des Schwirginhauser Bachs liegt noch oberhalb des Wasserspiegels. Der Kanal für das Oberflächenwasser ist hingegen schon halb gefüllt.© Uwe von Schirp

Felix Schmidt hat Kostenvoranschläge eingeholt und die Inventarschäden aufgelistet. Aber: „Das WSA hat uns mitgeteilt, dass es keine Kosten übernehmen werde, weil das Unwetter höhere Gewalt gewesen sei“, erzählt der Eigentümer. „Angeblich sei das hier am 15. August der stärkste Regen der letzten 50 Jahre gewesen.“ Ein Gutachten solle beweisen, dass die Wassermenge nicht durch den Düker gepasst hätte.

Auf Anfrage dieser Redaktion teilt die Stadt mit, der nächstgelegene Regenschreiber der Emschergenossenschaft habe einen Niederschlag gemessen, der alle drei bis fünf Jahre auftritt – ein Starkregen der Klasse 3.

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Den Gesamtschaden rechnet Schmidt auf rund 60.000 Euro hoch – allein für die Trocknung der Gebäude 35.000 Euro. In den Wänden des Wohnhauses steigt die Nässe aus dem Fundament. Putz bröckelt von den Wänden. Terrasse und Einfahrt sind abgesackt.

Felix Schmidt hat jetzt einen Anwalt eingeschaltet.

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