Julia Wissert ist seit Beginn der Spielzeit 2020/2021 Intendantin des Schauspiels Dortmund. © China Hopson
Theater Dortmund

Schauspiel-Intendantin Julia Wissert über die Sehnsucht nach Publikum

Julia Wissert ist im Sommer 2020 Dortmunds neue Schauspiel-Intendantin geworden, in der Corona-Krise also. Im Gespräch erzählt sie vom Frust der Schauspieler und von dem, was Hoffnung macht.

Seit Sommer 2020 ist Julia Wissert Intendantin des Schauspiel Dortmund. Die Nachfolgerin von Kay Voges erlebt die ungewöhnlichste Zeit in der Nachkriegsgeschichte des Theaters in Dortmund.

Ein halbes Jahr nach ihrem ersten öffentlichen Termin sitzt die 36-Jährige Ende Januar vor einer Laptop-Kamera in einem Büro im Theater an der Kuhstraße und spricht über die ersten Monate in der neuen Rolle.

Fragen über das Theater und über das Leben – natürlich im Zoom-Gespräch

Vor der Pandemie hätte man sich persönlich gegenübergesessen, es wäre um Zuschauer-Auslastung, dramaturgische Entscheidungen und die Stimmung im Abo-Publikum gegangen.

Doch so ist das Gespräch über das Dortmunder Theater in diesen Zeiten eines, in dem es um grundlegende Fragen geht, die durch die Krise aufgeworfen worden sind. Fragen darüber, wie das Theater ein Leben abbilden kann, dessen äußere Umstände sich so sehr verändert haben.

„Wir planen in eine unabsehbare Zukunft hinein. Das führt zu Frustration“, sagt Julia Wissert. Als Intendantin ist sie derzeit in einer besonderen Rolle gefragt.

„Es ist neben sehr viel Verwaltung auch sehr viel Care-Arbeit. Es geht darum zu gucken, wie es den Kolleginnen geht“, sagt Wissert.

Die angebrochene Spielzeit: „Eine neue These in den Raum stellen.“

Die offiziell noch laufende Spielzeit 20/21 lässt sich nicht nach gewohnten Mustern bewerten. „Sie ist so etwas wie ein Freifahrtschein. Wir müssen eine andere These in den Raum stellen“, sagt Julia Wissert.

Im Spätsommer hatte das neue Ensemble zumindest einige Wochen lang die Gelegenheit zu zeigen, wofür es stehen möchte. Der interaktive Stadtrundgang „2170“, eine feministische Faust-Inszenierung oder der Lieder-Abend „Lust for Life“ zeigen einen neuen Ansatz, mit Theater-Mitteln auf die Stadtgesellschaft zu blicken.

Dieser Blick ist divers, er enthält die Perspektive von People of Color und Menschen mit Migrationsgeschichte.

Die Arbeit im Theater ruht nicht, aber sie hat sich verändert

Die Arbeit ruht nicht im Schauspielhaus. Die Ensemblemitglieder arbeiten einzeln an Stücken. Es entstehen digitale Formate wie die unterhaltsame Mini-Serie „Abgedreht“.

Vor dem „Horrorhaus“ in Dortmund: Sarah Yawa Quarshie und Bettina Engelhardt (als Schattenriss) sorgen sich um die Bewohner. © Hupfeld © Hupfeld

Wer dem Schauspiel in den sozialen Medien folgt – und das ist im Moment der einzige Zugang – der entdeckt viele Akzente. Ein neues Logo, Beiträge zu Schwarzer Geschichte im „Black His/Her Story Month“, digitaler Austausch zwischen Theater und Schule. Das ist alles viel wert.

Aber es kann nicht ersetzen, wofür jeder am Theater brennt. Den Kontakt mit dem Publikum, das Entwickeln von Szenen, die Interaktion bei der Aufführung.

Wunsch nach Leichtigkeit und die Krise als Gegenstand der Kunst

Julia Wissert beobachtet bei einigen Ensemblemitgliedern einen Wunsch nach Leichtigkeit. „Sie sehnen sich nach einem Klassiker, nach irgendwas mit Fiktion.“

Zugleich wird die Krise zunehmend zum Gegenstand der Kunst. Wissert sieht eine „radikalere Formsuche“. Die Hygienebestimmungen werden nicht mehr nur als Auflage gesehen, sondern werden konzeptionell mitgedacht, etwa bei der geplanten Audio-Installation „Europa flieht nach Europa“.

„Wenn man es radikal ausdrücken möchte, sagen wir gerade: Das Theater ist tot, es lebe das Theater. Gleichzeitig lieben wir und wollen wir Theater vor Menschen machen“, sagt Wissert.

Langfristige Planung ist gerade nicht möglich – das ist für ein Theater ein Problem

Was es braucht, ist Geduld. „Von Tag zu Tag zu denken, ist sehr schwierig, denn wir sind ein Betrieb, der auf Langfristigkeit ausgelegt ist“, sagt die 36-Jährige. „Wir müssen dann überprüfen, ob wir ein solcher Betrieb sein sollen.“

Ableiten, überprüfen, hinterfragen: Diese Haltung ist ein wesentlicher Bestandteil von Julia Wisserts Arbeit als Theaterintendantin. Bei ihrem Antritt hat sie ganz offen die Frage gestellt, ob Dortmund einen neuen Begriff von Stadttheater braucht.

„Die Krise legt all das offen, was schon vorher nicht funktioniert hat, und man kann dem nicht mehr ausweichen“, sagt Wissert.

Dortmund hat sein Theater nicht vergessen

Was für Wissert und alle Mitarbeitenden bleibt, nach langen Tagen mit „10 Stunden durchzoomen“ und „die Kolleginnen mit neuen Sicherheitskonzepten bei Laune halten“, ist die Erkenntnis, dass die Menschen in Dortmund das Theater nicht vergessen haben.

Das zeigen unter anderem die Reaktionen auf einen Aufruf, Brieffreundschaften mit dem Schauspiel Dortmund zu schließen. Stapelweise Anfragen und teilweise sehr konkrete Wünsche für Schreibpartner sind im Theater angekommen.

Welches Theater möchten die Menschen sehen, wenn es wieder erlaubt ist?

Das ist auch ein Symptom dafür, wie sehr die Kunst vielen Menschen fehlt. Bei den Planungen für eine mögliche Wiedereröffnung orientiert sich die Dortmunder Leiterin an großen Häusern in Berlin. Dort ist Ende März/Anfang April derzeit ein – immer noch spekulativer – Zeitpunkt für die Rückkehr des Publikums.

Julia Wissert glaubt, dass das Publikum ein großes Bedürfnis für die „sinnliche Übersetzung“ dessen hat, was alle gemeinsam erlebt haben. Zugleich erwartet sie „einen Moment wie nach den Weltkriegen“ in den 1920er- und 1950er-Jahren, als die Menschen Leichtigkeit, Freude und Exzess benötigten. „Unser Ziel sollte es sein, beides zu bedienen. Ich kann es nicht erwarten, wieder mit Menschen in einem Raum zu stehen.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth

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