In Schutzanzügen und mit Visier arbeiten die Bestatter, wenn ein Verstorbener an Covid-19 infiziert war. © Oliver Schaper
Trauern auf Distanz

„Seelische Grausamkeit“: Wie Corona die Arbeit von Bestattern erschwert

Sterben ist ein Prozess. Trauern auch. Doch das Abschiednehmen von einem geliebten Menschen ist durch die Corona-Pandemie erschwert worden. Wir haben mit drei Dortmunder Bestattern gesprochen.

Die stille Umarmung vor der Trauerhalle. Der Händedruck am Grab. Der Austausch von Erinnerungen an den Verstorbenen bei Kaffee und Kuchen. All das hilft bei der Bewältigung von Trauer. Seit Beginn der Corona-Pandemie müssen Hinterbliebene in dieser schweren Zeit oftmals auf Trost von Freunden und Familie verzichten.

Wolfgang Huhn, Inhaber vom Bestattungshaus Huhn in Dortmund-Huckarde, erzählt, wie sehr Menschen darunter litten, nicht Abschied nehmen zu können von Verstorbenen. „Wir hatten einen Fall, da war ein Angehöriger im Altenheim verstorben – und der Hinterbliebene hatte ihn wegen des Kontaktverbots gar nicht mehr besuchen dürfen.“ Dabei war keiner von beiden selbst an Covid-19 erkrankt.

„Der Körperkontakt fehlt“

Jetzt blieben viele mit ihrer Trauer allein, sagt Susanne Lategahn vom gleichnamigen Bestattungsunternehmen in Hörde. „Vorher habe ich Kunden, die einen Angehörigen verloren haben, die Hand gegeben, berührt, ihnen über den Arm gestrichen.“ Ihre Stimme am Telefon klingt wehmütig: „Der Körperkontakt fehlt.“

Für die Hinterbliebenen sind persönliche Gespräche mit dem Bestatter nur noch am Telefon oder hinter einer Plexiglasscheibe möglich. „Wie im Sparkassencenter“, sagt Wolfgang Huhn. „Die Atmosphäre ist kaputt.“ Bestatter kümmern sich nicht nur um das Organisatorische rund um einen Todesfall, sondern betreuen auch die Angehörigen.

Auflagen ändern sich regelmäßig

Für Bestatter ist beides schwieriger geworden. „Die Sterbezahlen sind während der Pandemie gleichbleibend, aber der bürokratische Aufwand ist gestiegen“, sagt Wolfgang Huhn. So dürften Sterbeurkunden nicht mehr persönlich beim Standesamt abgeholt werden. Auch die Bestattung selbst unterliegt strengen Vorschriften – ob infiziert oder nicht.

Zu Beginn des ersten Lockdowns im März waren die Trauerhallen und Kirchen geschlossen. Da wurden die Trauerfeiern nach draußen verlegt. Bei jedem Trauerfall mussten Bestatter bei Kirchengemeinden und Friedhöfen erfragen: Wo dürfen wir feiern, wie viele Menschen dürfen kommen, was sind die Auflagen? Jetzt, im Winter, sind Kirchen und Hallen offen, aber das Platzangebot begrenzt. Mal sind 10, mal 25 Gäste erlaubt.

Gemeinschaft der Trauernden entsteht nur auf Distanz

„Je nach Entwicklung des Pandemiegeschehens hat sich so viel geändert, das war anstrengend“, sagt Susanne Lategahn. Bestatter reagierten mit Lautsprecher-Übertragungen, Live-Streams und Gedenkvideos. „Schlimmer aber noch ist es, den Trauernden zu begegnen und ihnen sagen zu müssen: So wie Sie es sich vorstellen, geht es nicht.“

Susanne Lategahn leitet mit ihrem Mann Bernd das Bestattungsunternehmen Lategahn.
Susanne Lategahn leitet mit ihrem Mann Bernd das Bestattungsunternehmen Lategahn. © Peter Bandermann © Peter Bandermann

Und wie hart ist dann diese Entscheidung: Wer darf zur Beerdigung kommen – und wer nicht? „Ich hatte einen Fall, da durften 20 rein – und dann kam der 21.“, sagt Ralf Bolle von Bestattungen Bommert. „Dem musste ich sagen, dass er draußen warten muss. Das tat weh.“

Alle Bestatter müssen eine Anwesenheitsliste führen, sie dient auch zur Kontaktverfolgung. „Die Notwendigkeit sehen alle ein. Vom Verstand her“, sagt Susanne Lategahn. „Die emotionale Seite ist eine ganz andere.“

Gerade jetzt bräuchten Angehörige den Kontakt zu anderen Menschen. Mehr als tröstende Worte ist trotzdem nicht erlaubt: Auch auf Friedhöfen und Kirchen, in Trauerhallen und Bestattungshäusern gilt der Mindestabstand. „Normalerweise“, sagt Ralf Bolle, „bilden die Trauernden eine Gemeinschaft. Jetzt stehen sie da mit Abstand und Mund-Nasen-Schutz.“ Das zu sehen, sei für ihn befremdlich und bedrückend.

