Verloren auf einem Dortmunder Bahnhof: So geriet eine Rollstuhlfahrerin in die Falle

dzBahnhof Mengede

Im Dezember 2018 sollte der Umbau des Bahnhofs Mengede abgeschlossen sein. Nun strandete eine Reisende im Rollstuhl auf dem Bahnsteig Gleis 1/2 – und blickte über eine Treppe in die Tiefe.

Mengede

, 18.07.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist Samstag, der 13. Juli: Ein Regionalexpress der Linie 3 in Richtung Düsseldorf fährt in den Mengeder Bahnhof ein. Auf Gleis 1 steigen Fahrgäste aus. Ein Zugbegleiter der Regionalbahn ist einer Reisenden im Rollstuhl behilflich. So weit nichts Ungewöhnliches. Der Service ist Standard. Regina Littinski wartet auf dem Nachbarbahnsteig auf die S-Bahn und will in die Dortmunder Innenstadt. Sie beobachtet die Situation – und ahnt Schlimmes.

Der Regionalexpress fährt aus dem Bahnhof. Die Reisende im Rollstuhl hat einen Koffer dabei. Wie sich später herausstellt, kommt sie aus Berlin und will nach Datteln. Der Bahnhof Mengede bietet da den empfohlenen Umstieg in den Schnellbus 24. Die Reisende rollt mitsamt Gepäck über das Pflaster des Bahnsteigs – vorbei an rot-weißen Barken, unter einem neuen digitalen Fahrplan-Anzeiger hindurch.

Im Rollstuhl gestrandet

Vor der Treppe zur Unterführung hält sie an, blickt in die Tiefe. Treppenstufen. Dann nach oben. Ein niegelnagelneuer Wegweiser weist nach unten über die Treppe zum Ausgang, zum Parkplatz und zu den Umsteigemöglichkeiten in die Busse. Nach links zeigt ein Pfeil mit Rollstuhl-Symbol – vorbei am provisorischen Bretterverschlag, dem derzeitigen Wetterschutz für die Bahnsteigtreppe. Den erwartbaren Aufzug kann die Reisende allein wegen der Holzwände nicht sehen. Aber er ist auch gar nicht da.

Verloren auf einem Dortmunder Bahnhof: So geriet eine Rollstuhlfahrerin in die Falle

Mit einem Brett und Dachpappe ist der Aufzugschacht derzeit abgedeckt. © Uwe von Schirp

Die Rollstuhlfahrerin sitzt in der Handicap-Falle: gestrandet auf dem Mengeder Bahnsteig. Der nächste Zug zurück Richtung Dortmund fährt in knapp 40 Minuten, der in Richtung Düsseldorf in einer Stunde. Dabei sollte der Aufzug schon seit Monaten in Betrieb sein.

Bauverzögerung jetzt schon sieben Monate

Geplant war die Fertigstellung für das zweite Dezemberwochenende 2018, zum Winterfahrplanwechsel. Das zumindest erklärten Bahn-Projektleiter Frank Kutzera und Bahnhofsmanager Till Pellinghausen am 28. Februar vergangenen Jahres gegenüber dieser Redaktion. Anlass war ein Ortstermin mit dem Mengeder Ratsvertreter Torsten Heymann (SPD) und dem SPD-Fraktionsvorsitzenden im Rat, Norbert Schilf.

Grund für den Bahnsteig-Umbau an Gleis 1/2 ist der geplante Rhein-Ruhr-Expresses (RRX). Damit Doppelzüge in Mengede halten können, war eine Verlängerung auf 220 Meter notwendig. Wegen der vielen Gleise, Weichen und Oberleitungen musste der Ausbau platzsparend erfolgen. Entsprechend wurde die bisherige Rampe im Mai 2018 zurückgebaut und durch eine Treppe ersetzt. Die Barrierefreiheit soll der Aufzug gewährleisten.

Verloren auf einem Dortmunder Bahnhof: So geriet eine Rollstuhlfahrerin in die Falle

In Richtung Westen ist der verlängerte Bahnsteig (fast) fertig. Digitale Fahrplan-Anzeiger kündigen die Züge der nächsten sechs Stunden an. © Uwe von Schirp

Die Fertigstellung verzögerte sich. Gründe nannte die Deutsche Bahn dafür im Februar diesen Jahres auf Anfrage dieser Redaktion nicht. Zumindest führte sie, wie bei dieser Anfrage angekündigt, die Bauarbeiten fort. Bis auf wenige Pflasterarbeiten rund um den Aufzug ist der eigentliche Bahnsteig fertiggestellt. Der Fahrplan-Anzeiger kündigt die Züge der nächsten sechs Stunden an. Die weißen Platten eines Leitsystems führen Sehbehinderte – der Leser ahnt es: direkt an das Brett, das den Aufzugschacht abdeckt.

Offene Fragen und ein glückliches Ende

Wir haben die Deutsche Bahn gefragt: Wann wird der Aufzug eingebaut, wann ist mit einer Fertigstellung der Umbauarbeiten zu rechnen und welche Gründe haben zu den Verzögerungen geführt? Ferner: Welche Hinweise erhalten Reisende mit Behinderung und welche Alternativen haben sie? Die Antworten stehen bis Donnerstag (18. Juli), 17 Uhr aus.

Verloren auf einem Dortmunder Bahnhof: So geriet eine Rollstuhlfahrerin in die Falle

Barrierefrei ist der Tunnel zu den Gleisen zu erreichen. Auf Mengeder Seite führt eine rund 40 Meter lange Serpentine zu den Bussen in ins Ortszentrum. © Uwe von Schirp

Die Reisende aus Berlin hat ihren Bus nach Datteln übrigens erreicht. Regina Littinski begab sich flugs zum Nachbarbahnsteig und bat im Tunnel drei junge Männer, die Rollstuhlfahrerin die Treppen hinunterzutragen. Die Mengederin schob die Gestrandete schließlich noch die rund 40 Meter langen Serpentinen hinauf zum Schnellbus nach Datteln.

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