Dass Polit-Promis im Kommunalwahlkampf auftreten, ist geübte Praxis. Aber was bringen diese Termine? Beobachtungen von einigen der bisherigen Auftritte von Spitzenpolitikern in Dortmund.

Dortmund

, 06.09.2020, 17:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Politikerinnen und Politiker in hochrangigen Funktionen waren in den vergangenen Wochen in Dortmund zu Besuch. Es sind Termine mit PR-Wirkung. Aber was bringen sie inhaltlich?

Die Liste liest sich erst einmal beeindruckend: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Finanzminister und Kanzlerkandidat Olaf Scholz (SPD), Außenminister Heiko Maas (SPD), Familienministerin Franziska Giffey (SPD), Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne), außerdem der SPD-Bundesvorsitzende Norbert Walter-Borjans und Anton Hofreiter, Bundestagsfraktionschef der Grünen.

Hinzu kommen noch ein Juso-Vorsitzender (Kevin Kühnert) in Wickede und eine staatstragende Wahlempfehlung von Armin Laschet für Andreas Hollstein (beide CDU). Kurz vor der Wahl, am 10.9. (Donnerstag), folgt noch der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck mit einem Besuch auf dem Gastro-Schiff Herr Walter.

Grünen-Spitzenpolitikerin im DFB-Fußballmuseum

Am Freitag (4.9.) war die Grünen-Politikerin Claudia Roth auf einer Tour mit einer bemerkenswerten Themen-Mischung. Am frühen Nachmittag trifft Roth mit Grünen-Spitzenkandidatin Daniela Schneckenburger und anderen Parteivertretern am DFB-Fußballmuseum ein.

Es wird ein Rundgang durch das Museum mit vielen ungewöhnlichen Gedanken zu einem populären Thema, etwa als Roth über beeindruckende Begegnungen mit Frauenfußballerinnen in Afghanistan spricht.

Mit Dortmund hat das Ganze insofern zu tun, als das Fußballmuseum an diesem Nachmittag seine pädagogische Arbeit in den Vordergrund stellt und damit seine Bedeutung für die Stadt unterstreicht.

Hier werden keine Wahlkampfslogans heruntergebetet, das Interesse wirkt echt. Der unmittelbare Bezug zu Themen, die viele Dortmunder angehen, fehlt allerdings.

Ein Gespräch mit Ex-BVB-Torwart und Kuratoriumskollege Roman Weidenfeller, ein Zwischentermin in Mülheim, dann geht’s für Roth wieder zurück nach Dortmund. In der „Marlene Bar“ trifft sie Dortmunder Gastronomen und Clubbetreiber, um sich über deren Situation auszutauschen.

Ein unwidersprochenes Loblied auf die Dortmunder Sozialdemokratie

Für die Bundespolitikerinnen und -politiker bedeuten diese Kommunalwahlkampfreisen oft Termine im Akkord. Norbert Walter-Borjans, SPD-Bundesvorsitzender an der Seite von Saskia Esken, ist am Montag (31.8.) mit einem ganzen Reisebus voller Journalisten auf einer Pressereise durch NRW.

Norbert Walter-Borjans, SPD-Bundesvorsitzender hört dem SPD-OB-Kandidaten Thomas Westphal bei einem Wahlkampfbesuch im Baukunstarchiv NRW zu.

Norbert Walter-Borjans, SPD-Bundesvorsitzender hört dem SPD-OB-Kandidaten Thomas Westphal bei einem Wahlkampfbesuch im Baukunstarchiv NRW zu. © Felix Guth

In den Minuten vor seiner Ankunft tauschen die Anwesenden Erinnerungen aus an vergangene Wahlkämpfe, als Sigmar Gabriel für besonders viel Aufwand sorgte oder Gerhard Schröder zum Entsetzen seiner Sicherheitsleute in Dortmund durch die Menschenmenge ging.

