Bis Sonntag kampieren 1400 Fridays for Future-Aktivisten im Revierpark Wischlingen. Wie ökologisch geht es in dem bundesweiten Sommercamp wirklich zu? Wir haben uns umgeschaut.

Dortmund, Wischlingen

, 01.08.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Gebt mir ein S! Gebt mir ein U! Gebt mir ein V! Was ist das? SCHEISSE!“ - So tönen die Sprechchöre im Revierpark Wischlingen. Oder auch: „Fünf, sechs, sieben, acht, RWE wird plattgemacht!“, schreien die jungen Menschen aus voller Kehle. Und noch einer: „So woll’n wir unsere Zukunft seh’n, erneuerbare Energien!“

Es wirkt, als kenne hier ausnahmslos jeder die Parolen und Protestsongs. Selbst in der Essensschlange wird skandiert, so dass man beinahe eine Gänsehaut bekommt. Das Fridays-for-Future-Camp verbindet Aktivisten aus ganz Deutschland. Die Hälfte von ihnen ist noch minderjährig. Manche von ihnen opfern all ihre Freizeit für die Umwelt.

„Es gibt kein anderes Projekt mehr in meinem Leben neben Fridays for Future“, erzählt Jonathan-Benedikt Hütter aus Wuppertal. Bevor der 23-jährige Azubi sich für das Klima einsetzte, war er unter anderem für die Linke in der Geflüchtetenhilfe unterwegs gewesen. Jetzt ist er „mit ganzem Herzen und voller Power“ bei Fridays for Future engagiert. Seine Eltern finden die zahlreichen Fehlstunden, die er auf sich nimmt, nicht so gut. Doch sie können damit leben. „Hauptsache, du machst deinen Abschluss, Junge“, heißt es immer wieder. Für ihn ist die Ausbildung eher nebensächlich.

So öko ist das Fridays-for-Future-Camp in Dortmund wirklich

Die Message der Kongressbesucher ist unmissverständlich. © Sylva Witzig

„Die Wirtschaft ist Schuld an Ausbeutung“

Jonathan-Benedikt, der der Einfachheit halber von allen Jojo genannt wird, ist Freegetarier. Das bedeutet, dass er nur Fleisch isst, wenn es sonst weggeworfen würde. Regionale Produkte würde er gerne kaufen, doch die seien kostspielig.

„Die Konsumenten sind nicht immer Schuld an Ausbeutung, sondern der Markt. Manche Menschen sind darauf angewiesen, günstige Produkte zu kaufen“, mischt sich Hanna ein. Und weiter: „Wenn der Markt keine fairen, günstigen Produkte hergibt, haben sie ja gar keine andere Wahl. Ich denke, niemand kauft absichtlich und aus Überzeugung Waren, für die Menschen oder Tiere leiden mussten.“

Hanna kommt aus Trier und hat ihre Familie bereits „angesteckt“. Inzwischen sind sie alle Vegetarier. „Wir müssen unseren Blick öffen für andere Wirtschaftssysteme. Es gibt kein richtig oder falsch. Wichtig ist, dass wir uns Gedanken machen und dass sich etwas ändert. Gemeinwohlökonomie wäre beispielsweise eine Idee“, schlägt Hanna vor. Sie ist nicht einmal volljährig und nimmt Wörter in den Mund, die viele Erwachsene nicht erklären können. Die Jugendlichen auf dem Kongress wollen etwas bewegen. Das merkt man im Gespräch immer wieder deutlich.

Sägespäne statt Dixis

Dass sie es ernst meinen, sieht man auch auf dem Gelände. Nach Plastik sucht man hier vergeblich - ihr Geschirr bringen die Leute selber mit und waschen es vor Ort.

Sein Geschäft verrichtet man auf mobilen Toiletten - aber nicht in ein Loch voller Chemie, sondern auf Sägespäne.

Die Nahrungsversorgung ist ausschließlich vegan: zum Frühstück Porridge, zum Mittag Chili mit Seitan. Zum Teil werden die unverpackten Nahrungsmittel von Biobauern gespendet, zum Teil gekauft und zum Teil vor dem Wegwerfen gerettet. Den Teilnehmern schmeckt´s.

Gekocht wird auf einem offenen Feuer, das mit Sperrholz gefüttert wird - denn Holz ist klimaneutral, erklärt einer der Organisatoren: „Der Baum schluckt in seinem Leben Co2 und produziert als Brennholz wieder welches.“

Am Kiosk gibt es fair gehandelte Limonaden, vegane Müsliriegel und Kaffee mit Hafermilch. Der Kongress wird mit Ökostrom versorgt – und im ganzen Park sieht es tipptopp aus bei unserem Besuch am Donnerstagmittag. Wenn Müll anfällt, sammeln die Teilnehmer ihn selber wieder auf, sagen sie. Zum Vergleich: Auf dem Juicy Beats Festival sammelte die EDG insgesamt 40 Tonnen Müll ein. Wie der Revierpark nach der Abreise der Kongressteilnehmer aussieht, wird sich noch zeigen.

So öko ist das Fridays-for-Future-Camp in Dortmund wirklich

Selbst die Toiletten auf dem Campingplatz sind ölologisch. Sie sind mit Sägespänen statt mit Chemie gefüllt. © Sylva Witzig

„Das was gefordert wird, wird auch gelebt“, bestätigt die 19-jährige Zoe Hoffmann. Sie arbeitet hauptberuflich bei Greenpeace und war schon bei einigen Aktionen dabei. Besonders fasziniert ist sie von der Organisation: „Wenn wir bei Greenpeace etwas starten, steckt da eine Menge Bürokratie dahinter. Dieser Kongress wurde hingegen von Jugendlichen innerhalb von zwei Monaten organisiert. Alle hier sind so freundlich. Egal wo du dich hinsetzt, du findest überall Freunde. Ständig wird Essen mit dir geteilt, niemand lässt seinen Mist liegen und uns alle verbindet ein großes Ziel. Das fühlt sich toll an.“

Wenn die Aktivisten ihre Musikinstrumente auspacken und drauflosträllern, fehlt nur noch das Lagerfeuer in der Mitte. Die jungen Menschen sitzen im Kreis auf dem Boden, singen und wirken völlig sorglos. Zwischendurch kommt ein bärtiger Mann vorbei, der Fairtrade-Bananen verschenkt - auch das sei hier keine Seltenheit, erzählt Jojo.

So öko ist das Fridays-for-Future-Camp in Dortmund wirklich

Im Sitzkreis singen und unterhalten sich die Jugendlichen - Richtiges Ferienlager-Feeling. © Sylva Witzig

Globale Großdemonstration

Am 20. September findet eine globale Großdemonstration statt - die hat Greta Thunberg ausgerufen, internationale Gallionsfigur der Bewegung. Dann sind die Aktivisten aus dem Revierpark wieder in alle Winde verstreut. Sie sind sozusagen überall: „Fridays For Future gibt es an jeder Milchkanne“, meint einer der Organisatoren.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt