Die Einwohnerzahlen steigen. Gleichzeitig drehen Jahr für Jahr immer mehr Dortmunder ihrer Stadt den Rücken zu und wandern ins Umland ab. Das liegt nicht nur an Mieten und Kaufpreisen.

Dortmund

, 06.11.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als sich Nachwuchs ankündigte, war für Martin Klose (31) und Lebensgefährtin Inken (31) die Sache klar. Sie gaben ihre 90 Quadratmeter große Mietwohnung in Körne auf und sahen sich in den östlichen Dortmunder Vororten nach einer Eigentumswohnung um. „Leider war der Markt schnell abgegrast“, erinnert sich Grafiker Klose. Der Kaufpreis sei ein Faktor gewesen. Die anderen beschreibt er so: „Wichtig war uns vor allem die Umgebung, wir wollten eine ruhige Lage mit möglichst viel Grün.“

Fündig wurden sie im nahegelegenen Selm – Klose und seine Lebensgefährtin packten die Kartons. Das war 2018. Seinen Arbeitsplatz hat Klose weiterhin in Dortmund. Für die Fahrt hin und zurück nimmt er den Zug. "Das ist okay".

Das Beispiel des jungen Paares macht Schule. Zwar ist Dortmund auch 2018 wieder ein Stückchen gewachsen, die Einwohnerzahlen stiegen von 601.780 auf 602.556. Während die Stadt vor allem von Zugezogenen aus weiter entfernten Regionen profititiert, dreht sich die Wanderungsbilanz mit den direkten Nachbarn ins glatte Gegenteil: Dortmund verliert mehr und mehr Bürger an die kleineren Städte und Gemeinden im unmittelbaren Umland. Und das seit Jahren.

Die Stadt will Bürger nach ihren Gründen befragen

Laut städtischem Wohnungsmarktbericht sind 2018 per Saldo 1015 Bürger dorthin verloren gegangen - so viele wie seit Jahren nicht. Insgesamt zog es 6617 Menschen aus Schwerte, Lünen, Unna, Waltrop, Castrop-Rauxel und vielen weiteren Umlandgemeinden nach Dortmund - aber gleichzeitig eben auch 7632 Dortmunder aus ihrer Stadt weg. So geht das seit Jahren: 2017 summierten sich die Verluste aus der Nahwanderung auf 741 Bürger. 2016 waren es 734.

Immobilienmakler Raphael Spieker wundert das nicht. „Das ist ein typisches Bild, wenn der Raum in der Großstadt knapp wird.“ Wer in Dortmund nicht das passende Angebot finde, sei bereit, über die Stadtgrenze zu ziehen und morgens ein paar Minuten mehr Anfahrtszeit in Kauf zu nehmen. „Dieser Trend lässt sich nur mit mehr Wohnraum stoppen“, sagt Spieker.

Immer mehr Dortmunder fliehen ins Umland - und der Trend beschleunigt sich

In Dortmund wandern immer mehr Menschen ins nahe Umland ab. © Quelle: Stadt Dortmund

Die Stadt will der Sache jetzt endlich auf den Grund gehen. Dazu bereitet das Wohnungsamt in Zusammenarbeit mit dem Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) eine Untersuchung vor, bei der 13.000 Bürger nach ihren Gründen für den Wohnortwechsel befragt werden. Im Frühjahr 2020 sollen die Ergebnisse da sein.

Was die Experten im Wohnungsamt als „alarmierend“ empfinden: Den größten Kreis derjenigen, die sich in die kleineren Städte und Gemeinden verabschieden, stellen die 31- bis 45-Jährigen; häufig Familien mit Kindern. „Das dürften in der Regel Paare mit guter Berufsausbildung und gutem Einkommen sein, die ein Kind bekommen haben oder ein Kind planen und sich nun Eigentum zulegen möchten“, schätzt Immobilienmakler Jürgen Trunk. „Da sind die Kaufpreise im Umland nun mal niedriger.“ Letztlich, so Trunk, könne man über die Gründe im Einzelfall nur spekulieren. „Differenzierte Ergebnisse muss die Untersuchung liefern.“

Auch Mieter bestellen den Umzugswagen

Wer sich in Dortmund ein Reihenmittelhaus mit 100 Quadratmeter Wohnfläche in mittelguter Lage zulegen will, zahlte 2018 laut städtischem Wohnungsmarktbericht im Schnitt 245.000 Euro. Tendenz steigend. In Holwickede waren es 190.000 Euro, in Unna 170.000 Euro und in Witten 180.000 Euro. Entsprechend niedriger fallen dort auch die Bodenpreise aus.

„Ja klar“, sagt Rainer Stücker, Geschäftsführer des Mietervereins, „wenn die Kaufpreise in der Nachbarstadt 50.000 Euro preiswerter sind, versucht man es eben dort.“ Die Entwicklung erinnere ihn stark an die 90er-Jahre. „Damals hatten wir die gleiche Diskussion“, sagt Stücker. Auch damals hätten sich viele Menschen ins Umland verabschiedet. Die Antwort der Stadt: Sie setzte auf Eigentumsbildung und kurbelte die Bauland-Produktion massiv an.

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Gleichwohl geht Stücker davon aus, dass längst nicht alle Abwanderer auf die eigene Wohnung oder das eigene Häuschen aus sind. „Auch Mieter weichen ins Umland aus, wenn sie hier nicht fündig werden.“ Stücker stützt auf eine frühere Bürger-Umfrage der Stadt aus 2001. Damals gaben zehn Prozent von 1.400 Abgewanderten an, sie hätten sich Eigentum anschaffen wollen. Ebenso viele aber erklärten, sie seien auf der Suche nach einer neuen Mietwohnung gewesen und hätten in Dortmund nur keine passende Bleibe gefunden.

Wunsch nach grüner Umgebung und wenig Lärm

Mit einem Mietniveau von zuletzt 7 Euro/Quadratmeter im Schnitt bleibt Dortmund im Vergleich zu anderen Großstädten noch immer ein eher preiswertes Pflaster. Die Nachbarn liegen aber noch darunter. Nach Berechnung des Portals Wohnungsboerse.net ist eine 100 Quadratmeter große Mietwohnung in Dortmund im Schnitt für 7,73 Euro/qm zu haben. In Lünen zahlen Bürger für eine gleich große Wohnung 6,26 Euro/qm, in Unna 6,92 Euro /qm und in Castrop-Rauxel 6,55 Euro/qm.

Die Preiskluft zwischen der Großstadt und dem Umland mag vieles erklären. Der einzige Grund für die Nahwanderungsverluste ist sie nicht. Bei der Bürger-Befragung 2001 kamen noch ganz andere Argumente ans Licht: Mehr als jeder zweite Fortzügler gab an, ihm sei es vor allem wichtig, „in einer grünen Umgebung“ zu wohnen und „weniger Lärm als in der Großstadt" zu haben. Martin Klose und Lebensgefährtin Inken können das bestätigen.

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