Die Stößchen-Tour zum Auftakt der Dortmunder Biertage huldigt einer Dortmunder Erfindung und der Kraft des Bieres, denn am Ende ist egal, mit wem man eigentlich gekommen ist.

Dortmund

, 28.04.2019, 17:53 Uhr / Lesedauer: 3 min

"Prost", begrüßt der Busfahrer seine Gäste. Was Passagieren sonst wohl Schweißperlen auf die Stirn treibt, beunruhigt am vergangenen Freitagabend niemanden. Zumal Fahrer Michel Werner natürlich komplett nüchtern ist. Damit ist er an diesem Abend aber ziemlich alleine. Denn die Dortmunder Biertage starten mit einer Ode an ein Dortmunder Original – In einer vierstündigen Tour wird dem Stößchen gehuldigt und dem Dortmunder Bier.

Auf dem Parkplatz am U, dort wo früher das Bier der Union-Brauerei abgefüllt wurde, geht's los. Mit Union, Ritter und DAB drängten sich hier früher drei große Brauereien in unmittelbarer Nähe, weshalb die Rheinische Straße früher auch Bierallee genannt wurde, erzählt Christian Wolf. Der gelernte Brauer leitet durch den Abend und sagt selbst, er wolle den Bierhorizont der Leute erweitern. Seit 21 Jahren arbeitet er an der Steigerstraße. Brauwolf nennen ihn die Leute, sagt der 42-jährige. Wegen des Nachnamens. Bei seiner Statur wäre aber auch ein anderes Tier als Namensgeber in Frage gekommen – Groß gewachsen, langer Bart und riesige Hände: Wolf ist ein Bär von einem Mann. "Siebeneinhalb Millionen Hektoliter Bier wurden in der Hoch-Zeit Dortmunds im Jahr produziert. Das ist eine verdammte Menge", sagt der Brauwolf. Heute sind es noch etwa zwei.

Stößchen-Tour: Mit dem Bus durch die Dortmunder Biergeschichte

"Brauwolf" Christian Wolf will den Bierhorizont der Teilnehmer erweitern. © David Chebbi

Kaffeefahrt in Dortmunds Biergeschichte

Export und Jubiläumsbier von Union sind die ersten beiden Biere, die im Schatten des ehemaligen Leuchturms der Unionbrauerei in die Stößchen der 50 Teilnehmer gefüllt werden. Auf Brüderschaft trinken muss hier niemand. Man trinkt zusammen, man duzt sich, da scheinen sich die Leute einig zu sein. Und auch die ersten Kenner zeigen sich: "Also, das erste fand ich besser", sagt eine Frau zu ihrem Mann. Der erwidert: "Das haben sie falsch abgestimmt. Kannst nicht erst ein Süßes und dann ein Herbes ausschenken." Wirklich stören, tut das aber niemanden und die Gruppe aus Studenten, Eheleuten und Mittfünfzigern steigt gut gelaunt, jeder ein Bierchen in der Hand, in den Bus. Kaffeefahrt trifft Klassenfahrt.

Erstes Ziel ist der Hafen, von dem aus das Dortmunder Bier seine Reise in die Welt antrat. Eigentlich nur ein Steinwurf entfernt, aber der Bus nimmt einen weiteren Weg, am Burgtor vorbei. Hier liegt nämlich der Ursprung des Stößchens, erzählt Wolf während der Fahrt.

Ein findiger Wirt, der seine Kneipe direkt an einem Bahnübergang hatte, soll es erfunden haben. Weil es noch keine Unterführung gab, mussten die Leute dort lange an der Schranke warten. Nicht lange genug für ein großes Bier, aber genug Zeit für ein kleines, das man in einem Stoß trinken konnte – ein Stößchen eben. Zwischen 0,1 und 0,18 Liter sind traditionell in einem Glas. Der 0,1-Eichstrich kam erst später auf die Gläser.

So lange noch was da ist, gibt es auch einen Nachschlag

Mit dem nehmen es die beiden Helfer, die mit dem Auto zu den Stopps vorfahren und dort schon alles platzieren, aber ohnehin nicht ganz so ernst. Ins Glas kommt, wie viel ins Glas passt. Am Hafen sind das Hansa und Brinkhoff's. Und so lange noch etwas da ist, gibt es auch noch einen Nachschlag.

Im BierCafé West im Westpark zwar nicht, dafür aber ein frisch gezapftes Bier, das die Bochumer Fiege Brauerei eigens für das Café braut. Das einzige Bier an diesem Abend, das nicht aus Dortmund kommt. "Das hat mir nicht so gut geschmeckt", sagt Ulrich Garstecki im Bus, als die Tour schon den dritten Stop, einen Kiosk am Südwestfriedhof und dort Kronen- und Ritter-Bier hinter sich gelassen hat. "Als die Fiege Brauerei uns früher Bier zum Probieren an die Klinken gehangen hat, haben wir das weggeschüttet. Aber ich bin halt auch Dortmunder Jung und Kronen-Kind."

Weil man bei der Tour den Vergleich habe, könne man auch sehr schön die Unterschiede bei den Biersorten herausschmecken, findet der 54-Jährige und bietet etwas von seiner gemischten Tüte an, die er sich gerade gekauft hat. Die Lautstärke im Bus ist mittlerweile angestiegen, die Leute haben einen seligen Blick aufgelegt und unterhalten sich – nicht nur mit den Leuten, mit denen sie gekommen sind.

Stößchen-Tour: Mit dem Bus durch die Dortmunder Biergeschichte

Am Dortmunder U begann und endete die Tour © David Chebbi

Lernfahrt zum Lieblingsgetränk

Nur einer leidet: Busfahrer Michel Werner. "Ich habe die Leute schon beobachtet und mir ist aufgefallen: Ich kann es besser ertragen, wenn ich den Leuten beim Essen zugucken muss als beim Trinken", sagt er und lacht. "Aber mir macht's trotzdem Spaß. Ich nutze die Gelegenheit, um mehr über mein Lieblingsgetränk zu lernen", sagt der 27-Jährige und steuert den letzten Stopp an: Die Stehbierhalle der Bergmann-Brauerei auf Phoenix-West. Hier gibt's noch einmal ein frisch gezapftes Bergmann und – als die Stehbierhalle schließt – auf dem Parkplatz noch Stifts und Brinkhoff's. Außerdem wird getrunken, was von den anderen Sorten übrig geblieben ist, sodass unterm Strich mehr Stößchen als die angekündigten zehn die Kehlen heruntergeflossen sind. Das merkt man auch.

Zurück am U ziehen noch ein paar gemeinsam weiter, einer singt "Ein Hoch auf unser'n Busfahrer" und auch Busfahrer Michel Werner kriegt dann sein wohlverdientes Feierabendbier.

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