Sierau: „Ich könnte mir vorstellen, eine Bürgerinitiative zu gründen“

dzInterview zum OB-Abschied

Elf Jahre war Ullrich Sierau Dortmunds Oberbürgermeister - am 31. Oktober endet seine Amtszeit. Im großen Abschieds-Interview berichtet er, was ihm in dieser Zeit gelungen ist - und was nicht.

Dortmund

, 31.10.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 7 min

Bis zum letzten Tag, dem 31. Oktober, hat Ullrich Sierau noch Termine als Oberbürgermeister - in der letzten Woche etwa zwei Bürgerveranstaltungen zum Phoenix-See und zum Schwerlastverkehr im Kreuzviertel.

Dort, im Kreuzsaal, wo er als Raumplanungsstudent vor mehr als 40 Jahren Bürgerinitiativen-Arbeit gemacht hat, schließt sich für ihn gewissermaßen ein Kreis. Oliver Volmerich sprach mit Ullrich Sierau über seine Bilanz an der Spitze der Dortmunder Verwaltung.

Im Interview zieht Ullrich Sierau eine Bilanz seiner Amtszeit.

Im Interview zieht Ullrich Sierau eine Bilanz seiner Amtszeit. © Oliver Schaper

Wie groß ist die Wehmut, wenn am 31. Oktober die Amtszeit endet?

Da ist keine Wehmut. Ich habe ja schon vor über einem Jahr entschieden, dass ich nicht noch einmal kandidieren werde. Ich sehe das so, dass man nicht an seinem Sessel kleben sollte, sondern dass es eine Weiterentwicklung geben muss. Ich habe das für mich völlig klar gehabt.

In der Summe sind das dann 21,5 Jahre angefangen von der Zeit als Planungsdezernent über Baudezernent und Stadtdirektor bis zum Oberbürgermeister. Da ist dann auch die Zeit gekommen, für Jüngere Platz zu machen, für Menschen, die vielleicht auch mit anderen Ideen an die Sache herangehen.

Zur Person

Das ist Ullrich Sierau

  • Ullrich Sierau (SPD) ist 1956 in Halle an der Saale geboren, er wuchs in Wolfsburg auf, studierte später in Dortmund an der Universität Raumplanung. In dieser Zeit engagierte er sich in einer Bürgerinitiative gegen Wohnungsspekulation im Kreuzviertel.
  • Sierau arbeitete ab 1986 im NRW-Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen.
  • Von 1994 bis 1999 war er Direktor des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung des Landes Nordrhein-Westfalen (ILS) in Dortmund. Im Mai 1999 trat er seinen Dienst als Planungsdezernent der Stadt Dortmund an. Vom 1. Mai 1999 bis zum 31. März 2005 war er Umwelt- und Planungsdezernent der Stadt Dortmund. 2007 wurde er auch Stadtdirektor.
  • 2009 wurde Sierau als Nachfolger von Dr. Gerhard Langemeyer (SPD) zum Oberbürgermeister gewählt und sowohl bei einer Wiederholungswahl 2010 als auch bei der Kommunalwahl 2014 im Amt bestätigt.
  • Im September 2019 kündigte Sierau an, bei der nächsten Wahl nicht wieder zu kandidieren. Zu seinem Nachfolger wurde im September 2020 Thomas Westphal (SPD) gewählt.

Ich erlebe jetzt auch viele Rückmeldungen von Leuten, die sagen, es ist schade, dass du jetzt aufhörst. Ob ich diese freundliche Rückmeldung bekommen hätte, wenn ich noch fünf Jahre weitergemacht hätte, weiß man nicht. Ich habe jetzt sehr viele Briefe bekommen, in denen sich Leute für die Jahre der Zusammenarbeit bedanken und durchaus freundliche Worte für die vergangenen Jahre finden.

Wie fällt der Rückblick auf die 21,5 Jahre, davon elf als Oberbürgermeister, aus? Was waren die wichtigsten Themen?

Als ich 1999 angefangen habe, gab es wenigen Monate später eine Kommunalwahl, die viel verändert hat. Die absolute Ratsmehrheit der SPD ist verlorengegangen und Gerhard Langemeyer ist als erster hauptamtlicher Oberbürgermeister gewählt worden. Das hat die Machtbalance verschoben. Das hat manchen Konflikt mit sich gebracht. Aber rein inhaltlich war es ein Aufbruch.

