Nicht nur mit Razzien und Kontrollen - wie hier auf unserem Archivbild aus der Nordstadt - geht die Polizei gegen Clan-Krimininalität in Dortmund vor. © RN-Archiv
Kriminalität

So will Dortmunds Polizei verhindern, dass Clan-Kinder auch kriminell werden

Bei der Clan-Kriminalität liegt Dortmund in NRW aktuell auf Platz 4. Mit einem Programm für Kinder und jugendliche Clan-Mitglieder setzt die Polizei vor allem auf die Mütter.

Die Zahlen klingen alarmierend: 343 Straftaten in Dortmund ordnete das Landeskriminalamt (LKA) im Kalenderjahr 2019 Mitgliedern von kriminellen Clans zu. Das sind die aktuellsten Zahlen – und damit liegt Dortmund NRW-weit auf Platz 4. Ebenso bei den Tatverdächtigen. 2019 lebten laut LKA 202 mutmaßlich kriminelle Mitglieder aus türkisch-arabischstämmigen Großfamilien in Dortmund, darunter 12 Intensivtäter, die mehr als 5 Straftaten begangen haben.

Dortmund ist damit ein Zentrum der Clan-Kriminalität. Die Polizei geht mit großen Razzien vor allem in der Nordstadt dagegen vor. Doch setzt sie nicht allein auf Repression, sondern seit dem Frühjahr 2020 mit einem Präventionsprojekt auch auf Sorge statt Drohung, auf frühe Hilfe statt später Härte.

Das wissenschaftlich begleitete Programm „Integration, Orientierung, Perspektiven! – 360 Grad“ zielt auf Kinder und junge Jugendliche von 8 bis 14 Jahren, die schon ziemlich häufig mit der Polizei zu tun hatten, sogenannte „stark kriminalitätsgefährdete Kinder“.

Ein Kind und ein Jugendlicher

Dortmund ist dabei einer von vorerst sieben Standorten in NRW, in denen das Projekt läuft. Hier nehmen ein Kind und ein Jugendlicher teil. Es handelt sich nicht um ein Aussteigerprogramm im klassischen Sinn; denn anders als zum Beispiel in extremistischen Bereichen gibt es keine Einstiegsprozesse in Familienclans, an denen man vorbeugend ansetzen könnte.

Das Projekt will auch nicht Familien auseinanderdividieren, doch es will positiven Einfluss auf die betroffenen Kinder und ihre Eltern nehmen und nimmt dabei als Hebelwirkung in die Familienstrukturen besonders die Mütter in den Blick; denn die wollen ihre Kinder sicher nicht im Gefängnis sehen. „Ziel ist es, den Betroffenen Orientierung zu geben – und etwa kriminelle Clanchefs als Anbieter in dem Bereich abzulösen“, teilt Behördensprecherin Dana Seketa auf Anfrage mit. Einzelne Familien sollen gestärkt und selbstbewusst gegenüber dem Clan gemacht werden.

Der Schlüssel zum Erfolg

Vor Ort arbeite, neben erfahrenen Kriminalbeamten, eine in Bezug auf die Zielgruppe erfahrene pädagogische Fachkraft, die eigens für diese Aufgabe verpflichtet worden sei. Es gehe um eine sehr differenzierte Betrachtung des Phänomens der Clan-Kriminalität, erklärt Seketa: „Wer macht Probleme, wer hat Probleme, wer macht und hat Probleme und vor allen Dingen – warum?“

Das herauszufinden, sei Aufgabe der pädagogischen Fachkraft. „Das ist der ,Schlüssel zum Erfolg‘“, so die Polizeisprecherin, „denn nur, wenn die Ursachen bekannt sind, kann an ihnen gearbeitet und können im weiteren Verlauf Straftaten verhindert werden.“ Mit dieser Herangehensweise habe die Initiative „Kurve kriegen“, die sich um Intensivtäter kümmert und in die das Projekt eingebettet ist, bereits eine fast zehnjährige Erfolgsgeschichte geschrieben. Seketa: „Da lag es nahe, dieses Werkzeug als eines der ersten auch für das Projekt ,360 Grad‘ zu nutzen.“

Integration in die Gesellschaft

Nächster Schritt sei, den Familien andere Perspektiven als Alternative zu einem kriminellen Lebenswandel aufzuzeigen und sie zu schaffen. Dazu befinde sich eine Zusammenarbeit der verantwortlichen Projektbeteiligten mit dem NRW-Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales sowie dem Jobcenter im Aufbau, berichtet die Polizeisprecherin: „Wichtig ist, nicht nur Druck aufzubauen, ohne einen Ausweg aufzuzeigen. Denen, die etwa einen Namen tragen, der sie wegen des Tuns anderer stigmatisiert, soll dieser Ausweg aufgezeigt werden. Über Bildung und die Attraktivität einer legalen Erwerbsbiografie soll letztlich die Integration in die Gesellschaft gelingen.“

Neben Dortmund werden in den Städten Essen, Bochum, Duisburg, Oberhausen, Gelsenkirchen und im Kreis Recklinghausen insgesamt 23 Jungen und drei Mädchen entsprechend begleitet.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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Gaby Kolle

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