Randvolle Busse, beschlagene Scheiben: Vorwürfe gegen Behinderten-Werkstätten

dzWerkstätten Gottessegen

Fast 200 Mitarbeiter sind in Quarantäne, die Dortmunder Behinderten-Werkstätten mussten schließen. Jetzt erhebt die Angehörige eines Mitarbeiters Vorwürfe gegen die Verantwortlichen.

Kirchhörde, Mengede

, 12.11.2020, 11:13 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit mehr als zehn Jahren sei ihr Bruder bei der Mosterei Gottessegen beschäftigt, erzählt eine Dortmunderin, die ihren Namen nicht öffentlich nennen möchte (Name ist der Redaktion bekannt). Die Arbeit mache ihm Spaß, die Teamleitung sei im Umgang mit den Mitarbeitern großartig.

Die Verantwortlichen des Christopherus-Haus e.V., zu dem die Mosterei Auf dem Schnee und die Werkstätten Gottessegen in Kirchhörde und Mengede gehören, kritisiert die Dortmunderin nun hingegen scharf. Der Umgang mit der Corona-Pandemie in den Behinderten-Werkstätten sei nicht so vorbildlich wie von dem Verein geschildert.

„Es gibt beispielsweise einen Praktikanten, der sich nicht an die Maskenpflicht hält, Mitarbeiter anrülpst und sie schubst“, erzählt sie. „Der junge Mann hat eine Behinderung und macht das nicht absichtlich, aber er müsste besser betreut werden. Und ich frage mich ohnehin, warum man in Corona-Zeiten noch Menschen von Außen zulässt. Es gibt viele Angehörige, die das genauso sehen.“

In den Bussen wird es eng

Es habe mehrere Beschwerden gegeben, doch keine spürbare Reaktion der Verantwortlichen des Christopherus-Haus e.V. – auch nicht, als die Schließung beschlossen wurde. „Ich habe nur über Dritte davon erfahren und wurde nicht direkt von den Verantwortlichen informiert.“

Doch das seien nicht ihre einzigen Kritikpunkte, so die Dortmunderin. Sie habe außerdem gehört, dass sich die sieben Corona-Infizierten der Werkstätten Gottessegen und die knapp 200 Mitarbeiter in Quarantäne für die seit Montag (9.11.) geltende Schließungszeit bis Ende des Monats Urlaub nehmen müssten.

„Das halte ich nicht für in Ordnung“, sagt sie. Hinzu komme, dass es im Dezember ohnehin Weihnachtsferien gebe. „Wie sinnvoll ist es da, noch einmal zu öffnen, wenn sich alles gerade erst wieder beruhigt hat?“

Die Mosterei Gottessegen verarbeitet jährlich Unmengen an Äpfeln. Zuletzt soll es dort einen Praktikanten gegeben haben, der sich nicht an die Corona-Regeln hielt.

Die Mosterei Gottessegen verarbeitet jährlich Unmengen an Äpfeln. Zuletzt soll es dort einen Praktikanten gegeben haben, der sich nicht an die Corona-Regeln hielt. © Christopherus-Haus

Zumal das größte Problem bis dahin möglicherweise nicht gelöst sei. Denn während es in den Werkstätten Gottessegen und in der Mosterei ein Hygiene-Konzept gebe und die Mitarbeiter streng nach Arbeitsbereichen getrennt seien, würden sie vor der Arbeit zentral mit Bussen abgeholt und so auch wieder zu ihren Wohngemeinschaften gebracht.

„Da sind alle Bereiche gemischt, sowohl in den WGs als auch in den Bussen. Man kann kaum nachverfolgen, wer da mit wem zusammengesessen hat“, sagt sie. Ein Dortmunder, der seinen Namen nicht öffentlich nennen möchte und sich ebenfalls bei der Redaktion gemeldet hat, bestätigt diese Problematik.

