Es ist die Kehrtwende in der Schulpolitik während der Corona-Pandemie: Alle Grundschüler werden ab 15. Juni wieder unterrichtet. Die Reaktionen darauf aus Dortmund sind gemischt.

Dortmund

, 05.06.2020, 12:10 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das NRW-Schulministerium hat in einer Nachricht an alle Schulen am Freitag (5.6.) für eine große Überraschung gesorgt. Die Grundschulen und die Primarstufen der Förderschulen kehren ab dem 15. Juni (Montag) „grundsätzlich wieder zu einem Regelbetrieb mit Unterricht möglichst gemäß Stundentafel“ zurück, heißt es in der aktuellsten Schulmail des Ministeriums.

Das bedeutet: Alles läuft wieder wie vor der Schulschließung von Mitte März. Allerdings mit weniger Lehrern: Denn Lehrer, die laut Attest zur Corona-Risikogruppe gehören, bleiben weiterhin außer Dienst.

Die Schulen sind überrascht von der Nachricht

Die Dortmunder Schulen trifft diese Nachricht beinahe gänzlich ohne Vorwarnung. „Es hat sich nicht angedeutet“, sagt Vera Gelissen, Leiterin der Kreuz-Grundschule in der südlichen Innenstadt.

Iris Hellebrandt, Leiterin der Bach-Grundschule in Wickede, sagt am Freitagmittag, kurz nach Bekanntwerden des Kurswechsels: „Ich bin fassungslos. Jetzt müssen wir wieder alles ummodeln. Wir waren eigentlich froh, dass sich Eltern und Kinder gerade ein bisschen an das System mit dem versetzten Unterricht und den kleineren Gruppen gewöhnt hatten.“

Die Abstandsregel gilt in Schulen nicht mehr

Die neuen Vorgaben in Kurzform: Die 1,5-Meter-Abstandsregelung wird durch feste Lerngruppen mit versetzten Zeiten ersetzt. Das ist auch der Grund, warum weiterführende Schulen bis zu den Sommerferien bei tageweisem Unterricht bleiben.

Die Maskenpflicht bei allen Bewegungen auf dem Schulgelände bleibt bestehen. Eltern dürfen das Gebäude nach wie vor nicht betreten.

Schuldezernentin: Wir können den Regelbetrieb sicherstellen

Dortmunds Schuldezernentin Daniela Schneckenburger sagt: „Wir können von Seiten des Schulträgers den Regelbetrieb sicherstellen.“ Die Anforderungen an Räume und Reinigung könnten umgesetzt werden, da es im Hintergrund schon die Planungen für den Fall gab, dass alle wieder unterrichtet werden. So sei auch der bei Grundschülern vermutlich nur leicht ansteigende Schülerverkehr mit Bus und Bahn zu bewerkstelligen.

Es sei bedauerlich, dass den Schulen so wenig Zeit zur Vorbereitung bleibe. „Für die Kinder sind es zwei Wochen Normalität. Ob da viel gelernt werden wird, ist eine andere Frage“, sagt Daniela Schneckenburger. Ein Modell für alle Jahrgänge nach den Ferien sei der jetzige Plan für die Grundschulen aus ihrer Sicht nicht.

Gemischte Stimmung unter Schulleitern und Lehrern

Kreuz-Grundschul-Direktorin Vera Gelissen beschreibt im Kollegium eine Stimmung zwischen „jubeln darüber, dass es endlich wieder los geht“ und der Frage „ob man jetzt für zwei Wochen bis zu den Ferien wieder alles umwerfen muss“. Sie spricht von einer „Hammeraufgabe für alle Dortmunder Schulleiter“.

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Ihre Kollegin von der Bach-Grundschule im Osten der Stadt sagt: „Ich hätte es besser gefunden, wenn das jetzt bis zu den Sommerferien beibehalten worden wäre. Auch die Lehrergewerkschaften hatten das gefordert. Auch die Abstandsregeln werden ja dann wieder komplett über den Haufen geworfen.“ Ein Problem sei auch die Kürze der Zeit, in der die über 100 Grund- und Förderschulen die Rückkehr in den Regelbetrieb jetzt organisieren müssen.

