Transusige Stadt ließ die Dortmunder lange auf dem Trockenen - Taktik?

dzKlare Kante

Die Stadt Dortmund äußert Bedenken wegen der Corona-Lockerungen. Die Bäder-Öffnung zog sich wochenlang hin. Unser Autor kritisiert das scharf - und fragt, ob dahinter Wahl-Taktik steckt.

Dortmund

, 20.06.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Stadt nennt es Vorsicht. Ich nenne es kalkulierte Schlafmützigkeit. In anderen Städten dürfen die Menschen seit Wochen wieder in Frei- und Hallenbädern schwimmen. In Dortmund konnten sie das bis zu diesem Wochenende nicht. Hier regiert die Angst, wenn man es wohlwollend betrachtet. Hier regiert politische Wahl-Taktik, wenn man es nicht ganz so wohlwollend wertet.

Am 6. Mai – das ist rund sechseinhalb Wochen her – kündigte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) eine Reihe von Corona-Lockerungen an: für Geschäfte, Hotels, Freizeitparks und anderes. Und: Am 20. Mai dürfen Freibäder wieder öffnen, am 30. Mai Hallenbäder – unter Auflagen, aber immerhin. Es war der Tag, an dem Laschet die Wortkombination von der „verantwortungsvollen Normalität“ prägte.

Große Sorgen, aber kleine Zahlen

Dortmunds Sozialdezernentin Birgit Zoerner (SPD) fand das eher verantwortungslos, was der Herr Laschet da entschieden hatte. Das seien viel zu viele Lockerungen auf einmal, es gehe viel zu schnell, sie mache sich große Sorgen, sagte sie am 7. Mai. In dieser Woche wiederholte sie diese Aussage. Diesmal ging es um die Lockerungen ab 15. Juni. Das gehe ihr alles viel zu schnell und – ja – sie mache sich große Sorgen.

Nun ist es nicht unbedingt schlecht, wenn sich ein verantwortlicher Mensch Sorgen macht. Aber sind diese Sorgen berechtigt? Oder legen sie eher einen Stimmungsteppich für den Kommunalwahlkampf aus? Die Tonlage: Die böse CDU-geführte Landesregierung handelt verantwortungslos, wir aber, das gute SPD-dominierte Dortmund, wir schützen unsere Menschen vor dem Virus. Was stimmt?

Was die Fakten sagen

Schauen wir auf die Fakten. Die Mai-Lockerungen haben keine zweite Corona-Welle ausgelöst. Im Gegenteil: Seit Wochen bewegen sich die Zahlen auf niedrigem Niveau. Ja, zuletzt gab es (kleinere) Ausbrüche mit mehreren Neuinfektionen – unter anderem im Klinikum, im St.-Josefs-Hospital und im Wohnstift auf der Kronenburg oder im Umfeld der Libellen-Grundschule. Lokale Ausbrüche, die man aber ebenso schnell in den Griff bekam wie auch in anderen Teilen des Landes.

Man weiß inzwischen eben, wie man in solchen Fällen reagieren muss. Die Folge: Der beste Maßstab zur Bewertung der Corona-Lage – wie viele Menschen haben sich in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner infiziert? – pendelt in Dortmund im einstelligen Bereich. Erst wenn man sich der Schwelle von 50 (!) nähert, wird es kritisch. Fazit: Die Fakten liefern nicht den leisesten Grund zur Panik.

Das umgedeutete Ziel der Corona-Bekämpfung

Wenn wir uns jetzt noch an die Zeit erinnern, als das Virus auf uns zurollte, wird die sorgenvolle Kritik an Lockerungen geradezu absurd. Seinerzeit wurden zwei nachvollziehbare Gründe für den Lockdown genannt:

1. Wir müssen dafür sorgen, dass das Virus sich nicht exponentiell, sondern nur linear, also langsam verbreitet, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten.

2. Die so gewonnene Zeit müssen wir nutzen, um die Beatmungskapazitäten in den Kliniken auszubauen.

Beide Punkte sind (mehr als) erfüllt. Deshalb ist es völlig vertretbar und richtig, die Beschränkungen wieder abzubauen. Sorgen muss man sich derzeit nicht um unser Gesundheitssystem machen, sondern um unsere Kinder und Jugendlichen, um unsere in Heimen vereinsamenden Mütter und Väter, um unsere alleinerziehenden Eltern, um unsere Gastronomen und Hoteliers, um unsere Einzelhändler und Reisebüros, um unsere Künstler und Musiker, um unsere Messebauer und Schausteller und und und. Abgesehen von schweren psychischen, pädagogischen, sozialen und emotionalen Folgen stehen viele von ihnen auch vor dem wirtschaftlichen Ruin.

Birgit Zoerner aber, die den Krisenstab der Stadt anführt, scheint mittlerweile das ursprüngliche Doppelziel radikal umgedeutet zu haben: Es geht nicht mehr darum, das Virus in den Griff zu kriegen. Es geht darum, es auszurotten.

Ganz ehrlich: Wenn wir warten wollen, bis das geschieht, dürfte in wenigen Monaten nicht mehr viel von unserem Leben vor Corona übrig sein, um das man sich noch sorgen könnte.

Mehr als sechs Wochen verschlafen

Das ist der Punkt, an dem wir zum Anfang dieses Textes zurückkehren. Seit 6. Mai weiß die Stadt, dass Freibäder am 20. Mai und Hallenbäder am 30. Mai wieder öffnen dürfen. Doch in Dortmund tat sich lange nichts, die Bäder blieben zu. Bis zu diesem Wochenende, Wischlingen startete am Freitag.

Mehr noch: Die Stadt brauchte bis Freitag (19. Juni), um in einer Ratssitzung zu klären, ob man 2020 überhaupt noch öffnet. Warum wurde diese Entscheidung nicht gleich Anfang Mai getroffen?

Für mich ist diese Transusigkeit unerklärlich. Andernorts begann man schon im April, die Freibäder wieder herzurichten. Als die Öffnungs-Entscheidung kam, konnte man innerhalb weniger Tage Gäste begrüßen. In Dortmund nicht. Da zetert man gegen das Land, spielt den Ober-Bedenkenträger und lässt seine Bürgerinnen und Bürger im wahrsten Sinne wochenlang auf dem Trockenen stehen. Da möchte man sich vors Rathaus stellen und schreien: „Hallooo, Stadt Dortmund, aufwaaaachen!“

Übrigens: Im Revierpark Wischlingen ist das Freibad zwar seit 19. Juni wieder geöffnet. Sauna und Schwimmhalle bleiben weiter zu. In der Nachbarschaft, in der Meditherme im Ruhrpark Bochum, haben die Sauna und Pools schon seit Tagen wieder geöffnet. Im Ruhrpark gibt es einen privaten Betreiber, der Geld verdienen muss. Bei den städtischen Bädern sieht das anders aus – da zahlt ja der Steuerzahler. Was also soll’s?

Steckt nur Schlafmützigkeit hinter dieser Trägheit oder vielleicht doch wahltaktisches Verhalten? Ich weiß nicht, was schlimmer wäre. Sagen Sie’s mir!

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