Martinszug und Martinsmarkt in Lütgendortmund sind ein Publikumsmagnet. Und das seit Jahren. Was wie ein Selbstläufer wirkt, bedeutet für die Organisatoren viel Arbeit – und hohe Auflagen.

Lütgendortmund

, 06.11.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Reinhard Sack und Peter Bercio sitzen bei einem Kaffee im Hotel Specht. Der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Lütgendortmunder Vereine und Verbände (IGLVV) und sein Stellvertreter treffen letzte Absprachen für den kommenden Sonntag (10.11.). Dann finden im „Dorf“ tagsüber der 27. Martinsmarkt und am Abend der große Martinszug statt. Tausende werden kommen – ein Selbstläufer, der vorher keiner ist.

Der Lütgendortmunder Martinszug ist der zweitgrößte in der Stadt. Kinder singen „Laterne, Laterne“. Mitglieder der Karnevalsgesellschaft „Kiek es drin“ führen auf der Bühne am Heinrich-Sondermann-Platz die Legende vom Heiligen Martin auf, in der er seinen Mantel mit den Armen teilt. Martinslaternen und Kinderaugen leuchten um die Wette.

Treffpunkt für das „Dorf“

Den ganzen Tag über ist der Martinsmarkt ein Treffpunkt. Verpflegungsbuden duften verlockend. Stände von Hobbykünstlern und Kunsthandwerkern laden zum Stöbern nach Weihnachtsgeschenken ein. Kinder und Erwachsene feiern die Erinnerung an den Heiligen Martin. Eine mehr als 100 Jahre alte Tradition, die nicht nur in Deutschland gepflegt wird. Wie lange das noch möglich ist, scheint fraglich.

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Der Lütgendortmunder Martinsmarkt ist ien Publikumsmagnet. © Stephan Schütze

Eigentlich ist an diesem Vormittag beim Kaffee schon alles geregelt. Seit Wochen schon. „Trotzdem werde ich noch eine Reihe Telefonate mit der Stadt führen“, sagt Reinhard Sack. Er geht auf Nummer sicher. Auflagen, Richtlinien, Sicherheitskonzepte. „Bis Freitagmittag haben wir Ansprechpartner“, verrät Peter Bercio. „Danach sind wir allein.“

Aufbauplan muss am Computer erstellt werden

„Danach“ ist vor allem der Sonntag. „Wir“ – das sind die rund zehn Mitglieder von Vorstand und Arbeitsausschuss der IGLVV und 26 Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr. Sie sind „allein“ mit der Arbeit, dem Aufbau, vor allem aber den Auflagen für das beliebte Fest.

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Peter Bercio und Reinhard Sack halten bei der IGLVV die Fäden der Planung für Martinszug und -markt in der Hand. © Uwe von Schirp

Und die sind nicht ohne. „Schon vor einem halben Jahr haben wir den Martinsmarkt beantragt“, erzählt Reinhard Sack. Bestandteil des Antrags war auch ein Lageplan mit den Ständen der Hobbykünstler, Kunsthandwerker und den Verkaufsbuden. „Zu dem Zeitpunkt hatten wir noch gar keine Anmeldung.“

Der Plan ist maßstäblich, 1 zu 500. Blaue Quadrate markieren die Stände auf der Limbecker Straße und dem Marktplatz. „Die Eingänge und Schaufenster der Geschäfte, die am verkaufsoffenen Sonntag teilnehmen, bleiben frei“, erklärt der IGLVV-Vorsitzende.

Gebühren machen ein Drittel der Kosten aus

Grau sind die möglichen Stellflächen für die Feuerwehr, rot umrandet die Rettungswege. „Seit 2018 müssen wir an der Ecke vor dem Hotel eine fünf mal fünf Meter große Fläche für die Drehleiter der Feuerwehr freihalten.“ Auch die Buden auf dem Sondermannplatz stehen fünf Meter von den Häusern entfernt. Die Interessengemeinschaft erstellt den Plan am Computer. „Die Software dafür hat uns 250 Euro gekostet“, erklärt Peter Bercio. Einen anderen Plan akzeptiere die Stadt nicht, ergänzt Sack. Mit rund 650 Euro machen die Gebühren mittlerweile ein Drittel der Gesamtkosten aus – neben den Kosten für Strom, Mitwirkende oder die Logistik.

