Vom Ruhrgebiet bis zum Meer, das ist kein Katzensprung. Doch was, wenn einen die Sehnsucht nach dem herrlichen Wellenrauschen packt? Hier geht es für einen Tag ans Meer.

Dortmund

, 20.08.2019, 16:34 Uhr / Lesedauer: 6 min

Die Sommerferien in NRW liegen in den letzten Zügen. Aber auch danach gibt es (hoffentlich) noch schöne Wochenenden und Tage, die man am Strand verbringen kann. Doch wie schnell kommt man eigentlich vom Ruhrgebiet und dem Münsterland ans Meer? Das hat unser Autor Silas Schefers vor zwei Jahren für Sie herausgefunden – und ausprobiert. Hier erzählt er von seinen Eindrücken:

Ich will wissen, wo der nächstgelegene Ort am Meer ist. Und ich will hinfahren. Im Gepäck: ein Tag Zeit, um die Gegend kennenzulernen. Was können Ein-Tages-Touristen vor Ort anstellen? Wo lohnt der Besuch, wo eher nicht?

Mit dem Zirkel auf der Landkarte

Die Suche beginnt mit dem Zirkel auf der Landkarte. Die Nadel steckt in Dortmund. Zugegeben: Keine sonderlich wissenschaftliche Methode. Aber sicher die einfachste. In den Niederlanden trifft die Bleistiftmine das erste Mal ins große Blau: ins Ijsselmeer. Nahe der Kreislinie liegt ein kleiner Ort mit einem kuriosen Namen: Urk.

Doch nicht nur vom Ruhrgebiet aus ist es ein Katzensprung nach Urk – auch vom Münsterland aus lässt sich die kleine Stadt an der Westküste des Ijsselmeers gut erreichen. Rund zweieinhalb Stunden Fahrtzeit mit Auto kündigt mir das Navigationsgerät von Dortmund aus an. Knapp 240 Kilometer bis zum Urlaubsgefühl. Wer aus Münster oder Haltern losfährt, könnte sogar schon nach etwa zwei Stunden und 15 Minuten da sein, von Dorsten aus braucht man 2 Stunden und 3 Minuten und aus Ahaus geht es am schnellsten: 1 Stunde 50 Minuten. Also dann: Los geht’s!

Im Video: Das ist Urk

Das Parken in Urk ist kein Problem. Ich rolle in das kleine Stadtzentrum – Schilder leiten mich direkt auf einen großen, kostenlosen Parkplatz am Hafen von Urk. Die Sonne scheint, der Wind geht. Gute Bedingungen für einen perfekten Ein-Tages-Urlaub.

Was ich in Urk zu sehen bekomme? So viel vorab: Ich habe in Urk den Leuchtturm, das Denkmal, eine Kirche, das Museum, den Hafen und einen Strand besucht. Auf dieser Karte sehen Sie meine Stationen.

Gestatten? Jan van Urk

Bevor ich mich in Urk umsehe, möchte ich einen Urker kennen lernen. Ich treffe Jan van Urk. 20 Jahre war er selbst Fischer auf dem Ijsselmeer, anschließend Hafenmeister in Urk. Heute ist der 73-Jährige Touristenführer. Er kennt jede Gasse des kleinen Ortes, jeden Winkel, jeden Urker. Jan van Urk, das spüre ich schnell, ist ein echter Urker. So echt sogar, dass sein Nachname „van Urk“ ist. Das sei eine große Familie auf Urk, wie er sagt. Ja, es heißt „auf Urk“ – immer noch. Doch was ist der Grund dafür?

Wie Urk zu Festland wurde – kurz erklärt:

  • Urk war nicht immer Teil des Festlands, einst war Urk eine Insel in der Zuidersee.
  • Als die Zuidersee vom restlichen Meer „abgeschlossen“ wurde, entstanden neue Landstriche – aus der Zuidersee wurde das Ijsselmeer.
  • Bereiche, die einst unter dem Meer lagen, wurden also trocken gelegt. Und aus der Insel Urk wurde ein Teil des Festlands.
  • Noch heute lebt man deshalb „auf Urk“ – nicht „in Urk“.

Als echter Urker weiß der 73-Jährige natürlich auch, was man als Tourist in Urk alles erlebt haben muss. Hier seine Empfehlungen:

Der ehemalige Fischer hat Zeit, mir einige Urker Sehenswürdigkeiten genauer zu zeigen. Wir zwängen uns durch die engen Gassen des alten Fischerdorfs und stehen vor einem kleinen Leuchtturm, unserer ersten Station.

Der Leuchtturm

Jan van Urk kennt jeden. Also wirklich: jeden. Auch den Herrn, der hinter der Kasse im alten Leuchtturm sitzt. Wir steigen keuchend die Stufen im engen Treppenhaus hinauf. Eine kleine Stahltür, dahinter: ein schmaler Balkon. Und vor uns: das Ijsselmeer. Der Wind peitscht laut um das kleine rote Bauwerk. Auch wenn Urk nicht an der Nordsee liegt – eine steife Meeresbrise weht auch hier.

