In der Nordstadt fehlen so viele Schulplätze, dass dreizehn „Busklassen“ quer durch die Stadt zu Grundschulen in den Außenbezirken fahren. Sie sind teilweise eine Stunde unterwegs.

Dortmund

, 24.09.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Nordstadt-Grundschulen können die große Nachfrage nach Schulplätzen nicht mehr decken. 285 Kinder müssen Grundschulen außerhalb ihres Quartiers besuchen. Inzwischen fahren 13 Busklassen mit jeweils etwa 25 Kindern zu Grundschulen in den Außenbezirken, damit die Kinder am Unterricht teilnehmen können.

Betroffen sind überwiegend Kinder von geflüchteten oder aus Bulgarien und Rumänien zugewanderten Familien. Mal sind es 30, mal auch 100 neue Kinder, für die innerhalb eines Monats ein freier Platz in einem Dortmunder Klassenzimmer gefunden werden musste. Besonders betroffen sind 1. und 2. Klassen. Viele Kinder kommen als 7- oder 8-Jährige ins Schulsystem. Diese Zahlen nannte Schuldezernentin Daniela Schneckenburger auf Anfrage. Es gehe darum, die Kinder schnellstmöglich zu integrieren. Fahrten in Außenbezirke habe es schon gegeben, als Gastarbeiter-Familien nach Deutschland kamen, berichtet die Sprecherin der Dortmunder Grundschulen, Irmgard Möckel.

Diese Schulen sind betroffen

Die Stadt Dortmund übermittelte eine Liste mit den betroffenen Schul-Namen. Die Übersicht:

  • Wickede: Bach-Grundschule, 24 Kinder
  • Berghofen: Berghofer Grundschule, 23 Kinder
  • Holzen: Eintracht-Grundschule, 20 Kinder
  • Hörde: Brücherhof-Grundschule, 23 Kinder
  • Sölde: Emschertal-Grundschule, 20 Kinder
  • Dorstfeld: Fine-Frau, Grundschule, 46 Kinder
  • Schüren: Friedrich-Ebert-Grundschule, 23 Kinder
  • Jungferntal: Jungferntal-Grundschule, 23 Kinder
  • Brackel: Reichshof-Grundschule, 23 Kinder
  • Hombruch: Schubert-Grundschule, 20 Kinder
  • Kley: Schule am Dorney, 20 Kinder
  • Scharnhorst: Siegfried-Drupp-Grundschule, 20 Kinder

Die anhaltende Nachfrage führt dazu, dass die Schulverwaltung in den Grundschulen nach freien Klassenzimmer und Lehrerkapazitäten suchen muss, um neue Intergrations-, Auffang- oder Willkommensklassen einzurichten.

Zum Anfang des Schuljahres hat auch die Eintracht-Grundschule in Holzen an der Stadtgrenze zu Schwerte eine Klasse aufgenommen. Ab 7 Uhr sammelt der Bus die Kinder in den Straßen ein. Um 8 Uhr kommt er in Holzen an. Für Kinder besteht eine Schulpflicht. Als Kommune ist die Stadt verpflichtet, genug Schulplätze anzubieten. Aktuell haben 11 Grundschulen die 12 Klassen aufgenommen. Schuldezernentin Daniela Schneckenburger: „Das läuft schon länger so und auch konfliktfrei. Die Kinder werden gut aufgenommen“.

Busse kutschieren 300 Nordstadt-Schüler täglich quer durch die Stadt

Dortmunds Schuldezernentin Daniela Schneckenburger. © Oliver Schaper

Dolmetscher übersetzen zwischen Eltern und Lehrern

Die Integration zugewanderter Kinder sei sehr anspruchsvoll. Kinder aus arabischen Ländern kennen die lateinische Ausgangsschrift noch nicht, wenn sie über dem Einschulungsalter liegen. Auch die Eltern müssten Deutsch lernen. Dolmetscher unterstützen in den Schulen die Kommunikation zwischen Lehrerkollegien und Eltern.

Daniela Schneckenburger: „Das alles ist komplizierter. Die räumliche Entfernung macht es nicht leichter.“ Dazu kommt durch „Binnenmigration“ eine Dynamik. Nicht alle Familien bleiben in der Nordstadt. Es gibt mehr Weg- und Zuzüge als in anderen Stadtteilen.

Auf der Suche nach Grundstücken

In der Nordstadt sucht die Stadt Dortmund Grundstücke für zwei Schulneubauten. Zugleich prüft die Immobilienwirtschaft, welche bestehenden Schulen mit einem Anbau erweitert werden können. Container sind bereits aufgestellt worden, um mehr Kindern im eigenen Stadtteil eine Schule am Wohnort anbieten zu können - „aber mehr geht einfach nicht“, sagt Daniela Schneckenburger. Mit der Folge, dass eine erste Klasse von der Nordstadt täglich mit einem Bus zur Eintracht-Grundschule nach Holzen fahren muss, um kurz vor der Stadtgrenze zu Schwerte unterrichtet zu werden. Elternmitbestimmung ist da nicht leichter.

