Vier Supermärkte überfallen: Warum ein Schwerverbrecher nicht ins Gefängnis soll

dzDas Sonntagsgericht

Ein 23-Jähriger überfällt vier Supermärkte und die Staatsanwaltschaft fordert eine Bewährungsstrafe nach Jugendstrafrecht. Statt ins Gefängnis zu kommen, wird ein Räuber nun Bänker.

Dortmund

, 16.06.2019 / Lesedauer: 3 min

Zum Glück waren die Verkäuferinnen und Marktleiter der überfallenen Lebensmittel-Discounter am vergangenen Donnerstag nicht ins Dortmunder Landgericht gefahren. Sie hätten wahrscheinlich fassungslos dagesessen, als die Staatsanwältin ihr Plädoyer hielt.

Sie alle sind Opfer der sogenannten Lidl-Bande geworden. Obwohl genau genommen auch Netto- und Aldi-Märkte überfallen wurden.

Einer der Täter ist ein 23-jähriger Mann aus Lünen. Er war derjenige, der dem Haupttäter den Rücken freigehalten und das Geld aus den Tresoren geräumt hat. Ein eher unauffälliger Täter. Und genau ihm soll nun die ganze Milde der Justiz zugutekommen.

Zusammenarbeit mit den Ermittlern

Zwei Jahre Jugendstrafe auf Bewährung hat die Staatsanwältin gefordert. Weil er bis jetzt nicht vorbestraft ist und es geschafft habe, wieder auf den richtigen Weg zu kommen. Seit März macht er sogar eine Lehre zum Bankkaufmann. Ein Räuber wird Banker.

Und er hat mit den Ermittlern zusammengearbeitet. Als er festgenommen worden ist, hat er sofort alles gestanden. Und auch seine Mittäter benannt. Was ihm zum Prozessauftakt böse Blicke seiner ehemaligen Komplizen eingebracht hat.

Gilt noch Jugendstrafrecht?

Umstritten ist schon, ob er überhaupt noch nach dem milderen Jugendstrafrecht verurteilt werden soll. Beim ersten Überfall im Januar 2017 waren es noch 29 Tage bis zu seinem 21. Geburtstag. Das ist die magische Grenze für die Anwendung von Jugendstrafrecht. Sie gilt aber auch nur, wenn zur Tatzeit Reifeverzögerungen festgestellt werden. Hier war es aber so, dass er bei den nächsten Überfällen schon über 21 war.

Jetzt könnte man natürlich sagen: Drei Überfälle als Erwachsener, einer als sogenannter Heranwachsender – macht zusammen: Erwachsenenstrafrecht. Doch so einfach ist das bei der Justiz nicht. Es geht vielmehr darum, wann die Wurzel für die Straftaten gesprießt ist. Und da sagt die Staatsanwältin: im Jugendalter.

Einer der Anwälte, der eine Verkäuferin vertritt, war darüber ziemlich fassungslos. Eine Bewährungsstrafe werde seine Mandantin nie verstehen, sagte er den Richtern. Und er selbst werde ihr das auch nicht erklären können. Und ganz ehrlich: Einem Gerichtsreporter würde das auch schwerfallen.

Das Sonntagsgericht

Die Gerichtsreporter Jörn Hartwich und Martin von Braunschweig berichten im Sonntagsgericht von besonderen Fällen, die sie in dieser Woche im Gericht erlebt haben oder die ihnen noch bevorstehen.
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