Es gab das „dortmund-projekt“ und den neuen Prozess für einen Flächennutzungsplan, den wir in Rekordzeit zu Ende gebracht haben – und das mit starker Transparenz über Masterpläne, Stadtbezirks-Entwicklungskonzepte und Bürgerbeteiligung. Der hat dadurch eine hohe Akzeptanz gefunden. Da haben sich fast alle mitgenommen gefühlt. Das war eine neue Kultur des Miteinanders.

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Ullrich Sieraus Amtszeit

21,5 Jahre war Ullrich Sierau im Dienst der Stadt Dortmund. Er begann 1999 als Planungsdezernent. Seit 2009 war er Oberbürgermeister. Am 31. Oktober 2020 endet seine Amtszeit.
29.10.2020
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Ullrich Sierau gilt als Arbeitstier. Oft war er dabei auch zu Ortsterminen in der Stadt unterwegs.© Sarah Rauch
Ullrich Sierau in jungen Jahren: 1999 wurde er Planungsdezernent der Stadt.© Vahlensieck
Zweimal wurde Ullrich Sierau als OB wiedergewählt - auch bei einer Wiederholungswahl. Zuletzt setzte er sich 2014 gegen die CDU-Kandidatin Annette Littmann durch. © Dieter Menne
Das Verhältnis zu seiner Partei, der SPD, war für Ullrich Sierau nicht immer einfach. Er hadert vor allem mit der Bundespolitik.© Schütze
Immer wieder ging Ullrich Sierau auf Konfrontationskurs zu Bund und Land. In der Corona-Pandemie übte er vor allem Kritik an der Politik von Ministerpräsident Armin Laschet. Hier sind beide gemeinsam bei der Eröffnung des Evangelischen Kirchentages im Juni 2019 unterwegs. © Schaper
Die Flutung des Phoenix-Sees im Oktober 2010 war ein besonderer Meilenstein in der Amtszeit von Ullrich Sierau - hier gemeinsam mit DSW-Chef Guntram Pehlke, Dallas-Star Larry Hagman und dem damaligen Regierungspräsidenten Gerd Bollermann (v.l.).© Dieter Menne
Klimapolitik und Verkehrswende waren zuletzt wichtige Themen. Hier nimmt OB Ullrich Sierau von NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart einen Förderbescheid für klimaschonende Mobilitätsvorhaben entgegen.© Gaby Kolle
Ullrich Sierau gilt als einer der prominentesten Radfahrer der Stadt. Das wird auch mit der "Umsteigern"-Kampagne der Stadt dokumentiert. © Roland Gorecki
Mit "Nordwärts" initiierte Ullrich Sierau ein Programm für den Dortmunder Norden. Ein Thema ist dabei auch die Quartiersentwicklung in Westerfilde. © Stephan Schuetze
Das Reinoldimahl im Rathaus ist eine der wenigen Gelegenheiten für Ullrich Sierau die OB-Amtskette zu tragen. © Stephan Schuetze
Die künftige Nutzung des alten HSP-Geländes ist eines der Vorhaben, das Ullrich Sierau zuletzt mit auf den Weg brachte - hier bei einer Präsentation gemeinsam mit Wirtschaftsförderungs-Chef Thomas Westphal. © Stephan Schuetze
Am 13. September 2020 konnte Ullrich Sierau zunächst den Erfolg von seinem Nachfolger Thomas Westphal im ersten Wahlgang feiern. © Dieter Menne
Am 8. Oktober leitete Ullrich Sierau zum letzten Mal die Ratssitzung - coronabedingt in der Westfalenhalle. © Stephan Schuetze

Dann haben wir vor allem die großen Flächenentwicklungen angefangen im Rahmen des „dortmund-projektes“ mit Westfalenhütte und Phoenix-Ost und Phoenix-West.

Der Phoenix-See ist sicherlich das Projekt, das besonders für den Wandel steht.

In der ganzen Zeit hat mit Sicherheit das Phoenix-Projekt am meisten bewirkt. Denn viele haben nicht geglaubt, dass man auf einem ehemaligen Stahlstandort einen See bauen kann – und das in vergleichsweise kurzer Zeit. Anfang Mai 2001 hat der Rat die ersten Beschlüsse gefasst, im Oktober 2010 wurde der See geflutet. Heute wohnen da Tausende Menschen. Es sind neue Arbeitsplätze entstanden, auch mit Firmen, die ohne den See nicht nach Dortmund gekommen wären.

Der See hat nicht zuletzt mit der Verleihung des Deutschen Städtebau-Preises auch nationale und internationale Aufmerksamkeit gefunden. In Dortmund hat er eine völlig andere Diskussionskultur erzeugt. Früher hat man bei neuen Projekten gefragt: Wird denn das auch was? Heute wird gefragt: Wann ist das fertig? Das ist ein elementarer Wechsel.

Als Planungsdezernt hat Ullrich Sierau bei der Stadt Dortmund begonnen.

Als Planungsdezernt hat Ullrich Sierau bei der Stadt Dortmund begonnen. © Oliver Schaper

Und politische Beschlüsse finden dank der Beteiligungskultur eine hohe Akzeptanz. Investoren sagen immer wieder, in Dortmund läuft das sehr verlässlich, qualitätsvoll und relativ konfliktfrei. Ein gutes Beispiel ist dafür auch die Thier-Galerie. Auch da hat sich die Partizipation unterschiedlicher Gruppen von der IHK bis zum Konsultationskreis Einzelhandel und den Gewerkschaften außerordentlich bezahlt gemacht.

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Wir haben hier eine große Verantwortungsgemeinschaft aus unterschiedlichen Bereichen, die insgesamt den Strukturwandel sehr kompetent gestaltet. Das ist inzwischen Vorbild für andere und macht mich zum Ende einer solchen Amtszeit natürlich auch stolz und zufrieden.

Was hat denn nicht geklappt? Was hätten Sie gern erreicht und konnten es nicht durchsetzen?

Ich habe ja mal die Diskussion zur Übernahme des Kanalnetzes durch die Emschergenossenschaft angestoßen. Das hätte der Stadt eine hohe Sondereinnahme beschert, die man hätte nutzen können, um etwa Schulden zu tilgen. Dafür habe ich politisch keine Mehrheit gefunden. Aus heutiger Sicht betrachtet wäre das ein fiskalischer Befreiungsschlag gewesen.

Ich denke auch an ein anderes Thema. Sie hatten mal als Ziel ausgegeben, die Arbeitslosigkeit unter 10 Prozent zu bringen. Das wurde auch zwischenzeitlich erreicht, aber dann kam Corona.

Ich betrachte das mal andersherum. Wenn wir für das Ziel nicht so gerackert hätten, möchte ich nicht wissen, wo die Arbeitslosigkeit heute wäre. Die Zehn-Prozent-Grenze war ja immer eine symbolische Grenze. Wir haben die Arbeitslosigkeit von anfangs 18 Prozent um etwa einen Prozentpunkt pro Jahr abgebaut. Wir haben damit schneller die Arbeitslosigkeit abgebaut als NRW insgesamt.

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Wir wussten ja um die Projekte, die neue Arbeit schaffen sollten. Insofern war die Prognose geerdet. Das zeigt sich ja auch daran, dass wir die zehn Prozent dann tatsächlich unterschritten haben. Es gab dann allerdings zwei Sondereffekte – einmal die Zuwanderung und natürlich Corona. Da kämpfen wir uns jetzt aber auch raus, sind schon wieder unter 12 Prozent Arbeitslosenquote gekommen. Das ist eine gute Ausgangsposition, um im nächsten Jahr wieder anzugreifen.

Es heißt ja jetzt, dass man sogar gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen will. Wie soll das funktionieren?

Wir haben von Anfang an gesagt: Wir werden uns Corona nicht ergeben. Wir haben dem Rat Konzepte dazu vorgelegt und gesagt, wir wollen proportional stärker aus der Krise hervorgehen als wir hineingegangen sind. Da haben wir gute Chancen.

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Denn wir merken, dass auch in der Corona-Zeit Leute zu uns kommen, um zu investieren. Und es gibt ja Unternehmen, die trotz Corona ein sehr erfolgreiches Geschäftsjahr haben. Ich glaube, wir haben guten Grund in dieser Beziehung zuversichtlich sein zu können.

Ein Beispiel ist das Thema Karstadt-Kaufhof. Da konnten zwei Standorte mit vereinten Anstrengungen und einem breiten Bündnis gerettet werden. Und es wurde vereinbart, den Standort Kaufhof gemeinsam zu entwickeln. Das wird auch außerhalb der Stadt wahrgenommen. Das ist ein schönes Beispiel, wie man unter Corona-Bedingungen noch relativ erfolgreich sein kann.

