Dachlatten, Sparren oder sonstige Kanthölzer für den Dachbau sind seit März um 40 bis 60 Prozent teurer geworden. © dpa

Preisexplosion und leere Lager: Handwerker in Dortmund befürchten Baustopps

Die Lage ist ernst: Wer jetzt Handwerker beauftragt, muss mit Absagen und explosionsartig steigenden Preisen rechnen. Die Handwerkskammer und Firmen beschreiben eine dramatische Situation.

Bisher sind das Bauhauptgewerbe und die Ausbauhandwerke ganz gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Die Handwerksbetriebe haben volle Auftragsbücher und können sich über zu wenig Arbeit nicht beklagen.

Jetzt aber holt sie eine unerwartete Folge der Pandemie ein. Eine Firma nach der anderen kommt in arge Schwierigkeiten und kann die Kundenwünsche nicht erfüllen – oder nur mit deutlicher zeitlicher Verzögerung.

Ein seit Jahrzehnten so nicht dagewesener Baustoffmangel und stark gestiegene Rohstoffpreise bremsen die Handwerker aus. Immer mehr Betrieben geht in diesen Tagen schlichtweg das Material aus.

Holz, Dämmstoffe und Stahl sind absolute Mangelware

Ob Holz, Dämmstoffe oder Stahl – derzeit sind sie absolute Mangelware. Und obendrein deutlich teurer. Eine wachsende Zahl von Aufträgen kann deshalb nicht wie geplant abgearbeitet werden.

„Wir mussten gerade zwei Kunden, bei denen wir neue Dachfenster einbauen wollten, um mindestens vier Wochen vertrösten. Die Dachfenster waren bisher immer beim Lieferanten auf Lager und sofort oder in spätestens vier bis fünf Tagen zu bekommen. Jetzt sind die Lager leer und die Lieferzeit soll 20 bis 25 Tage betragen“, sagt Harry Strasburger, Geschäftsführer des Spezialbauunternehmens Caspar Köchling.

Der Grund: auf den globalen Rohstoffmärkten kommt es derzeit zu massiven Engpässen. „Das habe ich in den 35 Jahren, die ich jetzt als Handwerksunternehmer aktiv bin, noch nicht erlebt“, sagt Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer.

Holzpreis hat sich verdoppelt bis verdreifacht

„Man bekommt immer öfter zu hören, dass Materialien erst im Herbst wieder lieferbar sind. Das macht die Situation natürlich sehr schwierig“, sagt Dirk Sindermann. Er ist Obermeister der Dachdecker-Innung Dortmund und Lünen und leitet selbst ein 20-köpfiges Dachdeckerunternehmen.

Dirk Sindermann ist Obermeister der Dachdecker-Innung Dortmund und Lünen und führt selbst einen Handwerksbetrieb.
Dirk Sindermann ist Obermeister der Dachdecker-Innung Dortmund und Lünen und führt selbst einen Handwerksbetrieb. „Wir befürchten, dass es über kurz oder lang zu Baustopps kommen kann“, sagt er. © Dachdecker-Innung Do © Dachdecker-Innung Do

Er stellt fest, dass sich der Holzpreis teilweise verdoppelt bis verdreifacht und die Preise für Dämmstoffe etwa um 40 Prozent gestiegen sind: „Ob Dachlatten, Dämmstoffe, Folien oder Kleber – überall haben die Preise exorbitant angezogen. Immer öfter ist sogar alles ausverkauft, für Bitumenprodukte sind weitere Preiserhöhungen von der Industrie bereits angekündigt. Wir versuchen derzeit gemeinsam mit dem Handel, für unsere Kunden Bestände zu normalen Preisen in ganz Deutschland aufzukaufen.“

Gut eingedeckt hat sich schon das Bauunternehmen Rundholz. „Es gibt einen deutlichen Anstieg der Nachfrage und vor allem Holz, aber auch Kunststoff für Abwasserrohre sind derzeit knapp. Wir haben uns aber rechtzeitig Kontingente gesichert und können weiter arbeiten“, sagt Stefan Rundholz.

Längst nicht jeder Handwerksbetrieb hat aber die Liquidität, um sich ein Lager anlegen zu können. Und bei den Dachdeckern ist es auch die Frage, ob der Vorrat überhaupt etwas nutzt. Denn am Bau muss alles Hand in Hand gehen und wenn andere Werke aus Materialmangel Arbeiten nicht fertigstellen können, leiden auch die Folgewerke darunter.