Suche nach kreativen Lösungen

Gegen die Schulverwaltung erheben die Dortmunder Stadteltern keine Vorwürfe. „Die Stadt Dortmund unternimmt viel, um für die Kinder kreative Lösungen zu finden“, kommentiert der Vorsitzende Werner Volmer die aktuelle Lage. Schnelle Lösungen seien aber nicht in Sicht. Werner Volmer: „Eine neue Schule zu planen und zu bauen, das dauert drei Jahre.“ Im Jahr 2020 muss die Nordstadt über 400 zusätzliche Schulplätze verfügen, wenn die Busfahrerei quer durch die Stadt ein Ende haben soll. Werner Volmers Stellvertreterin Anke Staar erkennt allerdings auch „hausgemachte Probleme“.

Busse kutschieren 300 Nordstadt-Schüler täglich quer durch die Stadt

Werner Volmer und Anke Staar vom Vorstand der Dortmunder Stadteltern. © Sarah Rauch

Der Platzmangel an der Lessing-Grundschule in der Gneisenaustraße sei schon vor zehn Jahren bekannt gewesen. Auch ohne Zuwanderung. Die Stadt habe sich jedoch auf den demografischen Wandel verlassen und sei von stetig sinkenden Schülerzahlen ausgegangen. Tatsächlich muss die Stadt zurzeit mindestens 300 Kinder mehr unterbringen als für 2018 vorhersehbar war. Wegen sinkender Schülerzahlen ist 2012 die Loh-Grundschule im Süden der Stadt geschlossen worden. Das Gebäude steht leer.

Folgen einer verfehlten Wohnungspolitik

Anke Staar führ die Probleme nicht allein auf die Zuwanderung aus Osteuropa oder Kriegsländern zurück. Sie erkennt im Schulplatzmangel vor allem in der Nordstadt die Folgen einer verfehlten Wohnungspolitik. Die Stadt habe in den vergangenen Jahren den sozialen Wohnungsbau nicht rechtzeitig am tatsächlichen Bedarf ausgerichtet und müsse soziale Bauprojekte stärker auf das Stadtgebiet verteilen („Also auch südlich von der B1“), um nicht alles weiter auf die Nordstadt zu konzentrieren: „Wir müssen die Problembezirke entzerren.“ Anke Staar kritisiert an den Busklassen, dass die Kinder in ihrem Stadtteil „entwurzelt“ würden. Ein Erstklässler-Kind, das von der Nordstadt bis in die 17 Kilometer entfernte Stadtgrenze im Dortmunder Süden kutschiert werde, habe es schwerer als ein Kind mit Schule im eigenen Quartier. Mit dem Schulplatz-Mangel werde das Wahl- und Wunschrecht ausgehebelt.

„Irre guter Job in der Nordstadt“

In Zukunft müssten die Nordstadt-Grundschulen deutlich entlasten werden. „Die Lehrerkollegien mach da einen irre guten Job. Das sind exzellente Schulen mit Vorbildfunktion. Das sind aber auch Schulen, die vom Land NRW im Stich gelassen werden“, lautet Anke Staars Kritik mit Blick auf die Personalpolitik auch früherer Landesregierungen. Dazu komme ein Struktur-Problem: Dortmund sei zwar für pragmatische Lösungen in der Schulpolitik bekannt, berichtet Werner Volmer, doch laut Anke Staar sei die Schul-Administration häufig zwangsläufig schwerfällig. Das zeige sich bei europaweiten Ausschreibungen für Bauprojekte.

Platzmangel auch an weiterführenden Schulen

Der Platzmangel werde schon bald auch an den weiterführenden Schulen spürbar sein, kündigte Anke Staar an. An den Gymnasien zusätzlich dann, wenn sie den Umstieg von G8- auf das G9-Abitur räumlich organisieren müssen. Anke Staar: „Da wird es dann eng.“ Das sieht auch Schuldezernentin Daniela Schneckenburger so: „In fast vier Jahren müssen wir an den Gymnasien mit einer neuen Oberstufe an den Start gehen. Wir brauchen also Räume für einen Jahrgang mehr.“

Für die „gute Schule 2020“ habe das Land der Stadt Dortmund mit viel Geld - es sind 93 Millionen Euro - „ausreichend Mittel“ zur Verfügung gestellt. Neue Grundschulen sind allerdings nicht eingepreist.

