Timur (22) aus Dortmund bekommt bald endlich seinen Penis

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Der Dortmunder Timur Can Kargi ist als Mädchen zur Welt gekommen. Mit mehreren Operationen wird der 22-Jährige ein Mann. Seinen muslimischen Eltern hat er seine Identität jahrelang verschwiegen.

Dortmund

, 07.06.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Kurz geschorene Haare, Vollbart, Tattoos an den Armen und im Gesicht. Timur Can Kargi ist ein selbstbewusster junger Mann, der in seinem Wohnzimmer darüber spricht, dass er aus biologischer Sicht noch gar kein Mann ist. Timur ist im Körper eines Mädchens geboren worden, er selbst sagt: „Ich war in der weiblichen Rolle.“

Als Kind hatte der Dortmunder früh keine Lust, mit Puppen zu spielen: „Beim Vater-Mutter-Kind-Spiel war ich der Vater“, sagt er. Darüber machen sich Vorschulkinder natürlich keine Gedanken. In der Pubertät hat sich das aber verändert. „Plötzlich fängt die Oberweite an zu wachsen oder die Periode tritt ein“, sagt Timur: „Das alles wollte ich stoppen.“

Seinen Geburtsnamen möchte Timur hinter sich lassen

Fragt man den 22-Jährigen nach seinem weiblichen Geburtsnamen, zögert er kurz, nennt den, den seine Eltern ihm gaben, dann aber. Doch nach dem Gespräch hat er nur eine Anmerkung: „Können wir den Mädchennamen rauslassen?“, fragt er. Natürlich können wir - und deshalb nennen wir ihn hier auch nicht. Die alte Rolle will Timur hinter sich lassen.

Apropos Name: Nicht viele Menschen suchen sich eine neue Identität aus. „Das war echt schwer“, sagt der junge Mann lachend: „Ich habe überlegt, welchen Namen finde ich schön, welchen würde ich meinen Kindern geben?“ So fiel die Wahl auf Timur. Und um die Bindung zu seinen Eltern zu stärken, durften die einen zweiten Vornamen aussuchen. Das türkischstämmige Paar wählte Can.

Dabei waren die Eltern praktisch die letzten, die von der Identitätskrise ihres Kindes erfuhren. „Der Mut hat wirklich vor meinen Eltern gefehlt, deshalb hab ich es jahrelang verschwiegen“, sagt Timur - weil er nicht wusste, wie seine muslimischen Eltern auf die Nachricht reagieren.

„Ich war überrascht“, sagt er: „Die haben es locker aufgenommen, natürlich hat es viel Zeit gekostet, sich damit anzufreunden. Aber im Endeffekt hab ich seit Tag eins die vollste Unterstützung.“ Timurs Mutter ging mit zu einer Therapiestunde, um selbst vom Psychologen etwas übers Thema zu lernen.

Der Bruder sagte mal: „Du wirst immer meine Schwester bleiben.“

„Als ich gemerkt habe, dass sie tolerant damit umgehen und voll offen sind, hab ich mich überhaupt nicht mehr unwohl gefühlt.“ Sein Bruder habe mal gesagt: „Du wirst immer meine Schwester bleiben.“ Doch das habe sich mit der äußerlichen Veränderung durch die Hormonbehandlung schnell geändert. „Jetzt bin ich mit ihm wie ein Herz und eine Seele.“

Viel zu verdanken hat der 22-Jährige seiner Partnerin, mit der er heute in Scharnhorst zusammenwohnt. Ihr Name, Viktoria, ist auf seinen Unterarm tätowiert. Als sich beide vor fünf Jahren kennenlernten, war sie es, die ansprach, ob sich ihre Freundin mit dem weiblichen Namen vielleicht im falschen Körper fühlte. „Ich hab die Frage auf keinen Fall verneint“, erinnert sich Timur: „Ich hab aber auch nicht Ja gesagt.“

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Das Paar suchte Kontakte zu Psychologen und machte sich über die Jahre schlau, wie eine Geschlechtsangleichung abläuft. Im August 2018 begann die Hormonbehandlung. Die Stimme wurde tiefer, der Bart wuchs. Die erste von insgesamt sieben Operationen war Ende Mai 2019 - und die letzte soll im Februar 2021 stattfinden.

Die Harnröhre entsteht im Unterarm

Mitte Juni fährt Timur nach Berlin, um dort von Spezialisten „alles untenrum“ machen zu lassen, wie er sagt. Er bekommt einen Penis und Hoden. Ein Verband an seinem Arm verbirgt aktuell eine anatomisch ziemlich faszinierende Vorarbeit dafür. Entfernt er den Verband, sieht man die zwei Enden eines Röhrchens, das unter der Haut verläuft.

„Damit wird meine Harnröhre vorpräformiert“, sagt Timur, als sei es das Normalste der Welt. Unter der Haut wurde sechs Monate lang im Arm entwickelt, was sich später im Penis befinden wird: „Wenn ich meine Operation hab, ist es möglich, dass ich sofort daraus urinieren kann.“ Zeugungsfähig wird Timur nicht, eine Erektion ist aber möglich.

Via Instagram zeigt Timur, wie er das Röhrchen pflegen muss:

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Bezahlt werden die Behandlungen und Eingriffe übrigens von der Krankenkasse. „Das sind keine Schönheitsoperationen“, sagt Timur. Er hat einen weiten Weg mit psychologischen Gutachten und Gerichtsterminen hinter sich. Zwar hat er Respekt vor den stundenlangen Operationen - die Vorfreude überwiege aber.

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Sind alle Maßnahmen in einem Jahr beendet, will sich der 22-Jährige nicht mehr als Transgender bezeichnen. „Dann will ich so gesehen werden, wie ich mich fühle“, sagt er deutlich: „Dann bin ich ein Mann.“ Natürlich sei er im Körper einer Frau gewesen, hätte sich aber niemals so bezeichnet.

Die Entscheidung zur Geschlechtsangleichung hat sein Leben komplett verändert. „Ich bin selbstbewusster geworden, ich bin zufriedener, offen. Das war vorher alles nicht“, sagt er: „Ich kann jetzt gerade stehen und fühle mich wohl mit dem, wer ich bin.“

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