Erinnerung an Gestapo-Morde 1945 bleibt wach - auch ohne Veranstaltung

dzVor 75 Jahren

Ausgerechnet zum 75. Jahrestag findet keine Gedenkfeier zu den Karfreitagsmorden in der Bittermark statt. Doch die Erinnerung an die Gräueltaten der Gestapo in Dortmund bleibt wach.

Dortmund

, 10.04.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gemordet Karfreitag 1945, steht über dem Relief mit einer ausgemergelten Gestalt an der Frontseite des Mahnmals in der Bittermark. Es erinnert auf eindrucksvolle Weise an Gräueltaten der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) des NS-Staats im Frühjahr 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Dortmund - also vor genau 75 Jahren.

Besonders brutal und sinnlos erscheinen die Morde, weil es für die NS-Täter nichts mehr zu retten gab. Dortmund stand im März 1945 kurz vor der Einnahme durch amerikanische Truppen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Nazi-Herrschaft zu Ende gehen sollte.

Aktionen gegen Widerstand verschärft

Schon 1944 und spätestens Anfang 1945 hatte die gefürchtete Geheime Staatspolizei (Gestapo) angesichts der sich verschärfenden Kriegslage ihre Aktionen gegen Widerstandskämpfer verstärkt. Dutzende wurden in der Steinwache in der Innenstadt und in der Gestapo-Wache in Hörde inhaftiert, verhört und gequält.

Das Mahnmal in der Bittermark erinnert an die Taten.

Das Mahnmal in der Bittermark erinnert an die Taten. © RN-Archiv

Das Polizei-Gefängnis in der „Steinwache“ war in der NS-Zeit als Folterstätte der Gestapo und als „Hölle Westdeutschlands“ bekannt. In der Benninghofer Straße 16 in Hörde lag die größte Gestapo-Leitstelle Westfalens, zuständig für den gesamten Regierungsbezirk Arnsberg. Von hier wurden kommunistische und sozialdemokratische Bewegungen verfolgt, aber auch Juden und Gruppen aus dem kirchlichen Widerstand. Seit Kriegsbeginn gab es auch eine Abteilung für Zwangsarbeiter.

Spitzel gegen Kommunisten

Dass auch der Widerstand angesichts der näher rückenden alliierten Truppen seine Aktivitäten verstärkte, wurde hier sorgsam registriert. „Es hat sich eine Widerstandsgruppe gebildet, die Parolen gegen Hitler an die Wand malt, ausländische Sender abhört, Flüsterpropaganda betreibt und den größten Teil der unzufriedenen Bevölkerung hinter sich hat“, heißt es in einem Bericht des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) über die Lage im Raum Dortmund.

Zur Verfolgung der Widerstandskämpfer setzte die Gestapo schließlich einen Spitzel ein: Der frühere KPD-Funktionär und KZ-Insasse Heinrich Muth wurde als „V-Mann G 64“ auf die kommunistische Widerstandsbewegung angesetzt und versorgte die Gestapo mit Informationen aus dem Untergrund. Seine zum Teil maßlos übertriebenen Berichte belasten 74 Widerstandskämpfer der KPD Dortmund.

In der Nähe des Forsthauses am Rombergpark wurde in der Karfreitagsnacht 1945 26 Widerstandskämpfer ermordet.

In der Nähe des Forsthauses am Rombergpark wurden in der Karfreitagsnacht 1945 26 Widerstandskämpfer ermordet. © Stadtarchiv

Am 24. Januar 1945 kam aus Düsseldorf der Befehl zur Verhaftung und Vernichtung: „Es ist in allen sich zeigenden Fällen sofort und brutal zuzuschlagen. Die Betreffenden sind zu vernichten, ohne im formellen Wege beim RSHA Sonderbehandlung zu beantragen“, lautete die Anweisung an die Staatspolizeistellen in Düsseldorf, Münster, Dortmund und Köln.

Die Gestapo vor Ort setzte die Befehle prompt um. In der Nacht vom 8. auf den 9. Februar wurden schlagartig 50 Widerstandskämpfer verhaftet und in die engen Zellen in der Steinwache und im Gestapo-Keller in Hörde eingepfercht. Verdächtige Zwangsarbeiter wurden in ein Lager im Bereich der Hüttenunion in Hörde gebracht.

Die Gefangenen wurden verhört, geprügelt, gefoltert und schließlich, wie von den vorgesetzten Stellen gefordert, „vernichtet“. Denn „Sonderbehandlung“ bedeutete ein Todesurteil ohne Gerichtsverfahren.

