Vor 45 Jahren wäre ein Dortmunder Stadtteil beinahe verschwunden

dzKampf gegen die Müllkippe

Der Sommer 2019 ist heiß. Die Temperaturen erreichen Rekordwerte. Der Sommer 1974 war aber heißer. Zumindest in einem Dortmunder Stadtteil. Und das hatte nichts mit der Sonne zu tun.

Deusen

, 22.07.2019 / Lesedauer: 3 min

Sommer 1974. Es herrscht Panik. Erste Siedlerfamilien ziehen aus und verkaufen ihre Häuser. Die Panik steckt auch andere Familien an. Andere machen es ihnen nach.

Es sind nicht nur der Gestank und der Dreck, die von der Mülldeponie auf der anderen Emscherseite herüberwehen, die die Menschen vertreiben, es ist die Angst, dass ihr Stadtteil aufgelöst wird.

Die Zeitungen von damals nennen es den „Müllkrieg von Deusen“ – Um diesen Stadtteil geht es in dieser Geschichte. Der „Müllkrieg“ begann im Dezember 1972: Der Dortmunder Rat entschloss sich damals, die Abfalldeponie in Huckarde mittelfristig bis zur 60 Meter hohen Haldendeponie ausbauen lassen. SPD und CDU appellierten an Deusener, sich in anderen Stadtteilen nach neuen Häusern oder Grundstücken umzusehen.

Widerstand formiert sich

Während die Politiker im Rat Einigkeit demonstrierten, formierte sich in Deusen der Widerstand. Die Betroffenen taten sich in einer Interessengemeinschaft zusammen, die Siedlergemeinschaft bat beim Siedlerbund um Rechtshilfe.

1974 erreichte die Stimmung dann ihr Tief. Es gab Gerüchte, die Siedlung würde abgerissen. Nicht wenige Siedler zogen weg. Die Diskussion zog sich. Schließlich, nach langen quälenden Jahren, fiel Anfang 1976 die Entscheidung: Die Deponie sollte nicht über die Emscher hinaus ausgedehnt, sondern sogar in absehbarer Zeit geschlossen werden. Deusen sollte als Wohngebiet erhalten bleiben.

Zunkunft scheint gesichert

Im September 1976 gab die Verwaltung sogar wieder Bauland frei, die Zukunft Deusens schien gesichert. Doch die mittlerweile empfindlichen Bürger aus Deusen liefen später noch einmal Sturm, als die Stadt 1985 kontaminierte Erde aus Dorstfeld-Süd auf der Mülldeponie ablagern wollte.

Mitglieder der Siedlergemeinschaft reichten erfolgreich eine Klage gegen dieses Vorhaben ein. Die Stadt wurde verpflichtet, den Boden vor der Entsorgung auf mögliche Gefährdung untersuchen lassen. Das Hygiene-Institut Gelsenkirchen sah in seinem Gutachten im März 1987 „keine Gefahren beim Einbau“ von „schwach belasteten Böden“ in die Deponie.

Verunreinigte Böden

Im Dezember 1987 war der Bodenaustausch in Dorstfeld-Süd abgeschlossen. 14.000 Kubikmeter schwer metallbelasteter Boden gingen auf Sonderdeponien in Frankreich, 34.000 Kubikmeter mit geringen Verunreinigungen auf die „Kippe“ in Huckarde. Insgesamt 17.000 Kubikmeter stark organisch belasteter Boden wurden

im Zwischenlager an der Huckarder Straße „thermisch behandelt“.

Vor 45 Jahren stand Deusen vor dem Aus, drohte unter Müll zu versinken. Heute ist Deusen einer der idyllischsten Ortsteile Dortmunds. Die mittlerweile begrünte Halde ist ein Erholungsgebiet und die einst stinkende Emscher wurde renaturiert.

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