Schneidermeisterin (89) brachte Dortmunder Mode bis nach Paris

dzSchneidermeisterin

Marianne Janßen hat es mit ihrer Mode bis nach Paris und ins Museum geschafft. Bald feiert sie ihren neunzigsten Geburtstag. Sie blickt zurück.

von Alexandra Wachelau

Eichlinghofen

, 15.08.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als Marianne Janßen ihre Lehre zur Schneiderin begann, war sie gerade einmal 14 Jahre alt. Das war 1945. „Den Krieg habe ich als Kind noch miterlebt“, erinnert sie sich zurück. Trotz der Jahre voller Entbehrungen hat Janßen schnell ihre Leidenschaft entdeckt: Das Nähen.

Jetzt lesen

Schon als Kind hatte sie ein Faible dafür. Aus Gartendraht, Watte, Strümpfen und einer Brosche ihrer Mutter wurden die ersten Schneiderfiguren angefertigt und geschmückt. „Hat meine Mutter mit mir geschimpft“, sagt sie und lacht.

Die inzwischen 89-Jährige Schneidermeisterin schwelgt in Erinnerungen an Stoffe, Spitze, Nähte.

Ausbildung in den 50er Jahren

Während sie selbst als Gesellin gerade mal 20 DM in der Woche verdiente, waren in den Werkstätten ihrer Meisterinnen nur die feinsten Stoffe erlaubt. Alcantara-Leder, Satin, Chanton und natürlich Seide über Seide – alles für den Kunden persönlich bestellt.

Alle Kleider sind maßgeschneidert. Das rote Kleid wurde von Janßen 1958 für ihre Meisterprüfung gefertigt.

Alle Kleider sind maßgeschneidert. Das rote Kleid wurde von Janßen 1958 für ihre Meisterprüfung gefertigt. © Alexandra Wachelau

In der Zeit war ihr Wochenlohn teilweise so viel wert wie ein einzelner Knopf, sagt sie. Genäht wurden Ball- und Hochzeitskleider, aber auch Kostüme und Jumpsuits – für die Veranstaltungen der feinen Gesellschaft. Maßgeschneidert, versteht sich.

Nachdem sie ihre Jahre als Gesellin hinter sich hatte, beendete Janßen ihre Meisterprüfung mit einem Kleid, auf das sie immer noch mit Stolz blickt. Der Stoff des knallroten Meisterstücks wurde ihr geschenkt, rund 50 Stunden hat sie daran genäht. Die Nahtabstände wurden millimetergenau von ihren Prüfern abgemessen, die Bänder im Rock liebevoll per Hand eingeflochten.

„Es ist so schade, dass die jungen Leute nichts Maßgeschneidertes mehr tragen“, sagt die Schneidermeisterin. In einem kleinen Atelier in Kirchhörde ging sie in die Selbstständigkeit, mit nur einem Lehrling und nur sehr wenig Geld. 1959 heiratete sie in einem schlichten schwarzen Kostüm – „das konnte ich dann häufiger anziehen“, sagt Janßen.

Gala in Paris mit Schirmherrin Danielle Mitterrand

Auch die Lehrlingssuche gestaltete sich schwierig. Ihre erste Gesellin brachte keine Berufserfahrung mit, in den vorherigen Werkstätten hatte sie nur geputzt und Kinder gehütet. „Das war damals häufig so“, sagt die 89-Jährige.

Sie selbst bewies jedoch schnell ihr handwerkliches Können und modisches Gespür und machte sich einen Namen.

Auch Skizzen wurden per Hand angefertigt.

Auch Skizzen wurden per Hand angefertigt. © Alexandra Wachelau

1963 bauten sie und ihr Ehemann ein Haus in Barop, im Keller richtete sie ihr eigenes Atelier ein. Zwanzig Jahre später florierte das Geschäft, auch ihre Tochter stieg in das Handwerk mit ein. Und sechs ihrer Kleider wurden für eine Gala in Paris zugelassen. Schirmherrin war Danielle Mitterrand – Ehefrau des damaligen französischen Präsidenten François Mitterrand.

Jetzt lesen

Unter den 400 Gästen in Paris, darunter die Schirmherrin, wurden die Kleider vorgeführt. Mit dabei war ein Brautkleid aus Satin, Kragen und Gürtel wurden mit Perlen bestickt. Auch ein erdbeerfarbener Jumpsuit wurde gezeigt – auf einem Laufsteg, auf dem auch Karl Lagerfelds Modenschauen gezeigt wurden.

Marianne Janßen war damit eine von sieben Schneidermeisterinnen, die vom Bundesinnungsverband aus Deutschland ausgewählt wurden.

Eines ihrer Brautkleider steht im MKK

Erinnert sich Marianne Janßen zurück, hat sie vor allem Stoffe und Schnitte der Kleider vor Augen. In dicken Fotoalben sammelt sie Erinnerungen an ihre Kunden, auf deren Hochzeiten sie häufig selbst mitgetanzt hat. „Wir haben immer sehr privat miteinander gesprochen, da haben sich schon Verbindungen aufgebaut“, sagt sie.

Viele dieser Kunden werden sie auch auf ihrem 90. Geburtstag besuchen, den sie Ende des Monats feiert. Sie selbst hat erst vor fünf Jahren die Nadel zur Seite gelegt.

„Ich hoffe einfach, dass meine guten Stücke erhalten bleiben“, sagt Janßen mit Blick auf ihr Meisterstück. Eines ihrer Brautkleider ist momentan im Museum für Kunst und Kulturgeschichte ausgestellt.

Jetzt lesen

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt