Friseure dürfen ab März als erste wieder öffnen - ein guter Schritt, auch aus sozialer Sicht, meint ein Dortmunder Psychiater. Er warnt aber vor einem Wettlauf um die nächsten Öffnungen. © picture alliance/dpa/APA
Lockdown-Lockerungen

Psychiater kritisiert Debatte um Öffnungen: „Hochgefährliches Gegeneinander“

Bald dürfen die Friseure öffnen – schon wird diskutiert, wer danach dran ist. Ein Dortmunder Psychiater warnt vor einem „hochgefährlichen Gegeneinander“ und wirbt für eine andere Herangehensweise.

Die Friseure machen am 1. März den Anfang: Sie dürfen wieder öffnen. Noch ist dieser erste Schritt der Lockdown-Lockerungen nicht umgesetzt, da wird diskutiert, welche Branchen als nächste an der Reihe sein sollen.

Wirtschaftsminister Peter Altmeier will mit Vertretern der Verbände eine Öffnungsstrategie erarbeiten. Der Chef der Essener Uniklinik fordert „vorsichtige Öffnungen“ – zum Beispiel für Kinos – und begründet dies auch mit dem „sozialen Wohlbefinden“, das für die Gesundheit wichtig sei.

Hans Joachim Thimm, Psychiater und Oberarzt an der LWL-Klinik Dortmund, warnt hingegen vor einem Wettlauf um die nächsten Öffnungen. „Es geht nicht darum, Erster, Schnellster, Bester zu sein. Wir müssen die Diskussion um Öffnungen von Institutionen ganz anders führen – vor dem Hintergrund von Solidarität“, so Thimm.

Bei Öffnungen entscheidend: „Funktion für die Gesellschaft“

Egoistisches Verhalten, wie man es gerade in der Corona-Pandemie extrem häufig sehe, bringe nur Neid-Diskussionen und Ärger. Und eben kein soziales Wohlbefinden. Die Corona-Pandemie bringe „uns alle an Grenzen“ – es drohten schwere gesundheitliche Auswirkungen wie Depressionen und posttraumatische Störungen.

Umso wichtiger sei es, Neid, aggressive Diskussionen und deren negative Auswirkungen zu verhindern. Das sei viel entscheidender, als die „hektische Diskussion“ über Öffnungen.

Hans Joachim Thimm ist Oberarzt an der Dortmunder LWL-Klinik
Hans Joachim Thimm ist Oberarzt an der Dortmunder LWL-Klinik © LWL © LWL

„Angst macht unsolidarisch. Das Gegeneinander ist hochgefährlich. Nicht die wirtschaftliche Komponente darf im Vordergrund stehen, sondern die Funktion für die Gesellschaft.“ Insbesondere in einer so großen Krise sei es wichtig, gemeinsame Ziele zu haben, Solidarität zu üben. „Das ist letztlich der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.“

„Friseure haben wichtigen sozialen Aspekt“

Als Beispiel nennt Thimm die Friseure, die als erste wieder öffnen dürfen: „Ich finde es gut, dass das so entschieden wurde. Es ist ein erster Schritt, mit dem man in kleinem Umfang testen kann, wie sich die Öffnung bewährt. Friseure haben zudem einen wichtigen sozialen Aspekt.“

Hier komme man immer ins Gespräch – etwas, das vielen besonders fehlt. Die Öffnung hilft der Branche natürlich wirtschaftlich – aber sie habe eben auch einen solidarischen Aspekt.

Wichtig sei es, nun nicht wild über weitere Öffnungen zu spekulieren, sondern abzuwarten, wie sich die Hygienekonzepte bewähren. „Andere Branchen halten sich zurück, bis es dazu Erkenntnisse gibt und dann entscheidet man über weitere Öffnungen.“

Staat muss Vertrauen schaffen: Gerechte Hilfen

Was Thimm aber auch betont: „Ich will die wirtschaftliche Not einzelner nicht klein reden. Aber ich halte solidarisch dagegen: Wenn es diese Not gibt, muss der Staat Hilfen gerecht verteilen. Wenn November-Hilfen erst im Februar gezahlt werden, schafft das Misstrauen. Akzeptanz, zum Beispiel für die Entscheidung, wer wann öffnen darf, schafft man aber nur mit Vertrauen“, so Thimm.

Entscheidend dafür, als Gesellschaft bestmöglich durch die Pandemie zu kommen, sei es auch, den Menschen Sicherheit zu vermitteln: „Wir diskutieren alles in der ganzen Breite und sehr wortreich. Das ist ein großes Problem. Es werden Informationen unterschiedlich interpretiert.“ Letztlich sorge das für große Unsicherheit, die eine Gesellschaft spalten und den einzelnen psychisch belasten kann.

Für die psychische Gesundheit sei es viel wichtiger, Hoffnung zu geben: „Das ist ein wesentlicher Faktor, um schwierige Lebenssituationen ohne langfristige Beeinträchtigungen zu überstehen.“

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1983 im Münsterland geboren, seit 2010 im Ruhrpott zuhause und für die Ruhr Nachrichten unterwegs. Ich liebe es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und vor allem: zuzuhören.
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Jessica Will

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