In einem Physikraum liegen viele Stapel mit den Klassenarbeiten, die bei der Zeugnisübergabe am Freitag zurückgegeben werden: Schulleiter Dr. Dennis Draxler legt noch einen Stapel dazu. © Björn Althoff
Corona-Schließung

Schule im Lockdown: „Müssen aufpassen, dass wir niemanden verlieren“

Wie ist es allein an einer Schule, an der sonst 1000 Menschen sind? In leeren Räumen, wo man nur ganz selten jemanden trifft? Ein Besuch in einem Gymnasium in Dortmunds Innenstadt.

An der Tafel steht noch Stoff aus zwei Fächern: auf dem oberen Teil Physik, auf dem unteren Mathe. Der Raum aber ist seit Dezember leer. Beziehungsweise: ganz leer dann doch nicht.

Auf dem langgezogenen Pult liegen viele Hefte, alle sortiert nach Klasse und Fach: 9d, 8b, 6a, Deutsch, Mathe, Französisch. Viele Klassenarbeiten waren schon geschrieben, als die zweite Corona-Schließung kam. Irgendwann bis Januar hatten alle Lehrer die Arbeiten und Klausuren dann korrigiert. Die Rückgabe ist inzwischen erfolgt: zusammen mit den Halbjahreszeugnissen.

Nur rund ein Dutzend Menschen im Gebäude

Ansonsten ist es in dem Gebäude weitgehend leer. Dr. Dennis Draxler einer von vielleicht einem Dutzend Menschen im großen sechseckigen Haus, schätzt der Leiter des Leibniz-Gymnasiums an der Kreuzstraße.

„Die Schulleitung ist da, Sekretariat ist besetzt, der Hausmeister hat zu tun.

Wir haben eine kleine Gruppe in der Betreuung, die dort versorgt wird“, so der 44-Jährige. Aber das ist kein Vergleich zu dem Gewusel, zur Lautstärke wie im Alltag vor Corona. „Normalerweise sind hier über 1000 Menschen“, sagt Draxler.

Ein Halbjahr, das fast noch normal begann

Unser Besuch fand statt kurz vor dem Ende von Halbjahr Nummer eins 2020/21. Ein Halbjahr, das begonnen hatte mit einem Schichtsystem: Waren vor den Sommerferien die Klassen nur einzeln in die Schule gekommen und nur für die Hauptfächer Deutsch, Mathe, Englisch – so gab es ab August wieder fast normalen Unterricht. Mit Maske zwar und viel offenen Fenstern, mit versetztem Beginn und Ende, mit Sportunterricht draußen und ohne Gesang in Musik – und mit fester Sitzordnung, die genau dokumentiert werden musste für den Fall einer Corona-Infektion von Lehrern oder Schülern.

Aber eben das, was 2020 einem normalen Unterricht am nächsten kommen konnte.

Corona-Infektion: nicht ob, sondern wann

Es sei nicht die Frage, ob es am Leibniz eine Corona-Infektion geben werde, sagte Draxler im Spätsommer gegenüber den Eltern. Sondern nur wann. Dass sich keiner der 1000 Menschen anstecken werde – bei der Entwicklung des Infektionsgeschehens unrealistisch, befand der Schulleiter.

Zurecht. Wie an fast allen Schulen in Dortmund gab es auch hier Infektionen, Verdachtsfälle, Quarantäne für Lehrer und Schüler. Aber eben nicht in großem Rahmen. Vor allem gab es keinen Ausbruch, weil sich Lehrer, Eltern und Schüler auf ein Maskengebot einigten, als das Land NRW sagte: Eine Maskenpflicht ist verboten. Und weil man wie an den allermeisten anderen Schulen vorbereitet war auf den Tag X.