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Das ist auch eine wichtige psychologische Botschaft, wenn es um den Wirtschaftsstandort Dortmund geht.

Was nicht zufriedenstellen kann, ist die Tatsache, dass das Thema Armut in Dortmund immer noch eine große Rolle spielt, dass etwa jedes dritte Kind als armutsgefährdet gilt. Trotz der Erfolge bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze sind die sozialen Probleme geblieben. Macht einen das ein wenig ratlos?

Ratlos sind wir da nicht. Wir haben ja in Dortmund viele Konzepte gegen Langzeitarbeitslosigkeit entwickelt. Die sind auch auf Bundes- und Landesebene weitergetragen und dort teilweise weiterentwickelt worden – aber leider nicht im gewünschten Umfang. Es macht natürlich nicht froh, dass gute Vorschläge nicht eine breitere Unterstützung finden.

Die Armut ist bedingt durch den Wegfall von Arbeit im Rahmen des fulminanten Strukturwandels. Das baut sich über Generationen auf und lässt sich nicht über Nacht wegarbeiten. Wir haben stark auf das Bildungsthema gesetzt und wollen Kindern einen Fehlstart ins Leben ersparen. Dazu braucht es eine komplette Bildungslaufbahn und berufliche Karriere. Das ist extrem schwierig und braucht eine lange Zeit. Das ist unter zirka 25 Jahren nicht zu haben.

Armutbekämpfung braucht Zeit, sagt Ullrich Sierau.

Armutbekämpfung braucht Zeit, sagt Ullrich Sierau. © Oliver Schaper

Wir müssen also weiter in die Bildung investieren. Aber das können wir nicht alleine. Wir kämpfen zum Beispiel seit Ewigkeiten um eine vernünftige Finanzierung von Schulsozialarbeit. Wir haben als Schulträger jetzt ein Investitionsprogramm über 1,1 Milliarden Euro über zehn Jahre aufgelegt. Wir haben den Aktionsplan Soziale Stadt und in der Jugendhilfe viel auf den Weg gebracht. Insofern bin ich da nicht entmutigt, sondern optimistisch. Die positiven Wirkungen sieht man leider nicht so schnell.

Die sozialen Probleme machen sich ja im Stadtgebiet auch als Süd-Nord-Gefälle bemerkbar. Dagegen soll das Zehn-Jahres-Projekt Nordwärts helfen. Sehen Sie da schon Ergebnisse?

Im Norden findet der Strukturwandel zeitversetzt statt, weil ja auch die alten Industrieflächen später frei geworden sind. Nordwärts ist eine Aufforderung auch an den Süden, nach Norden zu blicken. Und das hat fast sensationell geklappt. Da ist ein vehementer Aufbruch spürbar. Es gibt über 200 Projekte, viele davon aus der Bevölkerung. Ganz entscheidend ist der psychologische Effekt, dass die Menschen im Norden der Stadt eine Orientierung bekommen.

Die Wohnungsgesellschaften haben im Norden investiert. Auf der Westfalenhütte sind tausende neue Arbeitsplätze entstanden. Ähnliches werden wir am Hafen erleben. Das sind schon 5000 Arbeitsplätze, die vorwiegend industriell ausgerichtet sind. Dazu kommen jetzt Investitionen entlang der Speicherstraße. Da wollen viele hin.

Ullrich Sierau gab den Anstoß zum „Nordwärts“-Programm.

Ullrich Sierau gab den Anstoß zum „Nordwärts“-Programm. © Oliver Schaper

All das wäre ohne Nordwärts nicht gelungen. Das Gleiche gilt für das HSP-Gelände und die Internationale Gartenausstellung 2027. Das, was dort jetzt alles entsteht, wird dazu beitragen, dass in der Nordstadt und den anderen nördlichen Stadtbezirken, wo Armut und Arbeitslosigkeit überproportional sind, ökonomische Impulse gesetzt werden.

Wenn man auf das Ergebnis der Kommunalwahl guckt, kann man schon einen Wunsch nach Veränderung feststellen. Die Grünen sind sehr stark geworden. Zu den Kritikpunkten gehört, dass zum Beispiel die vielzitierte Verkehrswende nicht so richtig vorankommt, viele Pläne bislang nur Papier sind. Das hat offensichtlich viele geärgert.

