Sperrt den Wall jedes Wochenende!

dzKlare Kante

Der Klimastreik der For-Future-Bewegungen (Fridays, Parents, Churches und wie sie alle heißen) hat für Behinderungen gesorgt. Und nichts bewirkt. Ein Drei-Punkte-Plan, um weiterzukommen.

Dortmund

, 20.09.2019, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Tausende Menschen fassen sich an den Händen. Die Kette geht halb um den Wall. Sie alle hier eint ein gemeinsames Ziel: Aufmerksam zu machen auf den Klimawandel, auf das Ungemach, das der Menschheit dräut, wenn sie sich nicht ganz, ganz schnell eines besseren besinnt, ihre Gewohnheiten massiv ändert. Klingt friedlich und erstrebenswert. Ist es aber nicht: Denn ringsum herrscht das Chaos (auch wenn es von außen betrachtet kleiner ausfiel als befürchtet; letztlich kommt es auf die Perspektive an). #AllesfürsKlima.

Eine große Zahl an Autofahrern steht dennoch im Stau. Weiß nicht vor, nicht zurück, nicht links, nicht rechts. Alles voll, alle Straßen verstopft, keine Möglichkeit auszuweichen. Mitgefahren, mitgefangen. Was tippen Sie, wie die Stimmung am Steuer wohl war an diesem Freitag, als sich die hier beschriebenen Szenen in der Dortmunder City zugetragen haben, versehen mit dem Label „Klimastreik“? Richtig...

Es hatten insbesondere die Autofahrer das Nachsehen in unserer Stadt, in der nach Meinung von so vielen viel zu viel Auto gefahren wird, in der die Forderungen nach mehr und besserem ÖPNV, nach mehr und besseren Radwegen in schöner Regelmäßigkeit aufs Tapet kommen.

Klimastreik ist nur ein Symbol

Schön und gut. Aber letztlich ist dieser „Klimastreik“ nicht mehr als ein Symbol. Und die ganze Demonstrativität, mit der einzelne Firmen, Verbände oder Organisationen sich hinter ihre „streikenden“ Mitarbeiter stellen, ihnen offiziell gestatten, sich zu beteiligen und der Arbeit fernzubleiben - am Ende ist das im Wesentlichen PR.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Symbole sind wichtig. Aber sie bewirken letztlich wenig bis nichts. Ebenso wenig wie die gebetsmühlenartig vorgetragene Selbst-Versicherung, dass Dortmund nach Hamburg die zweitgrünste Großstadt Deutschlands sei. Und ebenso wenig wie der nächste und der übernächste Nachhaltigkeits- oder Umweltpreis.

Große Schritte wagen

Alles schön, alles gut, alles richtig - aber letztlich Babyschritte in die richtige Richtung, und alles getragen von übergeordneten Strukturen. Ist ja auch bequemer so. Wenn die da oben sich bemühen, brauche ich Dieselnormaldortmunder ja nichts weiter zu tun, oder? Falsch!

Wenn wir es wirklich ernst meinen mit dem Klimaschutz, mit der Nachhaltigkeit, mit alledem, was mal Dutzende, mal hunderte und bei großen Partywallmenschenkettenstreikaktionstagen auch mal Tausende ritualisiert so „For Future“ – für die Zukunft – fordern, ist es Zeit für die nächsten Schritte.

Der Drei-Punkte-Plan fürs Klima

Schritt 1: Sperrt den Wall. Und zwar nicht nur für besondere Aktionen, sondern regelmäßig. Wie wäre es mit einem autofreien Sonntag für den Anfang? Keine Autos auf und innerhalb des Cityrings?

Wenn dann die Gewöhnung eintritt und an passender Stelle ein paar Freiflächen zu Park-and-Ride-Plätzen für Auswärtige weiterentwickelt wurden, tasten wir uns weiter vor zum autofreien Wochenende. Und nach ein paar dramatischen Samstagen mit chaotischen Zuständen rings um in den Zufahrtsstraßen haben es dann hoffentlich alle kapiert. Und wir sind einen echten Schritt vorangekommen.

Weg mit dem Fleisch

Schritt 2: Kein Fleisch mehr in Kantinen und Mensen, vegane Konzepte für alle öffentlichen Speiselokalitäten, und auch bei Gastronomieplänen bekommt immer Veganes den Vorzug und Förderungen. Denn Klimasünder sind nicht nur Autofahrer. Sondern Fleischesser ebenso. Besagt nicht nur der aktuelle Bericht des Weltklimarates, für den 107 Wissenschaftlern in dreijähriger Arbeit über 7000 Umweltstudien ausgewertet haben.

Im Groben: Steigender Fleischkonsum steigert die Nachfrage nach Futter. Verfüttert wird oft Soja. Für den massenhaften Anbau muss in Südamerika Regenwald weichen. Der wiederum ist so etwas wie die Lunge der Erde. Wenn die kollabiert, wird‘s dramatisch. Vom Transport des Futters wollen wir gar nicht erst anfangen.

Das gilt übrigens teils auch für vegetarische Austauschprodukte, die auch oft auf Soja basieren. Also auch kein Soja-Burger-Ersatz.

Zudem: Pro Kilo Rindfleisch entstehen mehr als 13 Kilo Treibhausgase. Bei einem Kilogramm Gemüse seien es dagegen nur 153 Gramm.

Nahverkehr statt Fliegen

Schritt 3: Kein Geld für Flugreisen. Dafür, dass Flugzeuge echte Klimakiller sind, braucht man an dieser Stelle sicherlich keine Studien anzuführen. Mein Kollege Felix Guth hat an dieser Stelle im Mai die Forderung formuliert: „Werdet den Flughafen los, so lange ihr noch könnt“. Drastisch, mag sein. Aber ungeachtet aller anderen Erwägungen aus Klima-Sicht sicherlich nachvollziehbar.

Der Flughafen ist defizitär, Haupteigner ist die Stadttochter DSW21, Minderheitseigentümer die Stadt selbst. Jedes ÖPNV-Ticket in Dortmund finanziert den Flughafen letztlich mit. Wer will bestreiten, dass es im Sinne einer echten Klima-Wende besser wäre, das Geld in die Verbesserung von Bus und Bahn zu stecken?

Zurück in die Gegenwart: Die Gedanken sind weitreichend, schon klar. Und haben zweifellos massenweise Haken, Nebenaspekte und Dinge, die es zu bedenken und abzumildern gilt. Das ist Aufgabe des Prozesses. Aber: „Am Anfang eines großen Erfolges steht immer eine Vision“. Herrmann Simon, Unternehmensberater, gefunden in „Geistreiches für Manager“, Campus Verlag, 2000. Die Vision darf nur nicht Vision bleiben. Und auch nicht nur Symbol. Siehe oben.

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