Nur fünf Kinder in der Notbetreuung

Geht es zurück ins Homeschooling? Die Frage schwebte den ganzen Herbst über den Schulen. Mitte Dezember, mit weiter steigenden Corona-Zahlen, lautete die Antwort: Ja. Erst nur für alle ab Klasse 7 aufwärts, die Eltern der Fünfer und Sechser durften weiterhin wählen, ob sie ihre Kinder schicken oder ob das Distanzlernen zuhause klappt.

Ab Januar hatte kaum einer mehr die Wahl. Fünf Kinder sind am Tag unseres Besuches in der Notbetreuung. Schüler aus den Klassen 5 und 6, die im Selbstlernzentrum sitzen, vom Schul-PC oder dem eigenen Smartphone aus dem Online-Unterricht folgen oder ihre Aufgaben lösen. An anderen Schulen mag es voller sein. Hier haben die Kinder fast eine Eins-zu-eins-Betreuung durch Lehrer und weitere Helfer.

Niemand hier, alle zuhause. Nur einzelne Lehrer, Hausmeister und Sekretärinnen sind während des Corona-Lockdowns im Leibniz-Gymnasium.
Niemand hier, alle zuhause. Nur einzelne Lehrer, Hausmeister und Sekretärinnen sind während des Corona-Lockdowns im Leibniz-Gymnasium. © Björn Althoff © Björn Althoff

„Unterschiede waren schon immer da“

„Wir müssen aufpassen, dass wir niemanden verlieren“, sagt Draxler ein paar Minuten später, als er in einem leeren Bio-Raum steht: „Die Unterschiede, die schon immer da waren, werden jetzt noch klarer. Man muss sich besonders um die Schülerinnen und Schüler bemühen, die es vielleicht zuhause ein bisschen schwerer haben, die nicht immer die Unterstützung haben oder die technischen Mittel.“

Fehlt ein Schüler ausnahmsweise im digitalen Unterrichts-Meeting, werden die Lehrer nicht aktiv – außer vielleicht, dass sie sich beim Schüler selbst oder den Eltern erkundigen. „Wenn wir Schüler aber systematisch vermissen, bitten wir schon einmal unseren Sozialarbeiter, Kontakt aufzunehmen.“ Am Telefon oder per Mail, „aber manchmal guckt er auch zuhause vorbei.“

Das wiederum müsse nicht immer ein schlechtes Zeichen sein, weiß Draxler. Manchmal fehle auch einfach die aktuelle Telefonnummer – etwa, wenn Eltern vergessen haben, sie der Schule weiterzuleiten.

Endlich Zeit für Kabelkanäle und neue Technik

Die leere Schule hat aber auch etwas Gutes: „Wir machen ein paar handwerkliche Dinge, die nicht möglich sind, wenn es hier voll ist“, sagt Draxler: „Für die neue mediale Ausstattung, die wir vor einem Jahr bekommen haben, steht noch die eine oder andere Arbeit an.“ Kabelkanäle zum Beispiel. „Wenn die Schule jetzt schon mal leersteht…“

Die Klassenräume sehen ordentlich aus wie in den Ferien, alle Stühle hochgestellt, alles sauber. Das Lehrerzimmer indes wirkt, als seien Draxlers Kollegen gerade alle nur kurz raus. Auf fast allen Plätzen stapeln sich Zettel, Hefte, andere Dinge.

Dabei seien nur die wenigsten hier, unterstreicht der Schulleiter. Viele Kollegen seien ja selbst Eltern und müssten auch zuhause für jemanden da sein. Nur fürs Eintragen und Ausdrucken der Halbjahresnoten mussten alle kurz her.

Der Chef hingegen bleibt. „Ich mache meinen Physik-Leistungskurs gleich von hier aus, von meinem Arbeitsplatz aus“, unterstreicht Draxler: „Und ich freue mich darauf, gleich mal ein paar andere Gesichter zu sehen.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Jahrgang 1977 - wie Punkrock. Gebürtiger Sauerländer. Geborener Dortmunder. Unterm Strich also Westfale.
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Björn Althoff

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