Das ist der kürzeste Weg von Dortmund ans Meer

Fällt direkt ins Auge: der Urker Leuchtturm. © Silas Schefers

Oben auf dem Leuchtturm, dem Herzstück des Ortes, kann man über die Stadt blicken. Über die Altstadt, den Hafen, die kleinen Strände, den Deich, einen Windpark. Jan van Urk lehnt am Geländer. Er deutet auf einen Felsbrocken in der Ijsselmeer-Brandung. Um ihn, meint Jan van Urk, dreht sich eine Legende. „Früher hat man uns erzählt, die Kinder seien aus dem Stein gekommen“, sagt er und lacht.

Hier ein Rundumblick von oben auf dem Leuchtturm:

Das müssen Sie zum Leuchtturm wissen

  • Der Leuchtturm an der Urker Westspitze ist gerade einmal 18 Meter hoch.
  • Laut Touristeninformation Urk kann man den Turm in den Sommermonaten erklimmen.
  • Außerhalb dieses Zeitraums ist eine Terminvereinbarung notwendig.

Das Denkmal

Ein paar Meter weiter weht der Wind ruhiger. Und ruhiger wird auch Jan van Urk. Vor uns steht ein Denkmal. Eine Frau, sagt er, die sich noch einmal zum Meer umsieht. Dem Meer, in dem ihr Mann, ihr Bruder, ihr Sohn, wer auch immer, gestorben ist. Denn auch das gehört zum Idyll des Fischerdorfes: Immer wieder kam es zu Unfällen auf dem Ijsselmeer. Auch heute noch kommen Fischer in Seenot. Inschriften verraten, wer wann und auf welchem Boot umgekommen ist. Einer der Toten war gerade einmal acht Jahre alt.

Das ist der kürzeste Weg von Dortmund ans Meer

Das Denkmal erinnert an Menschen, die auf dem Meer umgekommen sind. © Silas Schefers

Hier zu sein, sei besonders für ihn, sagt Jan van Urk. Auch heute noch. Als die Schiffe „UK91“ und „UK223“ raus fuhren aufs Meer, an diesen stürmischen Tagen im Jahr 1967 und 1968, fuhr auch er auf See. „Kollegenschiffe“ nennt er sie noch heute. Alles, was heute noch an die beiden Fischerboote erinnert, sind Inschriften auf einer Steinplatte. Die „UK91“ und die „UK223“ kehrten nie zurück in den Hafen. Jan van Urk schon. „Es ist unglaublich, dass wir zurückgekommen sind“, sagt er heute.

Die Kirche

Die Urker sind gläubige Menschen. Auch Jan van Urk. 20 Kirchen gebe es auf Urk, regelmäßig seien sie voll, meint er. Egal, ob jung oder alt: Die Urker gehen in die Kirche. Wir bleiben vor einem großen Exemplar stehen. Über der Pforte der Schriftzug: Bethelkerk – Bethelkirche. Drinnen probt spielt jemand Orgel.

Das ist der kürzeste Weg von Dortmund ans Meer

Viele Urker sind gläubige Christen. © Silas Schefers

Warum sind die Urker so gläubig? Von der Kirchendecke hängt ein großes Schiffsmodell. Ein Symbol, so beschreibt es mir Jan van Urk. Für die Verbundenheit von Natur und Gott. Für die Gläubigkeit der Urker. Und wahrscheinlich auch: dafür, dass die Fischerei, von der Urk noch immer lebt, nicht bloß Arbeit ist. Dass dieser Beruf mehr bedeutet. Dass Gott seine Finger im Spiel hat.

Aber die Kirche ist mehr als das. Sie ist – auch auf Urk – Treffpunkt. Hier kommen die Bewohner zusammen, zum Reden, und häufig auch zum gemeinsamen Singen. Regelmäßig finden in der Bethelkirche rührende Chor- und Orgel-Konzerte statt. Auch heute. Später sei ein Konzert, meint Jan van Urk.

Das Museum

Nur ein paar Meter weiter steht das Museum „Das Alte Rathaus“, das Heimatmuseum des Ortes Urk. Man sieht: alte Trachten, alte Dokumente, alte Bilder und vor allem: Schiffe, Schiffe, Schiffe. Vieles dreht sich im Museum um die alte Fischerei. Jan van Urk kann viel darüber erzählen – und er erzählt gerne über die Fischerei. Denn die Fischerei, das war sein Leben.

Hier ein Rundumblick im Heimatmuseum:

Für Touristen ist das Museum zwar spannend, aber sicher nicht die spannendste aller Urker Sehenswürdigkeiten. Wer herkommt, sollte sich Zeit nehmen für die Geschichte des kleinen Fischerdorfes. Und er sollte sich für Schiffe interessieren.

