Die Stadt Dortmund begründet das neue Tempolimit auf dem Wall mit dem Lärmschutz. © Oliver Schaper
Neues Tempolimit nachts

Wall-Ärger: Was bringt Tempo 30 für den Lärmschutz?

Wird das Tempolimit auf einer Hauptstraße auf 30 km/h gesenkt, muss das gut begründet werden - im Fall des Walls argumentiert die Stadt mit Lärmschutz. Ist das wirklich die geeignete Maßnahme?

Um den Wall in Dortmund für rücksichtslose und belästigende Autofahrer uninteressant zu machen, gilt dort nun abends ab 21 Uhr und nachts bis 5 Uhr Tempo 30. Begründet ist die Maßnahme offiziell mit dem Lärmschutz – so zu lesen auf Dutzenden Schildern. Wer nur langsamer fahren darf, macht weniger Krach? Ganz so einfach ist das nicht.

„Tendenziell bringt das schon etwas“, sagt Dr. Frank Weiser zur Lärmsenkung durch Temporeduzierung. Er ist Geschäftsführer einer Ingenieurgesellschaft für Verkehrswesen aus Bochum. Der genaue Effekt hänge aber von vielen Bausteinen wie Verkehrsstärke und Straßenbelag ab.

Die Sicht der Verkehrsplaner gehe dabei grundsätzlich von einem normalen Fahrverhalten aus. Über „Pseudo-Rennstrecken“, wie er den Wall nennt, gebe es in dieser Hinsicht wenige Erkenntnisse.

Zur generellen Wirkung von Tempo 30 an Hauptstraßen schreibt das Umweltbundesamt: „Selbst ohne Geschwindigkeitskontrollen nimmt die mittlere Geschwindigkeit bei einer Senkung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit um bis zu 16 km/h ab.“ Die Spitzengeschwindigkeiten sinken demnach in der Regel stärker als das Durchschnittstempo.

Wenn also ein Tempolimit ausgeschildert ist, fahren die Menschen langsamer. Selbst ohne Kontrolle. Eine psychologische Komponente des Tempolimits also – ob diese bei Rasern greift, die sich Rennen liefern, sei hier dahingestellt. Bei jenen, die ihre Autos zeigen wollen, mag es vielleicht funktionieren. Aber ob das reicht?

„Es sind so viele Faktoren zu beachten“

Wilhelm Deitermann ist Sprecher des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv), das sich auch mit Lärmbelastung beschäftigt. Er sagt: „Es sind so viele Faktoren zu betrachten. Ein wichtiger ist das Abbremsen und Anfahren.“ Bei einer Strecke mit viel „Stop and Go“ habe ein Tempolimit einen anderen Effekt als bei freier Fahrt.

Messungen zeigten bei einer Reduzierung von Tempo 50 auf 30 laut Umweltbundesamt eine Lautstärkesenkung von einem bis vier Dezibel. Das sei bereits wahrnehmbar, heißt es – Autos dürfen etwa 70 bis 75 Dezibel laut sein. „Einige Studien weisen darauf hin, dass bei Tempo 30 niedrigere Maximalpegel und geringere Pegelschwankungen auftreten als bei Tempo 50“, so das Bundesamt.

Wilhelm Deitermann sagt allerdings dazu: „Ein Bus zum Beispiel macht den selben Lärm beim Anfahren, egal ob er danach 30 oder 50 km/h fährt.“ Am Wall sind vor allem die Beschleunigungsrennen einiger Fahrer in der Diskussion, wenn sie von der Ampel aus plötzlich stark Gas geben und die Motoren laut hochdrehen lassen.

Mit diesem Thema im Zusammenhang mit Verkehrslärm hat sich auch der ADAC beschäftigt: „Je stärker der Fahrer in einem Gang beschleunigt, desto größer ist auch die Lärmentwicklung“, heißt es vom Automobilclub.

Das Motorengeräusch bei Tempo 30 im dritten Gang unterscheidet sich demzufolge nicht wesentlich von dem bei Tempo 50 im vierten Gang. Heißt: Wenn die Tuner in niedrigeren Gängen und/oder langsamer hochtourig fahren, bringt das Limit im Grunde: nichts.

ADAC und Umweltbundesamt mit unterschiedlicher Bilanz

Das Reifengeräusch wird zwar lauter, je schneller man fährt – doch laut ADAC übertöne es den Motor erst bei mehr als 50 km/h. Für das Empfinden entscheidend sei immer „die Lärmspitze, die lauteste Geräuschkomponente“ – bis Tempo 50 also der Motor, der je nach Gang auch bei niedrigerem Tempo ebenso laut sein kann – siehe oben . Nach einer Studie für das niederländische Umweltministerium „ergibt sich keine substanzielle Lärmreduktion bei Tempo 30 gegenüber Tempo 50“, so der ADAC.

Es erscheint logisch, dass der Autofahrer-Verein ADAC und das Umweltbundesamt unterschiedliche Schlussfolgerungen ziehen.

„Generell ist es natürlich so, dass ein gewisser Lärmschutzfaktor da ist, wenn ich weniger schnell fahre“, sagt der Lanuv-Sprecher. Ganz wichtig sei aber eben, dass beim Thema Lärm das persönliche Gefühl des Empfängers zentral ist. Wie erfolgreich eine Maßnahme zur Lärmreduktion ist, sei vor allem am Urteil der betroffenen Anwohner zu bemessen.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Kevin Kindel, geboren 1991 in Dortmund, seit 2009 als Journalist tätig, hat in Bremen und in Schweden Journalistik und Kommunikation studiert.
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