OB Thomas Westphal bei seiner Neujahrsansprache 2021 allein im Konzerthaus. © Screenshot
Kommunalpolitik

Thomas Westphal – der virtuelle Oberbürgermeister in der Corona-Pandemie

Die Corona-Pandemie hat auch die Amtsgeschäfte von Dortmunds Oberbürgermeister Thomas Westphal verändert. Der neue OB ist zum Kamera-Star mutiert – und regiert vor allem auf dem Bildschirm.

Oberbürgermeister Thomas Westphal ganz allein im Konzertsaal des Dortmunder Konzerthauses. Er steht mit Amtskette und in Sneakers im Lichtkegel auf der Bühne. Der Rest des Saals ist dunkel. Keine Menschen, kein Handschlag, kein Applaus.

Dort wo sonst beim Neujahrsempfang der Stadt 1400 Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft, Kirche und Sport sowie ehrenamtlich tätige Bürger sitzen und an den Lippen ihres Stadtoberhauptes hängen, sind nur leere Sessel.

Dann erfasst das Licht auch die Stuhlreihen, und Thomas Westphal hält seine 15-minütige Neujahrsansprache ins Leere. Sein Gesprächspartner ist wie so häufig seit seinem Amtsantritt am 1. November allein die Kamera. Der Empfang, der für den 25. Januar geplant war, steht jetzt als Video-Ansprache des OBs im Internet.

Berufsalltag mit Bildschirm

Wer als Oberbürgermeister in einer Großstadt wie Dortmund in Pandemiezeiten sichtbar sein will, braucht auch Inszenierung. Dortmunds neuer OB Westphal (SPD) hat schon seinen Wahlkampf im Corona-Jahr 2020 sehr digital ausgerichtet. Mit vielen Videos. Jetzt im Amt in einer Zeit, in der öffentliche Auftritte nicht möglich sind, ist das zum Berufsalltag geworden. Westphal ist vor allem auf dem Bildschirm zu erleben.

„Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie so viele Videobotschaften eingesprochen“, sagt er. Ob Neujahrsempfang, Wissenschaftstag oder Karnevalssitzung – größere Veranstaltungen laufen zurzeit nur digital. Gern hätte Westphal die von Schülern einer Dortmunder Schule simulierte Ratssitzung selbst eröffnet. Doch auch in diesem Fall musste eine Gratulation zu der Idee per Video reichen.

Bevor Westphals Amtsgeschäfte richtig Fahrt aufnehmen konnten, hat Corona schon Bremsspuren hinterlassen und die meisten Präsenz-Kontakte von seinem Terminkalender gestrichen. Und das zum Start in ein so öffentliches Amt, das er seit nunmehr zehn Wochen innehat. Ein Amt, von dem es heißt, es sei besonders nah am Menschen. Doch durch Corona ist Westphal zurzeit vor allem ein virtueller Oberbürgermeister.

Bremsklotz für politisches Netzwerken

Auch für das politische Netzwerken ist Corona ein Bremsklotz, zumal wenn man wie Westphal den Infektionsschutz ernst nimmt. Im Gegensatz zu einem großen Teil der Stadtverwaltung sitzt Westphal aber nicht im Homeoffice, sondern arbeitet während der zweijährigen Rathaus-Sanierung in seinem Ausweichquartier am Südwall. „Homeoffice kommt für mich kaum infrage, weil mein Arbeitsalltag aus einer Vielzahl von Gesprächen, Rücksprachen und Vereinbarungen zusammengesetzt ist“, sagt er, „da müssten ja alle zu mir nach Hause kommen.“

Um in Pandemiezeiten sichtbar zu sein, muss sich ein Oberbürgermeister zuweilen auch inszenieren.
Um in Pandemiezeiten sichtbar zu sein, muss sich ein Oberbürgermeister zuweilen auch inszenieren. © Screenshot © Screenshot

Er und seine Mitarbeiter haben für die praktische Rathaus-Arbeit eine Mischung gefunden zwischen virtuellen und notwendigen Präsenzterminen. Letztere nur in kleinem Kreis „bei mir im Büro mit Abstand und Maske, aber dann maximal mit bis zu vier Personen in einem Raum inklusive meiner Person.“

„Auch die Abstimmungen mit den Fraktionen finden jetzt alle weitgehend per Videokonferenz statt“, berichtet der OB. Die Grünen und die Partei habe er schon per Video besucht, und auch die SPD-Fraktion, die noch an Präsenz-Sitzungen festgehalten habe, sei jetzt komplett auf Videokonferenzen umgestiegen. „Dann schalte ich mich dazu.“ Sozusagen in „die moderne Briefmarken-Sammlung, weil alle nur in Briefmarken-Größe auf dem Bildschirm zu sehen sind.“

Vier-Augen-Gespräche

Bei Vier-Augen-Gesprächen mit Fraktionsvorsitzenden zieht Westphal allerdings das persönliche Treffen dem Online-Talk vor. „Da ist man ja im ganz kleinen Kreis mit zwei Personen.“ Wenn es ans Eingemachte geht, stößt die Virtualität an ihre Grenzen.

Die wöchentliche Sitzung der Spitzenbeamten, des aktuell achtköpfigen Verwaltungsvorstands der Stadt, findet in einem der Sitzungssäle des neuen Messefoyers der Westfalenhalle statt, weil dort der Mindestabstand gewährleistet ist. Der Rat tagt im Goldsaal, und zum Sonderältestenrat im Dezember etwa haben sich zwei Ratsmitglieder sowie zwei Vortragende virtuell zugeschaltet.

„Technisch klappt das unterm Strich sehr gut“, sagt Westphal. „Das hat mir gezeigt, dass wir im Grunde mit der Pandemie alle noch mal einen richtigen Schub bekommen haben in der digitalen Kommunikation. Ich finde, das ist deutlich besser geworden als am Anfang.“ Das gelte auch für die virtuelle Städtetagsrunde, den Vorstand des nordrhein-westfälischen Städtetags, und den Austausch mit den Bürgermeistern und Oberbürgermeistern der anderen Ruhrgebietsstädte. Einiges davon werde auch nach Corona erhalten bleiben, meint er.

Nicht mehr Zeit

Obwohl Westphal durch die Videochats Wege spart und durch die Pandemie gesellschaftliche Abendveranstaltungen ausfallen, hat er persönlich nicht mehr Zeit. „Das ändert den Tag“, sagt er, „doch die Zeit verschiebt sich auf andere Tätigkeiten.“

Die Neujahrsansprache von OB Thomas Westphal kann man auf der städtischen Homepage als Video abrufen.
Die Neujahrsansprache von OB Thomas Westphal kann man auf der städtischen Homepage als Video abrufen. © Screenshot © Screenshot

Der OB ist bisher von Corona verschont geblieben. Der 53-Jährige wird sich impfen lassen, wenn er an der Reihe ist. „Ich habe mich auch sonst immer gegen alles impfen lassen. Ich bin auch damals gegen die Schweinegrippe geimpft worden.“

Das schrittweise Ausrollen des Impfstoffs sehe er als Licht am Ende des Tunnels, sagt Westphal in seiner Neujahrsansprache im leeren Konzertsaal und fordert die Bürger zum „Ärmel hochkrempeln“ auf. Damit er beim Neujahrsempfang 2022 wieder traditionell vor 1400 Bürgern und Bürgerinnen sprechen kann.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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Gaby Kolle

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