Theater unter Corona-Bedingungen: Große Vorsicht und große Energie

dzSchauspielhaus

Es gibt ein neues Programm für das Schauspiel Dortmund. Es wird den Begriff von Theater in Dortmund verändern. Nicht nur, weil durch die Corona-Krise gewohnte Prozesse außer Kraft gesetzt sind.

Dortmund

, 23.08.2020, 05:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das Theater Dortmund startet am 24. September in eine neue Spielzeit voller Fragen auf Seiten der Theatermacher und auf Seiten der Zuschauer.

Darf ich mich ins Theater trauen? Was bleibt vom Stadttheater wie wir es kennen, wenn bis mindestens Anfang 2021 nichts mehr so ist wie es bis März war? Und: Was darf Dortmund eigentlich von der neuen Intendantin Julia Wissert erwarten, die auf Kay Voges gefolgt ist?

Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt im Dienste des Theaters richten sich viele Blicke auf die 36-jährige Freiburgerin. Sie muss sich noch daran gewöhnen, bei der Vorstellung dem „Intendantin“ nicht das geübte „designierte“ hinzuzufügen.

Theater mit maximal 50 Personen auf der Hinterbühne

Der Termin zur Programmvorstellung ist eigentlich schon die erste Inszenierung. Die Teilnehmer finden sich im großen Halbkreis sitzend auf der Bühne des Schauspielhauses ein. Das wird bis Ende Oktober der Ort für viele Inszenierungen bleiben, weil sich so die Situation vorerst am besten kontrollieren lasse.

Beim „On stage“-Format auf der Hinterbühne befindet sich das Ensemble in sechs Meter Abstand vom Publikum, das auf Sesseln und Sofas sitzen wird. Ab November könnte es wieder in den richtigen Theatersaal gehen, wie genau, ist offen. Alles ist „dynamisch“ in diesen Tagen am Schauspiel Dortmund.

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Nach kurzen Begrüßungsworten bemüht sich Wissert, möglichst schnell das Licht von ihr weg und auf das Dramaturgen-Team um sie herum zu richten. Das besteht an diesem Tag aus sieben Frauen und einem Mann. Das ist nur eine Momentaufnahme, aber vielleicht auch schon ein Hinweis darauf, was sich am Dortmunder Theater in Zukunft verändert.

Viele ungewöhnliche Ansätze im Programm für September und Oktober

Das Programm für September und Oktober enthält ungewöhnliche Ansätze und Themen. Das Dortmunder Theaterpublikum kann in der Tiefgarage des Opernhauses eine „Ballroom-Garage“ entdecken und damit queerer Kultur und Geschichte näher kommen.

Es kann sich auf eine feministische Deutung des „Faust“ vorbereiten. Oder bei theatralen Rundgängen der Frage nachgehen „Was wird die Stadt gewesen sein, in der wir leben werden?“ und erkunden, wie unser heutiges Leben in 150 Jahren betrachtet werden könnte.

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Das alles soll „einen ersten Impuls in die Stadt setzen“, sagt Wissert. Sie wirkt ehrlich neugierig auf die Stadt, in der sie jetzt wirken darf.

Alle Ideen von Sicherheit zerfallen - die Intendantin sieht darin eine Chance

Julia Wissert sagt, man wolle „das Beste aus dem Zerfall aller unserer Ideen von Sicherheit“ machen. Sie meint das so. Denn es geht aus ihrer Sicht gerade darum, zu erforschen, welche Ausdrucksform den neuen Gegebenheiten entspricht. Und damit auch darum, ob Dortmund nicht vielleicht einen neuen Begriff von Stadttheater braucht.

„Wir sind mehr Laboratorium als Stadttheater. Wir sollten die Corana-Situation nutzen, um zu überlegen, ob Stadttheater das ist, was wir wirklich wollen“, sagt die 36-Jährige.

Dass ein städtisch finanziertes Theater nur vor 50 statt vor mehreren Hundert Zuschauern spielen darf, ist ein nachvollziehbares ökonomisches Desaster. Dem aber nach erstem Eindruck die Menschen am Schauspiel nicht mit Resignation, sondern mit großer Energie begegnen.

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Darf man sich also trauen, wieder ins Theater zu gehen? Antwort: Ja, wenn man bereit ist, andere Abläufe zu akzeptieren. Die Personengruppen werden klein gehalten. Es gelten zahlreiche Hygienemaßnahmen wie Hände-Desinfektion und Maskenpflicht bei Bewegung im Theater.

So startet das Theater Dortmund in die Spielzeit

  • Am 24. September stellen sich jeweils sechs Darsteller aus dem Ensemble bei drei Touren (18, 20 und 22 Uhr) durch das Schauspielhaus vor. Je 20 Zuschauer, die noch einmal in zwei Gruppen aufgeteilt werden, können dabei sein.
  • Die Eröffnungspremiere „2170 – Was wird die Stadt gewesen sein, in der wir leben werden?“ (25. 9. bis 3. 10., 19.30 Uhr) inszeniert Wissert selbst. Sie verspricht eine Zeitreise und eine Wanderung bis in die Nordstadt – ein Stück, das Installation, Hörspiel, Live-Theater und Konzert sein soll. 75 Zuschauer dürfen an der dreistündigen Wanderung teilnehmen.
  • Konzerte wird es „On stage“ geben, auch ein Hörspiel für Jugendliche und eine „Garagen-Xtravaganza“, wenn das Schauspiel die Opernhaus-Tiefgarage am 23. Oktober zum „Ballroom“ macht. – Inklusive Catwalk und auch buchbar mit Auto.
  • Die „Faust-Test-Spiele“ (24. / 25. 9.) bereiten die erste große Premiere der neuen Ära vor: „Faust I“ am 31. 10., 19.30 Uhr, mit Publikum im Saal. Regisseur Mizgin Bilmen will eine „feministische Lesart des Faust“ entwickeln, so Wissert.
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