Psychiater über Masturbation im Zug: „Diese Männer sind eher schüchtern“

dzVerhaltenstipps

Immer wieder tauchen Berichte von Männern auf, die in Zügen vor fremden Frauen onanieren. Psychiater Hans Joachim Thimm erklärt, was in diesen Menschen eigentlich vorgeht.

Dortmund

, 21.11.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Bundespolizei veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen Pressemitteilungen zu einer besonderen Art von Straftat. In dieser Woche erst hat ein 16-Jähriger sich in der S-Bahn vor einer 21-Jährigen entblößt und onaniert. Morgens um 9.30 Uhr auf der vielgenutzten Strecke zwischen Dortmund und Bochum.

Psychiater Hans Joachim Thimm, Oberarzt der LWL-Klinik in Dortmund-Aplerbeck, sagt: „Das ist oft ein Machtthema.“ Männer, die so etwas tun – und Thimm sei kein Fall einer weiblichen Täterin bekannt – würden zwanghaft Schrecken und Ekel bei ihren Opfern auslösen: „Das verschafft denen so etwas wie ein Machtgefühl.“

Wichtig ist der Begriff „zwanghaft“. Diese Männer können ihrem inneren Drang nicht standhalten und leiden sehr darunter, sagt der Experte. „Diese Männer sind in der Regel eher schüchtern, haben kein Selbstbewusstsein und sind nicht in der Lage, angemessen sexuellen Kontakt aufzunehmen“, so Thimm.

Durchaus würden sich die Betroffenen hinterher sehr für das Getane schämen. „Natürlich haben Exhibitionisten ein Schamgefühl“, sagt der Arzt. Doch in der Situation können sie nicht widerstehen: „Das sind kranke Menschen“, sagt Thimm. Manchmal gehe das Verhalten mit einer anderen Persönlichkeitsstörung einher, Exhibitionismus gelte aber als eigene Krankheit.

Opfer sollen sich anderen Menschen anschließen

Aus der Erfahrung des Psychiaters gehe von Männern, die sich entblößen und unsittlich berühren, übrigens „selten“ eine körperliche Gefahr aus. Die Bundespolizei, die für Bahnstrecken zuständig ist, rät Opfern solcher Taten, andere Personen auf die Situation aufmerksam zu machen, „um den Täter aus der Anonymität zu heben“, so Sprecher Volker Stall.

Viele Betroffene seien vor Angst gelähmt, es helfe aber schon, laut zu reden, um Anschluss bei anderen Reisenden zu suchen. Oberste Maxime sei immer, sich nicht in Gefahr zu bringen, so Stall.

Je nach Situation könne es aber auch eine gute Idee sein, das Handy rauszuholen und den Täter zu filmen. In jedem Fall sollte man frühzeitig 110 anrufen, damit die Beamten bestenfalls schon am nächsten Bahnhof warten können.

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Hans Joachim Thimm hat volles Verständnis, wenn Opfer weglaufen wollen. Er sagt aber auch: „Wenn man sich selbstbewusst gibt und den Mann anspricht, entzieht er sich in der Regel der Situation.“ Wenn das Gegenüber sogar lacht, fühlt sich der Täter häufig gedemütigt. In Zügen komme es häufiger zu solchen Vorfällen, weil das Opfer schlechter der Situation entkommen kann.

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