Rettungskräfte und Feuerwehrleute sind immer wieder Gewalt und Drohungen ausgesetzt. Mit Facebook-Videos werben Gewerkschaften für Respekt. Doch was sind die Gründe für die Angriffe?

Dortmund

, 22.10.2019, 09:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Man sollte meinen, dass man mit respekt- und rücksichtslosen Menschen weniger zu tun hat, wenn man den Großteil seines Arbeitstages Hunderte Meter über dem Boden in einem kleinen Hubschrauber verbringt.

Dass der Missmut, den viele Menschen zeigen, sobald sie sich durch Rettungs- und Feuerwehrkräfte behindert und eingeschränkt fühlen, Notärzte und Sanitäter der sogenannten Luftrettung weniger betrifft.

Doch auch in den wenigen Minuten, die die Luftretter im Rettungshubschrauber „Christoph Dortmund“ pro Tag am Boden verbringen, schaffen die Menschen es, sie immer wieder anzupöbeln und an ihrer Arbeit zu hindern, ja sogar handgreiflich zu werden.

Kein Verständnis für Menschen in Not

Das berichtet Dr. Christian Afflerbach, seit zwölf Jahren Notarzt der DRF Luftrettung. Die größten Probleme gebe es, wenn der Arzt und seine Kollegen auf einer Straße landen müssen, zum Beispiel nach einem Unfall.

Nicht selten würden Autofahrer versuchen, sich in letzter Sekunde an dem landenden Hubschrauber vorbeizudrängen, sogar unter den Flugblättern herzufahren. „Die Leute wollen einfach nur schnell nach Hause“, sagt er. Dafür, dass die Rettungskräfte gerade versuchen, einem Menschen in Not zu helfen, hätten diese Menschen in dem Moment kein Verständnis.

Pöbeln, treten, spucken: Darum rasten Menschen gegenüber Rettungskräften aus

Dirk Afflerbach ist seit 12 Jahren Notarzt im Rettungshubschrauber. Auch er hat oft mit Menschen ohne Respekt und Verständnis für Einsatzkräfte zu tun. © Marie Ahlers

Fehlendes Verständnis, mangelnder Respekt. Damit haben viele Einsatzkräfte zu kämpfen, ob im Rettungsdienst, bei der Feuerwehr oder der Polizei. „Der Respekt gegenüber unseren Kollegen ist stark zurückgegangen“, sagen die Initiatoren von „Respekt? Ja bitte“, einer Dortmunder Medienkampagne der Gewerkschaften von Polizei und Feuerwehr.

Über die Hälfte der Rettungskräfte wurde schon beleidigt oder bedroht

Insbesondere Einsatzkräfte im Rettungsdienst sind häufig Beleidigungen und Bedrohungen ausgesetzt. Das zeigt eine Studie von Marvin Weigert und Dr. Thomas Feltes, Forscher an der Ruhr-Universität Bochum aus dem Jahr 2018.

2017 befragten sie über 800 Personen, die im Rettungsdienst und bei der Feuerwehr tätig sind, zu ihren Erfahrungen mit Gewalt bei der Arbeit. Das Ergebnis: Über die Hälfte der Befragten hat verbale Gewalt – Bedrohungen, Beschimpfungen – erlebt. 13 Prozent haben in den zwölf Monaten vor der Befragung körperliche Gewalt erlebt. Ein Großteil dieser Betroffenen arbeitet im Rettungsdienst.

Dabei geht die Gewalt, ob körperlich, verbal oder nonverbal, in den meisten Fällen von den Patienten aus. Passanten und Schaulustige hingegen werden laut Studie eher selten handgreiflich. Stattdessen neigen sie zu nonverbaler Gewalt – Mittelfinger zeigen, mit der Faust drohen.

Jetzt lesen

Zahlen der Übergriffe stagnieren

Weigert und Feltes haben auch festgestellt, dass die Gewalt gegen Einsatzkräfte seit 2012 weder zu- noch abgenommen hat. Damals war die erste Studie zum Thema an der Bochumer Uni erschienen. Zahlen, die zeigen, wie sich Übergriffe und Gewalt gegen Einsatzkräfte in den vergangenen Jahren entwickelt haben, gibt es jedoch nicht.

Doch was steckt hinter der Gewalt, hinter den Aggressionen und der Rücksichtslosigkeit? Marvin Weigert ist in den Ergebnissen seiner Studie eines aufgefallen: „50 Prozent der Täter waren laut den Befragten sichtbar alkoholisiert“, erklärt er. „Die Rolle von Alkohol wird meiner Meinung nach unterschätzt, wenn es um diese Fälle geht.“

Auch müsse man berücksichtigen, dass sich sowohl Patienten als auch deren Angehörige in dem Moment, wo sie vom Rettungsdienst aufgesucht werden, in Extremsituationen befänden.

Problematisch findet Weigert hingegen vage Theorien, die eine allgemeine Verrohung der Gesellschaft als Grund anführen. „Damit macht man es sich zu einfach“, glaubt er.

Jetzt lesen

Solidarität mit Polizisten und Feuerwehrleuten gefordert

Die Gewerkschaft der Polizei in NRW und die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft wollen dem Problem begegnen, indem sie den Einsatzkräften mehr Gehör verschaffen. Mit der Kampagne „Respekt? Ja bitte!“ sollen gerade junge Leute für die Arbeit von Einsatzkräften sensibilisiert werden.

Pöbeln, treten, spucken: Darum rasten Menschen gegenüber Rettungskräften aus

Viele Polizisten, aber auch zahlreiche Feuerwehrleute sind an der Kampagne "Respekt? Ja bitte!" beteiligt. © Marie Ahlers

Über 50 kurze Filme, die für die Kampagne produziert wurden, werben um Verständnis und Rücksicht. Feuerwehrleute und Polizisten nehmen den Zuschauer in den Filmen mit an die Einsatzstellen.

Damit wolle man unter anderem der Öffentlichkeit die Möglichkeit geben, sich mit den Einsatzkräften solidarisch zu zeigen - zum Beispiel, indem man die Videos in den sozialen Netzwerken teilt.

Dahinter stecken vornehmlich Feuerwehrleute und Polizisten aus Dortmund. Gewerkschafter, die etwas gegen den ihrer Meinung nach verloren gegangenen Respekt tun wollen. Am Mittwoch (16.10.) stellten sie die von ihnen selbst produzierten Filme im Signal Iduna Park erstmals einem Publikum aus Kollegen und Medienvertretern vor.

Zu sehen war unter anderem eine Szene, die im Juli vorm Hauptbahnhof entstand. Ein scheinbar blutüberströmter Mann, der auf dem Vorplatz von Sanitätern versorgt wurde, sorgte damals für Aufsehen. Tatsächlich war aber alles nur Show. Der Clip soll dazu dienen, Passanten für das richtige Verhalten in Notsituationen zu sensibilisieren.

Lesen Sie jetzt
Dorstener Zeitung Spuck-Attacke und Genital-Tritte

Haftbefehl für Somalier mit 5 Identitäten - Bekommt der Randalierer fünffach Sozialleistungen?