Interview mit der Sprecherin der Dortmund Grundschulen

Wie funktioniert die Integration der „Busklassen“ im Alltag? Darüber haben wir mit der Sprecherin der Dortmunder Grundschulen, Irmgard Möckel, gesprochen. Seit 15 Jahren leitet sie auch die Eintracht-Grundschule in Holzen.

Frau Möckel, Busklassen fahren quer durch Dortmund. Wie funktioniert das?

Zunächst einmal: Neu ist diese Idee nicht. Das haben wir in Dortmund schon vor Jahrzehnten mit den Gastarbeiter-Kindern gemacht, wie mir ein pensionierter Kollege berichtete. Die Fahrten sind nicht immer unkompliziert, weil bei unserer Busklasse die Fahrerin die alleinige Verantwortung trägt und die Kinder unterschiedliche Sprachen sprechen. Sie ist aber eine sehr erfahrene Busfahrerin und kann mit der Freude am Quatschmachen auch umgehen. Am Anfang war am Nordmarkt ein Mädchen, das geweint hat, weil es sich nicht getraut hat, in den Bus einzusteigen. Es wusste nicht, wo die Reise hingehen soll. Anfangs gab es Eltern, die wussten nicht einmal, wo ihre Kinder hinfahren.

Was bedeutet das organisatorisch?
Morgens müssen wir durchzählen, wer da ist und da sein sollte. Am Anfang musste sich das einspielen. Kinder sind in einen falschen Bus eingestiegen und nicht bei uns angekommen. Sie können sich vorstellen, was da los war. Es sind auch noch nicht alle Kinder da, die eigentlich da sein sollten.

Wie funktioniert die Integration der Busklasse pädagogisch gesehen?

Das Kollegium ist fortgebildet und kann „Deutsch als Zielsprache“, so heißt das jetzt, unterrichten. Wir sind da erfahren. Ehrenamtliche unterstützen uns, das ist sehr hilfreich. Morgens besuchen die Kinder für zwei Stunden die internationale Sprachförderklasse. Wir sprechen über den Wochen Tag und arbeiten mit Bildkarten. Wir schaffen Grundlagen für den weiteren Unterricht, denn ab der dritten Stunden geht es in die Regelklasse. Manche Kinder sind schon schulerfahren. Da ist zum Beispiel ein Kinder aus der Brechtener Grundschule - es kann schon richtig viel und muss vorher nicht in die Förderklasse.

Der Alltag läuft also?
Naja, nicht so wie die elegante Lösung, die da auf dem Papier steht und entstanden ist, als wir die Ressourcen noch hatten. Jetzt ist eine Kollegin für lange Zeit erkrankt und alles ist durcheinander.

Wie machen sich die Kinder?
Mit der Busklasse kommen viele Jungen, die haben eine große Aktivität. Insofern ist es schade, dass es weniger Mädchen sind. Aber das ist schon immer so. Die Kinder sind sehr aufgeschlossen und dankbar, sie sind uns zugewandt, sie umarmen uns morgens und freuen sich. Und sie werden auch von den anderen Kindern angenommen. Ich sehe große Offenheit. Die Busklasse konnte sich bisher gut einleben.

Wie organisieren Sie die Zusammenarbeit mit den Eltern?
Von allen Eltern haben wir eine Handynummer. Die Verständigung ist ein großes Problem, aber häufig können die Eltern im eigenen Bekanntenkreis einen Übersetzer organisieren. Die meisten Eltern haben unsere Schule noch nicht einmal gesehen. Vereinzelt freuen wir uns sehr starkes Interesse an unserer Arbeit.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten ...
... würde ich nach unorthodoxen Lösungen suchen, damit die Kinder in ihrem persönlichen Wohnumfeld bleiben können. Der Unterricht und die Pause können nicht dazu beitragen, dass die Kinder neue Kontakte knüpfen und das Gelernte vertiefen. Deshalb schlage ich vor, dass die Lehrer sich in die Nordstadt bewegen und wir Räume in der Nordstadt zu nutzen. Das können Gemeinderäume oder andere Räume sein. Ein Kollege aus Osnabrück berichtete mit nach einem Feuer an seiner Gesamtschule, dass in Gemeinden und sogar bei der Feuerwehr die Kapazitäten geschaffen worden sind. Solch unorthodoxe Lösungen wären zum Wohle vor allem der Kinder, die schon viel durchgemacht haben in ihrem jungen Leben.

Die Kosten für die aktuell 12 Busklassen trägt die Stadt Dortmund. Wegen der unterschiedlich langen Strecken sind die Kosten unterschiedlich hoch. Begleitpersonal fährt nicht mit.
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