Um 7 Uhr ist am Sonntag Dienstbeginn für die Ehrenamtlichen der Interessengemeinschaft. Während ein Teil der Freiwilligen darauf achtet, dass der Lageplan penibel umgesetzt wird, verlegen die Anderen Leitungen. Jeder der mehr als 30 Verkaufsstände erhält Strom.

Freiwillige Feuerwehr sichert den Martinszug

Nicht weniger streng sind die Auflagen für den Martinszug. Alle Straßen, die zu der gut zweineinhalb Kilometer langen Strecke führen, muss die IGLVV absperren: „mit Absperrschranken VZ 600“, dem Verbotsschild für Durchfahrten „VZ 250“ und je Sperrschranke „fünf roten Leuchten“. Reinhard Sack sagt: „Wir können ja nicht den ganzen Tag die Straßen sperren.“

Das übernehmen dann zehn Minuten vor Beginn des Martinszuges die Mitarbeiter der Freiwilligen Feuerwehr, die mit einem Fahrzeug auch das Zugende sichern. Pferd und die Darstellerin des Martin werden von Ordnern aus dem Reiterverein gesichert. Die Ordner sind mit Leuchten ausgestattet.

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Das Thema Sicherheit wird beim Martinszug groß geschrieben. © Stephan Schütze

All das ist Bestandtteil des Sicherheitskonzeptes, das die IGLVV mit der Polizei entwickelt hat. Alle Kinder erhalten zudem fluoreszierende Bänder, die sie um die Arme legen. Eine freiwillige Sicherheitsmaßnahme, ermöglicht durch eine Sachspende von DSW21.

Strenge Auflagen für den verkaufsoffenen Sonntag

Die Auflagen für den verkaufsoffenen Sonntag regelt das Ladenschlussgesetz. Öffnen dürfen nur die Lütgendortmunder Geschäfte, die direkt im Bereich des Martinsmarktes liegen – also im wesentlichen an der Limbecker Straße und am Heinrich-Sondermann-Platz.

Rewe Amshove liegt an der Lütgendortmunder Straße – und damit zu weit ab. Der Lebensmittelmarkt beteiligt sich darum in diesem Jahr auch nicht am Verkauf der Gutscheine für die Martinsbrezel, berichtet Thorsten Eustrup. Eustrup ist Vorsitzender der Händler-Arbeitsgemeinschaft „Aktiv im Ort“.

Erstmals bleibt auch sein Reisebüro geschlossen, obwohl es an der Limbecker Straße liegt. Reisebüros seien Dienstleister. Und die sind per Gesetz vom verkaufsoffenen Sonntag ausgeschlossen, weil sie keine „faktischen Waren“ verkaufen.

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Deutsche Gründlichkeit: Obwohl die Feuerwehr in die Planungen eingebunden ist, muss Reinhard Sack spätestens drei Tage vor und direkt nach dem Martinszug die Straßensperrungen bei der Feuerwehr melden. © Uwe von Schirp

Peter Bercio und Reinhard Sack trinken ihren Kaffee aus. Vor der Tür des Hotels Specht stehen bereits die Parkverbotsschilder für den Sonntag. Stunde um Stunde haben beide in die Vorbereitungen investiert. „Ich bin fast 73“, sagt Sack. „Es geht auf die Gesundheit. Wie lange ich das noch mache, weiß ich nicht.“ Peter Bercio sorgt sich um ehrenamtlichen Nachwuchs. „Noch“, sagt er, funktioniert alles gut.“ Noch.

Alle Zeiten im ÜberblickMartinsmarkt und Martinszug in Lütgendortmund

  • Der Martinsmarkt findet am Sonntag (10.11.) von 10 bis 18 Uhr im Lütgendortmunder Ortskern statt.
  • Um 10 Uhr öffnen die Verkaufsstände. Um 15 Uhr beginnt die Brezelausgabe am Verkaufswagen der Bäckerei Grobe auf dem Heinrich-Sondermann-Platz.
  • Zur Einstimmung auf den Zug singen ab 16 Uhr die Kinderchöre der Mörike-Grundschule und der Musikkita Fliewatüt auf der Bühne.
  • Gegen 17.30 Uhr setzt sich der Martinszug in Bewegung. Er endet mit dem Martinsspiel auf der Bühne.
  • Zum verkaufsoffenen Sonntag öffnen die Geschäfte von 13 bis 18 Uhr.
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