Die Handwerksbetriebe rechnen mit Verlusten

„Wenn der Dachstuhl vom Zimmermann wegen Holzmangels nicht aufgebaut werden kann, können wir natürlich auch kein Dach decken“, so Dirk Sindermann und ergänzt: „Wir befürchten, dass es über kurz oder lang zu Baustopps kommen kann.“ Außerdem stünden den Kunden Preissteigerungen ins Haus, „die wir gern vermieden hätten und für die wir nicht verantwortlich sind. Wir rechnen auch für unsere Betriebe mit Verlusten.“

Den Häuslebauern drohen in dieser Lage also sowohl Bauverzögerungen als auch deutliche Kostensteigerungen. „Eine EPS-Dämmung, also eine typische Flachdachdämmung, ist seit Februar 25 Prozent teurer. Und der Preisanstieg beim Holz seit März macht für 150 Quadratmeter Steildachfläche bei einem durchschnittlichen Einfamilienhaus rund 550 Euro zusätzlich aus“, sagt Bauexperte Harry Strasburger.

Der Geschäftsführer der Caspar Köchling GmbH weist außerdem noch auf ein neues Phänomen hin, auf das alle, die derzeit bauen, achten sollten: „Durch die Lieferengpässe werden derzeit auch Produkte von außereuropäischen Herstellern (z.B. China und Russland) angeboten; hier ist fraglich, ob die bauordnungsrechtlichen Zulassungen überhaupt existieren bzw. wie und ob man an die Dokumente gelangt.“

Betriebe und Kunden sollen „Kompromisse finden“

„In dieser Situation finde ich es ganz wichtig, einen fairen Interessensausgleich zu finden. Die Auftraggeber, kleine wie große, sollten frühzeitig über die Situation informiert werden, damit man tragfähige Kompromisse finden kann“, sagt Kammerpräsident Berthold Schröder.

Der Präsident der Handwerkskammer Dortmund, Berthold Schröder, kann keine Hoffnung auf eine Entspannung der Mangelsituation bei den Baustoffen machen. „Das wird vermutlich noch eine Weile so weitergehen“, sagt er.
Handwerkskammer-Präsident Berthold Schröder kann keine Hoffnung auf eine Entspannung der Mangelsituation bei den Baustoffen machen. „Das wird vermutlich noch eine Weile so weitergehen“, sagt er. © (A) Schaper © (A) Schaper

„Wenn wir jetzt Angebote machen, werden wir uns eine Preisüberprüfung vorbehalten müssen“, sagt Harry Strasburger. Aufträge ohne Preisgleitklauseln werden also von Bauhandwerksbetrieben wohl nicht mehr vereinbart.

Zu dieser angespannten Lage haben laut Kammer-Präsident Schröder mehrere Faktoren geführt. Im Inland habe die überaus rege Bautätigkeit seit dem ersten Lockdown, gerade auch im Privatsektor, zu einer gestiegenen Nachfrage geführt. Parallel dazu gebe es ein deutlich gestiegenes Bewusstsein für Nachhaltigkeit, also etwa das verstärkte Bauen mit Holz.

Mit Blick aufs Ausland sei es einerseits die enorme Nachfrage in den USA nach Holz, das infolge von Handelsstreitigkeiten aus der Trump-Ära nicht mehr aus Kanada komme. Auch großflächige Waldbrände und die Schließung von Sägewerken während der Pandemie hätten zur Verknappung beigetragen. Zum anderen sei, nachdem die Konjunktur in China wieder angezogen hat, die Nachfrage auch dort nach Baustoffen erheblich schneller gewachsen als die nur langsam steigenden Produktionskapazitäten.

Liefer- und Versorgungsketten funktionieren nicht

Zudem würden wegen der Pandemie nicht alle Liefer- und Versorgungsketten wie gewohnt funktionieren, berichten Fachverbände. „Aus Kanada und Skandinavien ebenso wie aus Russland“, sagt Obermeister Dirk Sindermann, „werden Lieferengpässe beim Bauholz durch veränderte klimatische Bedingungen und Missernten gemeldet.“

Wann sich die Situation entspanne, sei derzeit nicht absehbar, meint Berthold Schröder: „Das wird vermutlich noch eine Weile so weitergehen, denke ich.“ Auch Dirk Sindermann sagt. „Der Markt beruhigt sich vorerst nicht, denn die Nachfrage wird durch die Bautätigkeiten und den riesigen Renovierungsstau in Deutschland hoch bleiben.“ So sieht es auch Harry Strasburger: „Die Großhändler sagen uns, dass es bei den Lieferzeiten und Materialpreisen eher noch schlimmer wird.“

Kammerpräsident Berthold Schröder appelliert an das Verständnis bei den Kundinnen und Kunden der Bau- und Ausbauhandwerke für etwaige Preissteigerungen oder Verzögerungen bei der Abarbeitung von Aufträgen.

„Die Märkte“, sagt er, „sind durch Corona aus den Fugen geraten. Das Handwerk und seine Kunden, gewerbliche wie private, müssen nun sehen, wie sie damit umgehen. Das ist ganz sicher nicht einfach, für keine Seite, aber ich hoffe, dass sich Lösungen finden lassen.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle

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