Wohnungslosigkeit ist in Dortmund durch die Corona-Krise deutlicher sichtbar geworden. © Stephan Schütze
Dortmund-Barometer

Soziale Folgen von Corona: Die Ärmsten sind die Verlierer der Krise

Die sozialen Folgen der Corona-Krise werden Dortmund noch lange beschäftigen. Die Pandemie hat viele Probleme sichtbar gemacht. Am härtesten trifft sie Gruppen, die schon benachteiligt sind.

Corona hat die soziale Lage in Dortmund verändert – und für viele Menschen in der Stadt verschärft. Denn neben den gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Lockdowns zeigen sich zahlreiche Phänomene eines großen Problems.

Aber: Es gibt Hoffnung, dass die Stadtgesellschaft stark genug ist, Wege aus der Krise heraus zu finden.

Mehr als 5000 zusätzliche Arbeitslose

Die Arbeitslosigkeit in Dortmund lag trotz leichter Herbstbelebung im November 2020 bei 11,5 Prozent und damit 1,6 Prozent höher als zum gleichen Zeitraum im Vorjahr. Die Zahl der angebotenen Stellen ist um 40 Prozent zurückgegangen.

5200 Dortmunderinnen und Dortmunder mehr als im November 2019 sind arbeitslos. Das bedeutet auch: Für 5200 Menschen und ihre Angehörigen hat sich die Lebenssituation grundlegend verändert.

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat Folgen für den Etat der Stadt Dortmund. Steigenden Sozialausgaben und fehlenden Einnahmen belasten den kommunalen Haushalt im Corona-Jahr mit 150 Millionen Euro zusätzlich. Bisher hatte das keine Kürzungen im sozialen Bereich zur Folge.

Die Auswirkungen des zweiten Lockdowns auf die Arbeitslosenquote sind noch nicht absehbar. Heike Bettermann, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Dortmund, sagte zuletzt: „Es wird noch einige Monate brauchen, um wieder auf das Niveau vor der Corona-Krise zu kommen. Insbesondere Menschen ohne ausreichende Qualifikation werden es schwer haben.“

Die Krise spüren diejenigen am meisten, die vorher schon wenig hatten

Damit spricht Bettermann eine Corona-Wahrheit aus, die mehrere Studien in diesem Jahr bestätigten: Die Folgen der Krise spüren auch in Dortmund vor allem diejenigen, die ohnehin schon vorher wenig hatten.

Eine der am häufigsten verwendeten Metaphern in diesem Jahr war das „Brennglas“, unter dem ein Bündel von Problemen entflammt.

Menschen mit geringem Nettoeinkommen, in Minijobs, Leiharbeit oder befristeter Beschäftigung waren infolge von Corona-Einschränkungen überdurchschnittlich betroffen. Zudem erlitten Menschen mit Migrationshintergrund häufiger Einkommenseinbußen.

Wohnungslosigkeit war ein Spiegelbild der Krise

Das könnte sich die Stadt vermutlich gesellschaftlich auch nicht leisten. Eines der präsentesten sozialen Themen dieses Jahres war die Wohnungslosigkeit. Weil im März plötzlich viele der ohnehin schon knappen vorhandenen Angebote für Übernachtung und Beratung wegbrachen, wurde Obdachlosigkeit auf einmal sichtbar.

Viele Einrichtungen aus diesem Bereich wie Bodo, Diakonie oder Gast-Haus berichteten von Menschen, die durch die Krise auf der Straße landeten. Sie berichteten von katastrophalen hygienischen und gesundheitlichen Verhältnissen und hohem psychischen Druck.

Zugleich kam im Sommer eine Debatte über die wachsende Präsenz von wohnungslosen Menschen in der Innenstadt auf.

Eine Debatte, die viele Engagierte in Dortmund im Zusammenspiel mit der lokalen Politik auf eine konstruktive Weise zu beantworten wussten. Die Zelte am U sind keine Lösung für das Gesamtproblem, aber ein Zeichen, dass die Stadt zusammenhält.

Bildungsungleichheit an den Dortmunder Schulen ist sichtbar geworden

Ein Ungleichgewicht wurde im März auch an den Dortmunder Schulen sichtbar. Im Schul-Lockdown im März wurden unterschiedliche Bedingungen sichtbar wie nie zuvor. In zahlreichen Familien ist das Lernen zu Hause ein Problem, sowohl technisch als auch inhaltlich.

Viel guter Wille bleibt im zähen Schulsystem des Landes hängen, in dem nach der Meinung vieler benachteiligte Familien nicht ausreichend berücksichtigt werden. Auch wenn im Herbst die ersten IPads angekommen sind.

In vielen Einrichtungen der sozialen Unterstützung ist vieles nicht mehr so, wie es vor Corona war. Persönliche Treffen sind eingeschränkt, Beratung findet digital statt. Das führt dazu, dass Menschen nicht erreicht werden, denen eigentlich Hilfe zusteht.

Welche Antworten gibt Dortmund 2021 auf die neuen, alten Probleme?

2021 wird entscheidend sein, welche Wege Dortmund im Zusammenspiel von Bürgern, Politik und Institutionen findet, um auf die Probleme zu reagieren.

Wie schwierig das wird, zeigt sich beispielhaft an der Arbeit des Kinderschutzbundes Dortmund. Dessen Geschäftsführerin, Martina Furlan, sieht viele „Menschen am Limit“. Das gelte besonders für Familien, die auf kleinem Wohnraum mit vielen Problemlagen gleichzeitig zurecht kommen müssen.

„Wir müssen jetzt schnell handlungsfähig werden, um solchen Familien schnell und unbürokratisch zu helfen, damit da Entlastung hineinkommt“, sagt Furlan. Die Hilfe müsse sehr niedrigschwellig sein und das sei eine Herausforderung.

„Das haben wir so bisher nie gebraucht. Wir müssen jetzt neue Ideen finden“, sagt die Kinderschutzbund-Geschäftsführerin.

Studie der FH Dortmund bestätigt: In einer Krise entwickeln sich auch positive Veränderungen

Martina Furlan sieht wie viele andere Menschen in Dortmund aber auch positive „soziale Folgen“ der Pandemie. „Dass man sich mehr füreinander interessiert, dass Zusammenhalt entsteht, die Unterstützung von Benachteiligten.“

Studierende der Sozialwissenschaft an der FH Dortmund haben im Frühjahr herausgefunden, dass viele Dortmunder während der Zeit großer Einschränkungen positive Veränderungen in ihrem Alltag gespürt haben. Genannt wurden Solidarität oder mehr Zeit für Kreativität und Bewegung.

Vieles davon bleibt. Ebenso wie die negativen individuelle Folgen des Dauer-Krisenzustands wie Einsamkeit, Zukunftsangst oder Überlastung.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth

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