Wochenlange Mordserie

Die Mordserie begann vermutlich am 7. März. Spätnachts holten Gestapo-Beamte Gefangene aus ihren Zellen, fesselten sie mit Stacheldraht und bugsierten sie auf Lastwagen. In der Bittermark wurden sie von der Ladefläche geholt und mussten ihren Todesmarsch zu einem Bombentrichter auf einer Waldlichtung antreten. Mit Genickschüssen wurden sie hier hingerichtet und verscharrt.

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Die brutale Prozedur wiederholte sich vor den Ostertagen 1945. Nach zwei weiteren Hinrichtungen in der Bittermark von jeweils mehr als 20 Häftlingen wurden am Karfreitag, dem 30. März 1945, mindestens 43 Menschen im Rombergpark erschossen. Diese Untaten gingen als Karfreitagsmorde in die Geschichte der Stadt ein.

Bei weiteren Erschießungen starben in den folgenden Tagen noch einmal rund 110 Häftlinge – neben Widerstandskämpfern auch zahlreiche Zwangsarbeiter. Noch am 12. April, als die amerikanischen Truppen schon zahlreiche Dortmunder Vororte besetzt hatten und kurz vor der Einnahme der Innenstadt standen, wurden in Hörde noch drei Widerstandskämpfer von Gestapo-Leuten erschossen.

Gemeinsame Grabstätte

Die genaue Zahl der Opfer hat sich nie ermitteln lassen, denn eine Registrierung der Toten fand außer bei Ausgrabungen im Rombergpark und in der Bittermark nicht statt. Geschätzt wird, dass rund 280 Widerstandskämpfer und Zwangsarbeiter in den Wochen vor und nach Ostern 1945 erschossen wurden.

Nach der Befreiung Dortmund durch US-Truppen wurden die Leichen der Ermordeten im Rombergpark exhumiert.

Nach der Befreiung Dortmunds durch US-Truppen wurden die Leichen der Ermordeten im Rombergpark exhumiert. © Stadtarchiv

Am 19. April, sechs Tage nach der Befreiung Dortmunds durch US-Truppen, ging man dem Verbrechen, von dem bislang Gerüchte im Umlauf waren, auf den Grund. In der Bittermark und im Rombergpark wurden zahlreiche Leichen exhumiert. Ehemalige NSDAP-Mitglieder wurden dazu herangezogen. 88 Leichen wurden drei Tage später in einem Gemeinschaftsgrab in der Bittermark bestattet.

Die Särge von 106 Opfern der Gestapo-Morde in der Bittermark. Sie wurden am Karfreitag 1954 vom Friedhof Hörde hierhin umgebettet.

Die Särge von 106 Opfern der Gestapo-Morde in der Bittermark. Sie wurden am Karfreitag 1954 vom Friedhof Hörde hierhin umgebettet. © Stadtarchiv

Weitere 106 Ermordete, vor allem ehemalige Zwangsarbeiter, wurden zum Karfreitag 1954 vom Friedhof in Hörde in die Bittermark umgebettet, wo in den folgenden Jahren das Mahnmal entstand.

Die Krypta im Inneren beherbergt den Leichnam eines unbekannten Zwangsarbeiters und ist damit ein besonderer Erinnerungsort für die Menschen aus anderen Ländern, die in der NS-Zeit zum Arbeitseinsatz in Dortmund gezwungen wurden.

Virtuelle Gedenkfeier an Karfreitag

  • Alljährlich an Karfreitag erinnert die Stadt mit einer Gedenkfeier am Mahnmal in der Bittermark an die Karfreitagsmorde.
  • Seit 2012 sind Schüler und Studierende als „Botschafter der Erinnerung“ bei den Gedenkveranstaltungen aktiv.
  • Wegen der Maßnahmen gegen eine Ausbreitung des Coronavirus findet die Gedenkveranstaltung in diesem Jahr nicht vor Ort statt.
  • Die Botschafter der Erinnerung haben aber eine virtuelle Gedenkveranstaltung erarbeitet, die im Internet zu sehen ist.
  • In Einzelvideos und Videochats stellen die Jugendlichen ausgewählte Biographien vor, berichten über ihre persönliche Motivation und verlesen die bekannten Namen der Opfer. Der Verein Ar.kod.M erinnert außerdem an die sowjetischen NS-Opfer.
  • Künstlerische Beiträge des Lyrikers Thorsten Trelenberg, des Liedermachers Boris Gott und des Pianisten Marcel Ritter von The Plings ergänzen das Programm.
  • Mit Videobotschaften beteiligen sich auch Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau und Nicole Godard, die Vorsitzende des Verbandes der Zwangs- und Arbeitsdeportierten.
  • Die virtuelle Gedenkfeier ist Karfreitag (10.4.) um 15 Uhr auf Facebook und Youtube zu sehen.
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