Mit Handschuhen, Maske, Schutzbrille, Füßlingen ins Seniorenheim

„Menschlich nah – das ist eigentlich unser Firmenslogan“, sagt Wolfgang Huhn. Das Coronavirus habe auch die Trauerarbeit verändert. An die Stelle menschlicher Nähe sind Schutzausrüstung, Bürokratie und anderthalb Meter Sicherheitsabstand getreten. Vor allem, wenn der Verstorbene mit Covid-19 infiziert war.

Wenn der Anruf vom Krankenhaus oder Seniorenheim kommt, ziehen die Bestatter weiße Schutzanzüge an, wie sie sonst nur im Fernsehkrimi zu sehen sind. Dazu Handschuhe, FFP2-Maske, Schutzbrille, Füßlinge. Mit dem Sarg im Wagen fahren sie zur Abholung. Normalerweise würden sie den Leichnam auf einer Trage zum Auto bringen, ins Bestattungshaus fahren, ihn dort waschen, hygienisch versorgen, frisieren und ankleiden.

Nicht so die Menschen, die an oder mit Corona gestorben sind. „Wenn wir kommen, liegt der Verstorbene meist schon im Bodybag“, sagt Susanne Lategahn. Bodybag: ein luftdicht verschlossener Leichensack, der verhindert, dass Viren nach außen dringen. Die Bestatter müssen den Bodybag von außen desinfizieren, in den Sarg legen, den Sarg desinfizieren und verschließen – und am Ende noch kennzeichnen: „Achtung, infektiös“.

„Seelische Grausamkeit“

„Wir waren die ersten in Dortmund, die einen Corona-Toten zu bestatten hatten“, sagt Wolfgang Huhn. Mittlerweile waren es sechs Fälle, ebenso bei Bommert, bei Lategahn doppelt so viele.

Alle betonen, wie schmerzhaft es sei, von den Verstorbenen keinen Abschied nehmen zu können. „Seelische Grausamkeit“, sagt Ralf Bolle, der selbst vor Kurzem einen Todesfall in der Familie hatte.

Den geliebten Menschen nochmal sehen, mit geschlossenen Augen und Mund, um zu begreifen, dass derjenige tot sei – ein entscheidender Moment, sagen die Bestatter. „Für die Menschen ist es sonst schwierig, damit abzuschließen“, sagt Wolfgang Huhn. Ebenso hält er die Trauerfeier für ein wichtiges Element, um zu verstehen: Er oder sie komme nicht wieder.

Wolfgang Huhn ist Inhaber des gleichnamigen Bestattungshauses in Huckarde.
Wolfgang Huhn ist Inhaber des gleichnamigen Bestattungshauses in Huckarde. © Sven Middelhaufe © Sven Middelhaufe

Doch er erzählt auch von Trauerfeiern unter allen Sicherheitsvorkehrungen – und 10 von 20 Plätzen, die leerblieben. Zu groß sei die Angst der Menschen, sich zu infizieren. „Die Leute gehen dann nur mit zum Grab.“

Auf das Kondolieren muss auch hier verzichtet werden: Die Trauernden dürfen sich nicht in den Arm nehmen, ein Händedruck kann schon gefährlich sein.

„Habe Angst vor der nicht-gelebten Trauer“

Wolfgang Huhn befürchtet langfristige Auswirkungen der Corona-Pandemie. „Die Rituale gehen verloren“, sagt er. Vorbei sind die Zeiten des Abschieds am offenen Sarg und großer Trauerfeiern, niemand wirft mehr Erde ins Grab oder tauscht beim „Leichenschmaus“ Erinnerungen über den Verstorbenen aus. „Man muss seine Trauer teilen. Ich befürchte, das werden Fälle für den Psychologen.“

Auch nach drei Jahren oder mehr gebe es Tiefpunkte, sagt Trauerbegleiterin Susanne Lategahn. „Unsere Trauercafés sind seit März geschlossen, die gibt es seit 15 Jahren, wir hatten regelmäßig 40 Gäste – das ist für Betroffene teilweise katastrophal.“ Die Trauerbegleiterin versuche, den Kontakt zu halten, biete gemeinsame Spaziergänge an oder telefoniere mit den Hinterbliebenen.

Einander trösten, halten, beistehen in dieser emotionalen Ausnahmesituation: Das ist Aufgabe der Trauergemeinschaft. Doch wie soll das gelingen, wenn Distanz das Gebot der Stunde ist? „Ich hab mein ganzes Leben schon mit dem Tod zu tun“, sagt Wolfgang Huhn. „Aber diese nicht gelebte Trauer – da hab ich Angst vor, dass uns das am Ende überrollt.“

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Sarah Bornemann, Jahrgang 1986, arbeitet seit Oktober 2013 als Redakteurin in der Dortmunder Lokalredaktion. Sie hat Journalistik in Leipzig sowie Germanistik und Soziologie in Münster studiert. Für das Volontariat bei Lensing Media kehrte sie nach sieben Jahren ins Ruhrgebiet zurück.
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