Hygiene-Konzept für Busse muss her

„Die Busse sind in vielen Fällen randvoll“, erzählt er. „Es gibt zwar wie auch in Linienbussen eine Maskenpflicht, Abstand gehalten wird aber an keiner Stelle, das ist einfach vom Platz her nicht möglich. Und das, obwohl dort Mitarbeiter aller Werkstatt-Bereiche gemischt sind.“

Bei der Ankunft am Arbeitsplatz seien die Scheiben wegen der fehlenden Luftzirkulation und Lüftung oft vollständig beschlagen. „In Linienbussen ist das eine Sache, dass da kein Mindestabstand gilt“, sagt der Dortmunder. „Aber gerade bei Menschen mit Behinderung und Vorerkrankungen müsste es anders laufen.“

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Sobald der Betrieb wieder losgehe, müsse der Busverkehr entzerrt werden, da sind sich die Dortmunderin und der Dortmunder, die sich bei der Redaktion gemeldet haben, einig. „Weniger Leute pro Bus, vielleicht sogar nach Arbeitsbereichen getrennt, regelmäßiges Lüften, Hände desinfizieren und wie bislang die Maskenpflicht wären gut“, sagt der Dortmunder.

Schließlich sei das Risiko sonst zu hoch, dass sich das Virus doch wieder in unterschiedlichen Bereichen ausbreitet. „Und das wäre fatal. Ich hoffe da auf eine bessere Organisation, wenn der Betrieb wieder losgeht.“

Werkstätten Gottessegen: „Angehörige wurden informiert“

Zu einer möglichen Verbesserung des Busverkehrs werden sich die Verantwortlichen des Christopherus-Haus e.V. zeitnah äußern, so Pressesprecherin Anke Gerwing am Mittwoch (11.11.). Zu den übrigen Kritikpunkten gab sie indes eine umgehende Rückmeldung.

„Zunächst einmal wurden am Freitag (6.11.) ab circa 11 Uhr alle Angehörigen der Beschäftigten, die noch im Elternhaus wohnen, durch die Gruppenleiter oder die Mitarbeiter des Sozialen Dienstes über die Schließung der Werkstätten informiert“, erklärt sie.

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Gleichzeitig sei an alle Wohnheime eine Meldung per E-Mail herausgegangen. Die Dortmunderin, deren Bruder bei Gottessegen beschäftigt sei, habe die Meldung so möglicherweise noch vor ihrer eigenen Benachrichtigung über das Wohnheim ihres Bruders erhalten.

Ob die Werkstätten tatsächlich nach der dreiwöchigen Schließungszeit wieder öffnen, werde in Absprache mit dem Dortmunder Gesundheitsamt entschieden. Eine zeitnahe Wiedereingliederung sei jedoch gerade für die Tagesstruktur der Menschen mit Unterstützungsbedarf wichtig, so Anke Gerwing.

Pressesprecherin: Kein Mitarbeiter muss sich Urlaub nehmen

Urlaubstage oder eine Krankschreibung benötige indes kein Mitarbeiter für die Dauer der Schließung. „Die beschäftigten Menschen erhalten weiterhin ihre finanzielle Unterstützung“, sagt Anke Gerwing.

Dass es auch in Corona-Zeiten Praktikanten gebe, sei indes vollkommen normal, so die Pressesprecherin. Schließlich ermöglichen die Werkstätten Gottessegen mit Praktika in ihren unterschiedlichen Arbeitsbereichen jährlich mehr als 20 jungen Menschen mit Unterstützungsbedarf den Einstieg ins Berufsleben.

Das sei wichtig und auch aktuell möglich. „Die Gruppenleiter haben den jungen Mann, über den es Beschwerden gab, in den letzten Wochen beobachtet und festgestellt, dass die Person zur Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln durchaus in der Lage ist.“

Eine Suspendierung oder Beendigung der Bildungsmaßnahme sei demnach nicht nötig, lediglich Gespräche bei einem Fehlverhalten. „Wenn es dennoch Probleme gibt, können Angehörige gerne das Gespräch mit uns suchen.“

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