Vorwurf: DAK verschleppt Pflegegrad-Höherstufung für 103-Jährige

dzPflegende Angehörige

Welchen Pflegegrad sollte eine 103-Jährige erhalten, die sich nicht mehr waschen, anziehen oder kämmen kann? Sicher einen höheren als Stufe 2, meinen die Angehörigen.

Wambel

, 04.08.2020, 10:15 Uhr / Lesedauer: 2 min

Grete Schulte ist 103 Jahre alt und lebt noch immer in ihrer eigenen Wohnung in Wambel. Das ging bis Anfang dieses Jahres gut, doch seit etwa einem halben Jahr baut die betagte Seniorin rapide ab, wie ihre Kinder Konrad (68) und Ingrid (72) Schulte sagen.

Ihre Mutter könne nicht mehr alleine essen, sich anziehen, duschen oder eine Toilette benutzen. Sogar beim Versuch, sich die Haare zu kämmen, scheitere sie. Seit Kurzem hat sie deshalb eine 24-Stunden-Betreuung, die sogar nachts in der Nähe der Seniorin schläft und ihr gegen ihre permanente Angst die Hand hält.

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Krankenversichert ist Grete Schulte bei der DAK. Ihre Angehörigen versuchen seit einiger Zeit, die Pflegestufe für ihre Mutter von derzeit 2 auf mindestens 3 oder sogar 4 heraufsetzen zu lassen.

Das würde weitere Hilfe durch einen Pflegedienst bedeuten, der von der Krankenkasse bezahlt würde. Derzeit bringen Ingrid und Konrad Schulte die Kosten für die Rund-um-die-Uhr-Betreuung allein auf.

Ingrid, Konrad und Ilona Schulte (v.l.) versuchen für ihre Mutter beziehungsweise Schwiegermutter einen höheren Pflegegrad zu erwirken

Ingrid, Konrad und Ilona Schulte (v.l.) versuchen für ihre Mutter beziehungsweise Schwiegermutter einen höheren Pflegegrad zu erwirken. © Andreas Schröter

Bisher scheitern die Schultes bei diesem Versuch. Eine Begutachtung zur Festsetzung des Pflegegrades könne wegen des Coronavirus derzeit nur telefonisch erfolgen, sagt die DAK. Und eine solches Telefongespräch habe auch tatsächlich stattgefunden.

Das Problem: Dabei kann nur der geistige Zustand eines Patienten erfasst werden, und Grete Schulte ist trotz ihrer körperlichen Gebrechen noch immer vergleichsweise klar im Kopf, sodass sie die Fragen, die ihr am Telefon gestellt wurden, problemlos beantworten konnte.

„Hygienemaßnahmen funktionieren doch beim Arzt auch“

Konrad Schulte versteht nicht, warum die Begutachtung nicht persönlich erfolgen kann: „Man hat doch inzwischen gelernt, sich durch Masken und andere Hygienemaßnahmen vor dem Virus zu schützen. Das funktioniert doch beim Arzt auch.“

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Für die Schultes jedenfalls ist die momentane Situation nicht leicht. „Ich bin nervlich am Ende“, sagt Ingrid Schulte. Eines jedoch komme nicht infrage: die Mutter in ein Senioren- oder Pflegeheim zu geben. „Dann wäre sie nach vier Wochen tot“, sind die Geschwister sicher.

DAK-Sprecher Sönke Krohn schreibt auf Anfrage: „Zu einem ersten Antrag auf Höherstufung liegt ein laufendes Widerspruchsverfahren vor. Bitte haben Sie Verständnis, das wir uns während des laufenden Verfahrens nicht weiter zum Sachverhalt äußern dürfen.“

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Am 15. Juli sei ein erneuter Antrag auf Höherstufung gestellt worden. Die Unterlagen seien am selben Tag an den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) weitergeleitet worden, um eine Begutachtung bzw. Beurteilung zu veranlassen.

Aufgrund der Corona-Situation führe der MDK derzeit tatsächlich keine persönlichen Begutachtungen durch. Die Beurteilung erfolge ausschließlich per Telefoninterview.

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