Das kann ich als einer der sicherlich prominentesten Radfahrer in dieser Stadt durchaus verstehen. Es war aber auch angesichts der bundesweiten Entwicklung zu erwarten, dass die Grünen steigen werden. Das hat mit dem Klimathema zu tun, aber auch mit den Fehlern der SPD auf der Bundesebene zu tun, angefangen mit der Entscheidung für die Große Koalition. Da haben sich viele von der SPD abgewandt. Vor diesem Hintergrund ist ein Ergebnis der Dortmunder SPD von um die 30 Prozent noch positiv.

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Ich bin wegen der Umweltpolitik 1973 mit 17 Jahren in die SPD eingetreten. Ich kann deshalb sehr gut verstehen, dass vor allem den jungen und klimabewegten Menschen Vieles nicht schnell genug geht. Und dafür war dann Mobilität und vor allem Radverkehr ein symbolisches Thema. Da ist es uns auch teilweise nicht gelungen, klar zu machen, was wir schon vieles haben, beziehungsweise klar zu machen, weshalb bestimmte Dinge länger brauchen als man sich das wünscht.

Ich habe schon als Planungsdezernent dafür geworben, dass wir in den Umweltverbund mehr investieren. Aber aus der Mitte des Rates sind dann teilweise andere Prioritäten formuliert worden – auch für die Frage, wo Personalkapazitäten und Investitionsmittel eingesetzt werden.

Aber es gibt da den Satz vom Kopenhagen Westfalens...

Ich habe nie gesagt, wir sind das Kopenhagen Westfalens, sondern wir wollen das Kopenhagen Westfalens werden. Und Kopenhagen ist auch nicht über Nacht entstanden. Das war eine Formel, um klar zu machen: Da wollen wir hin.

Wir haben in den letzten Jahren unheimlich viel Strecke beim Radwegebau gemacht, auch im Zusammenhang mit Umbau-Maßnahmen. An der Semerteichstraße haben wir eine ganze Spur weggenommen für einen Radweg. Das ist aber vielen gar nicht bekannt.

Natürlich weiß ich auch, dass wir für Radfahrer noch viele schwierige und gefährliche Situationen haben. Wir haben einen Radverkehrsbeauftragten eingestellt, der aus der Radfahrszene kommt. Die Personalkapazität in der Planung wird jetzt aufgestockt. Denn die Analyse, dass da mehr zu tun ist und dass es schneller gehen muss, finden wir nicht so abwegig.

Aber man kann die Zukunft einer Stadt nicht allein am Radverkehrsthema festmachen. Und man darf nicht verkennen, dass wir eine Stadt mit einem großen Einzugsgebiet sind. Viele, die in die Stadt kommen, kommen halt nicht mit dem Fahrrad oder mit dem ÖPNV, sondern mit dem Auto.

Und was Pop-up-Radwege abgeht: Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich in Berlin oder Paris eine von vier Fahrspuren für Autos rausnehme oder bei uns eine von zweien.

Was macht Ullrich Sierau nach dem 31. Oktober?

Dann steige ich erstmal ins familiäre Abklingbecken. Ich werde mich um meine Familie kümmern und gucken, dass ich ein paar Freundschaften wieder intensiver pflege. Da gibt es Manches nachzuholen. Trotz Corona werden wir uns Zeit nehmen zum Wandern und für die eine oder andere Reise.

Ich habe nicht vor, sofort wieder zu arbeiten, sondern ich werde mir jetzt erst einmal ein bisschen Zeit nehmen und dann in einem dreiviertel Jahr oder Jahr mal gucken, was ich so mache. Das eine oder andere Ehrenamt läuft ja auch weiter und wird so langsam auslaufen. Ich werde also bestimmt keine Entlastungsdepression bekommen. Ich gehe selbstgewählt und selbstbestimmt in den Ruhestand.

Ich hoffe sehr, dass das, was in den letzten Jahren gemeinsam mit vielen anderen Akteuren entstanden ist, Bestand hat und im Interesse der Menschen nachhaltig ist. Das werde ich als Bürger dieser Stadt verfolgen und konstruktiv-kritisch begleiten.

Ich habe der Verwaltung schon gesagt: Wenn ich irgendwann mal das Gefühl haben sollte, dass sie an der einen oder anderen Stelle nicht so funktioniert, wie ich mir das als Bürger dieser Stadt vorstelle, könnte ich mir durchaus vorstellen, eine Bürgerinitiative zu gründen. So war ich ja früher auch aktiv.

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