Das müssen Sie zum Museum wissen

  • Das Museum „Het Oude Raadhuis“ hat geöffnet von April bis einschließlich Oktober montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr und samstags von 10 bis 16 Uhr.
  • Von November bis einschließlich März öffnet das Museum montags bis Samstags von 10 bis 16 Uhr.
  • An Sonn- und Feiertagen bleibt es geschlossen.
  • Der Eintritt kostet 4,75 Euro – Kinder und Senioren kommen ermäßigt rein.
  • Mehr Informationen finden Sie hier.

Ich verabschiede mich von Jan van Urk und ziehe alleine weiter durch Urk, denn noch habe ich nicht alles vom Ort gesehen: Der Hafen fehlt noch, der Strand ebenso. Und gegessen habe ich auch noch nicht.

Der Hafen

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Am Hafen liegen die großen Segelschiffe und Fischerboote. © Silas Schefers

Es riecht nach Meer. Fischgeruch zieht über das Hafengelände. Vor einem großen Tor sammelt sich ein Pulk von Menschen. Früher Nachmittag in Urk, das heißt: Frisch-Fisch-Anlieferung im Hafen. Und im Sommer vor allem: Aale ohne Ende. Die Tiere landen in riesigen Eimern, werden gewogen und verkauft. Für die Touristen ein Spektakel. Für die Fischer: ein Knochenjob.

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Bevor der Fisch versteigert wird, wird er gewogen. © Silas Schefers

Einige der Fische würden auch nach Deutschland gehen, sagt Jan Brokkelkamp. Von seinen Händen tropft der Schleim der Aale. „Ich bin zufrieden“, sagt der Fischer, die Ausbeute sei okay. Direkt nachdem der Fisch am Urker Hafen abgeladen ist, wird er versteigert. Mitbieten dürfen in dem kleinen Räumchen, das an einen Klassenraum erinnert, allerdings nur Fischhändler. Touristen können zusehen. Das mache auch ich – was genau vor sich geht, verstehe ich nicht. Das ein oder andere Kilo Aal hat seinen Besitzer gewechselt, soviel ist sicher. Ansonsten: interessant zu sehen. Zumindest einen Moment lang.

Und nach dem Touri-Programm? Der entspannte Teil des Tages

So viel Frisch-Fisch habe ich gesehen – da ist es an der Zeit, auch welchen zu essen. Direkt über der Hafenhalle liegt das Restaurant „Het Achterhuis“. Auf der Karte stehen viele Fischgerichte – für mich gibt’s Kabeljau, ein eiskaltes Getränk und eine Ladung Abendsonne. Der Ausblick ist gut. Auf der großen Restaurant-Terrasse habe ich einen schönen Blick über den Urker Hafen und raus aufs Ijsselmeer. Ich entspanne mich, denn das anstrengende Touri-Programm habe ich hinter mir.

Das ist der kürzeste Weg von Dortmund ans Meer

Wetter: gut. Ausblick: gut. Essen: gut. © Silas Schefers

Und auch sonst ist Urk in Sachen Restaurant ein klassischer Touristen-Ort. Im alten Zentrum reiht sich Lokal an Lokal – vom Imbiss bis zum netten kleinen Restaurant. Auch hier steht auf der Speisekarte häufig: Fisch. Am Abend geht es für mich entspannt weiter, ich lege mich an den kleinen Ijsselmeer-Strand. Und schaue in die Abendsonne. Nahe dem Urker Zentrum ist das an zwei Stränden möglich: Zu beiden Seiten des Urker Leuchtturms liegen Strände, an denen Touristen auch baden können.

Und was sagen andere Touristen über Urk?

„Wir genießen die Ruhe und das Meerrauschen. Wir haben gerade auf einer Bank gesessen und auf’s Meer rausgeguckt – ich gucke den Segelschiffen gerne zu, wie sie hin- und hersegeln. Wir sind hier wegen dem Ijsselmeer. An Urk speziell gefällt mir der schöne Hafen mit den schönen Segelschiffen.“ – Michael Gerstner, Tourist aus Kaiserslautern

„Es ist einfach schöner als an deutscher Nordseeküste, weil es hier viel freier ist. Die Holländer sind einfach viel netter, viel offener, und sie sind einfach zugänglicher. Sie kommen sofort an, fragen, ob man helfen kann – das ist einfach toll. Wir kommen von Makkum und sind heute den ersten Tag richtig herumgefahren.“ – Tanja Greive, Touristin aus Hamm

Ein Tag in Urk – mein Fazit

Das war’s. Mehrere Stunden bin ich durch das alte Fischerdorf Urk gelaufen. Was bleibt? Mein Fazit: eine schöne Stadt, die viel zu bieten hat - und dabei auch noch erschwinglich ist. Urk? Daumen hoch!

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