Schüler kommen in einem festen Rhythmus, damit sie sich möglichst selten begegnen

Aus dem rollierenden System wird ein zeitversetzter Beginn aller Jahrgänge. An der Kreuz-Grundschule ist ein 15-Minuten-Rhythmus geplant, der sich vom Unterrichtsstart um 8 Uhr durch Pausen, Mittagessen und Offene Ganztagsbetreuung ziehen soll.

Denn auch das OGS-Angebot soll nach dem Willen des Schulministeriums von Yvonne Gebauer (FDP) noch vor den Ferien wieder aufgenommen werden. Das ist für viele Dortmunder Eltern eine positive Nachricht. Für die Schulen ist es ein weiterer Punkt auf der langen Liste der Dinge, die jetzt neu durchdacht werden müssen.

Claudia Ohlhage, Leiterin der Regenbogen-Grundschule in Mengede sagt: „Wir müssen wieder ganz, ganz schnell Planungen entwickeln.“ Wie die konkret aussehen, kann sie am Freitagmittag noch nicht sagen. Eine Wertung möchte sie nicht abgeben. „Wir müssen es halt umsetzen und schauen, wie wir das personell und räumlich machen können.“

Hubert Pauli, Direktor der Urbanus-Grundschule im Stadtteil Huckarde, rechnet am Beispiel seiner Schule vor, was jetzt ansteht „Unser Kollegium besteht aus 16 Lehrkräften. Vier Vollzeitkräfte gehören zu Risikogruppen und durften zuletzt nicht arbeiten. Weil die Schüler zuletzt quasi auch nur in Teilzeit da waren, war das alles gut zu organisieren. Wenn die Schüler jetzt wieder Vollzeit zur Schule kommen wird das komplizierter. Aber wir werden einen Weg finden, davon gehe ich aus.“

An vielen Schulen wird es so sein, dass Fächer wie Religion oder Schwimmen mit gemischten Gruppen vorerst nicht stattfinden.

Erste Elternreaktionen sind sehr positiv – aber es gibt auch viel Kritik

Die ersten Reaktionen von Dortmunder Eltern auf die Nachricht sind in sozialen Netzwerken bislang eher positiv. „Endlich dürfen Grundschüler auch wieder etwas mehr Normalität erleben. Das lohnt sich auf jeden Fall“, schreibt die Dortmunderin Alexandra Roßbach. „Meine Kinder freuen sich“, sagt eine andere Dortmunderin.

Aber es gibt auch massive Kritik an der Entscheidung des Ministeriums. Die Dortmunder Stadteltern-Vorsitzende Anke Staar bemängelt, dass sich die Landesregierung gegen die einhellige Empfehlung von Elternverbänden, Rektorenkonferenz und Lehrergewerkschaft gestellt habe, mit dem Regelunterricht erst nach den Sommerferien zu starten.

„Wir brauchen keine Bespaßung, sondern ein Bildungsangebot. Und wenn alles im grünen Bereich sein soll und wir keinen Abstand mehr brauchen, warum gibt es dann noch Lehrer, die zu Hause bleiben dürfen?“, fragt Anke Staar.

Die Lehrer-Gewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE NRW) leg sich in einer ersten Einschätzung fest: „Der immense Aufwand für wenige Tage die hart erarbeiteten Pläne erneut umzuschmeißen und sich neu zu organisieren, steht in keinem Verhältnis zum Nutzen. Wir sind fassungslos über den Umgang mit den Schulen in Nordrhein-Westfalen“, so Stefan Behlau, Landesvorsitzender des VBE NRW.

Nach den Ferien soll es an allen Schulen wieder normal laufen

Laut NRW-Schulministerium soll der kurzfristige Start ein Signal dafür sein, dass auch nach den Sommerferien im August - wie bei allen aktuellen Regelungen vorbehaltlich der positiven Entwicklung des Infektionsgeschehens - für alle Schulformen wieder der normale Lehrbetrieb möglich sein soll.


Wie finden Sie es, dass der Unterricht für alle Grundschüler wieder möglich ist? Schreiben Sie uns an dortmund@lensingmedia.de

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