Schützt das geistige Klima! Diskussion um das Oma-im-Hühnerstall-Lied ist unter aller Sau

dzKolumne: „Klare Kante“

Das Lied von der Oma als Umweltsau ist völlig daneben, das Ausmaß der Empörung und der Begleittöne aber ebenso. Auch das geistige Klima muss geschützt werden, meint unsere Autorin.

Dortmund

, 30.12.2019, 17:44 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“ – der umgedichtete Text auf den Gassenhauer „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ ist saublöd. Von den Verantwortlichen des WDR-Kinderchors war das Lied zwar als Satire gemeint und vom Radiosender WDR 2 als solche in Auftrag gegeben, aber eben saublöd.

Für eventuell verletzte Gefühle und bei Menschen, die das Lied – vor allem das Wort „Umweltsau“ – unmöglich finden, haben sich alle Beteiligten bis hin zum WDR-Intendanten Tom Buhrow (dieser rief extra vom Krankenbett seines 92-jährigen Vaters in einer Live-Radiosendung an) öffentlich entschuldigt.

Ob für das Krisenmanagement des WDR so viel Entschuldigung notwendig gewesen wäre, sei dahin gestellt. Das hätte es dann aber auch gewesen sein können. Schwamm drüber.

Unsägliche Debattenkultur

Doch im Netz und in den Medien walzt ein Entrüstungs-Tsunami die nachweihnachtliche Besinnlichkeit nieder: „Frechheit!“, „Unterirdisch!“, „Unverschämtheit!“, lauteten die harmloseren Kommentare. Von „Volkserziehung“, „Missbrauch der Rundfunkbeiträge“ und „instrumentalisierten Kindern“ war die Rede.

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Vieles kam unangemessen in Inhalt und Tonfall daher bis hin zu rechter Hetze, Beleidigungen und Morddrohungen. Geht‘s noch? Mit der Oma wurde die in den sozialen Medien oft unsägliche Debattenkultur weiter an die Wand gefahren. Man denkt immer, es geht nicht tiefer, doch die Hasskommentar-Schreiber graben immer weiter.

Nicht zu ignorieren

Gern hätte man als lokales Medium dem Lied von der „Umweltsau“ nur die Bedeutung zukommen lassen, die es verdient. Doch die „Umweltsau“ wird mit solcher Wucht durchs Dorf getrieben, dass man sie nicht ignorieren kann, zumal es um einen Dortmunder Kinderchor geht.

Der hatte mit Wissen und Zustimmung der Eltern für den WDR ein mäßig lustiges Lied aufgenommen, das bei vielen offensichtlich nicht gut ankommt angesichts solcher Zeilen wie „Meine Oma fährt im SUV beim Arzt vor, sie überfährt dabei zwei Opis mit Rollator“. Außerdem haut sich die Oma gern billige Koteletts vom Discounter in die Pfanne und freut sich auf die nächste Kreuzfahrt.

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Das ist frech, ja, mit Blick auf den durch die Fridays-for-Future-Bewegung angeheizten Generationenkonflikt durchaus provokant und angesichts vieler nachhaltig agierender Omas auch teilweise falsch, muss aber als Satire in einem Land mit Meinungsfreiheit möglich sein. Trotzdem – manche Eltern hatten zuvor Bedenken und haben ihre Kinder bei dem freiwilligen Projekt erst gar nicht mitsingen lassen. Auch das kann man nachvollziehen. Damit wäre die Geschichte eigentlich auserzählt.

Aus einer Satire eine Staatsaffäre gemacht

Doch auch Landes- und Bundespolitiker mussten auf den Empörungs-Zug aufspringen. Allen voran hat NRW-Landesvater Armin Laschet in einem Tweet seinen Senf dazugegeben und so aus dem verballhornten Kinderlied eine Staatsaffäre gemacht, sah in dem satirisch gemeinten Song „Grenzen des Stils und des Respekts gegenüber Älteren überschritten“, statt die Kirche im Dorf und die Sau im Stall zu lassen.

Die Empörung mag zum Teil aus der Tatsache resultieren, dass der deutsche Ableger der Fridays-for-Future-Bewegung kurz vor Weihnachten folgenden angeblich auch satirisch gemeinten Tweet absetzte und damit Weihnachtsfest wie Klimakrise meinte: „Warum reden uns die Großeltern da eigentlich immer noch rein? Die sind doch eh bald nicht mehr dabei.“ Auch für diesen geschmack- und respektlosen sowie und arroganten Tweet wurde sich später entschuldigt.

Aufbaugeneration war sicherlich nicht gemeint

Doch von diesem Tweet konnten die Urheber des Umweltsau-Songs noch nichts wissen, als sie das Lied aufgezeichnet und damit den Generationenkonflikt zugespitzt haben.

Die Aufbaugeneration, die sich mit Kernseife gewaschen, Socken gestopft, weniger Fleisch gegessen und das Geschenkpapier zum Wiedergebrauch aufgebügelt hat, ist mit dem Lied sicherlich nicht gemeint. Das waren in der Regel die Urgroßeltern. Eher gemeint ist die Nachkriegsgeneration der 68er, und die hat selbst früher ausgeteilt und schon andere Kritik ausgehalten.

Künstliche Aufregung und überzogene Reaktionen

Die Kritik richtet sich zudem gegen keine bestimmte Person. Satire trifft diejenigen, die sich den Schuh anziehen. Schließlich geht auch niemand davon aus, dass im Originallied die Oma mit dem Motorrad durch den Hühnerstall knattert. Oder davon, dass man mit dem musikalischen Kalauer „Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen“, die arme Großmutter auf die Straße trinken will.

Diese künstliche Aufregung und die überzogenen Reaktionen auf die Ökoträllerei des WDR-Kinderchors sollten einer konstruktiven Debatte über die Verantwortung der Älteren und die Pflichten der Jungen weichen. Mal die Perspektive zu wechseln und sich sachlich mit den Standpunkten der anderen Generation auseinanderzusetzen, könnte ein guter Vorsatz für 2020 sein.

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