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Im Baukunstarchiv am Ostwall trifft Borjans auf den Dortmunder SPD-Kandidaten Thomas Westphal sowie Landtagsabgeordnete und lokale SPD-Politiker. „Nowabo“, wie der Vorsitzende in der SPD genannt wird, wirkt nicht wie jemand aus einer anderen Politik-Sphäre, die Atmosphäre ist trotz Abstandsregeln betont freundschaftlich.

Die Formel von der „Herzkammer der Sozialdemokratie“

Es dauert circa eine Minute, bis von SPD-Unterbezirkschefin Nadja Lüders zum ersten Mal die Formel von Dortmund als „Herzkammer der Sozialdemokratie“ beschworen wird.

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Auf die Frage eines Journalisten, ob diese Aussage noch der Realität in Wahlergebnissen entspreche, wird Thomas Westphal später antworten, dass es für ihn bei diesem Begriff nicht um Prozentzahlen, sondern um die vielen Menschen gehe, die sich für die Sozialdemokratie einsetzen.

Der scheidende Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert war Gast einer Veranstaltung der SPD im Dortmunder Stadtteil Wickede.

Der scheidende Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert war Gast einer Veranstaltung der SPD im Dortmunder Stadtteil Wickede. © Oliver Schaper (Archivbild)

Vorher wird sich aber noch etwas gegenseitig gelobt. „Thomas, du machst das gut und gehst in deiner Rolle als Spitzenkandidat richtig auf“, sagt der Bundesvorsitzende in Richtung des Dortmunder Kandidaten.

Nur vereinzelter Kontakt zu Bürgern

Westphal legt an diesem Nachmittag großes Selbstbewusstsein an den Tag. Dortmund werde weiterhin von einem sozialdemokratischen Oberbürgermeister regiert werden, weil das die Stadt besser mache. „Meinungsumfragen können Sie getrost vergessen. Wir sprechen am 13. September“, sagt er in Richtung eines Fragesteller, der den knappen Vorsprung Westphals gegenüber Andreas Hollstein (CDU) erwähnt.

Nach dem unwidersprochenen Loblied auf die Dortmunder Sozialdemokratie geht es in die Innenstadt. Dort fällt die Gruppe vor allem durch ihre Größe auf. Echter Kontakt zu Bürgern kommt nur vereinzelt auf - was natürlich auch mit genereller Zurückhaltung gegenüber persönlicher Begegnung in Corona-Zeiten zu tun hat.

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Es gelingt ein Überraschungseffekt als die Kunstfigur „Storch Heinar“ unter dem Applaus von Westphal und Borjans ein Statement gegen Neonazis setzt.

Unterschiede in Rhetorik und Charisma

Von der Eigenlob-Veranstaltung über Spaziergänge bis zum inhaltlichen Vortrag: Die Promi-Termine sind durchaus unterschiedlich angelegt. Manchmal geht der PR-Effekt auch nach hinten los: Etwa als SPD-Familienministerin Franziska Giffey bei einem Besuch in Dorstfeld wegen fehlendem Mund-Nasen-Schutz und zu geringem Abstand in Negativschlagzeilen geriet.

Der erhoffte Effekt ist für alle Parteien derselbe: Aufmerksamkeit für die politischen Ziele durch bekannte Gesichter. Aber es geht auch um Selbstbestätigung und Motivation durch erfahrene Parteikollegen. Diese Termine sind eine Ergänzung zum oft mühseligen Straßenwahlkampf.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei seinem Besuch in Dortmund im August.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei seinem Besuch in Dortmund im August. © Oliver Schaper (Archivbild)

Unbeantwortet bleibt, was der Wähler davon hat. Er kann zwar erleben, wie die Politiker aus dem Fernsehen in der Realität wirken. Wie sich Unterschiede in Rhetorik und Charisma bemerkbar machen zwischen einem Bundesminister und einem Kommunalwahlkandidaten, was etwa bei Jens Spahns Auftritt Ende August deutlich wurde.

Für die Wahlentscheidung am 13. September sind aber andere Faktoren wichtiger als die Frage, welcher Spitzenpolitiker welchen Dortmunder Kandidaten unterstützt.

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