Dieser Ort in Dortmund ist ein Mekka für Vinyl-Fans - aber nur auf Zeit

dzRetro statt Musik-Streaming:

Édith Piaf und Johnny Cash für schlappe 33 Cent: Bei der Plattenbörse „3 für 1“ kosten drei Schallplatten oder CDs nur einen Euro. Die Vinyl-Liebhaber sind in der Überzahl.

Dortmund

, 07.01.2020, 18:07 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zugegeben, die neuesten Chart-Hits oder HipHop-Alben sucht man hier vergebens. Dafür erweist sich das Stöbern in den Kisten als Reise durch die Geschichte der Langspielplatte: Vom Schelllack-Exemplar über Peter Alexander bis hin zum Discosound der Siebziger gibt es hier alles zu kaufen. Und das unschlagbar günstig: Drei LPs oder CDs kosten zusammen 1 Euro.

Gerd-Ulrich Urban kramt in einem Stapel Singles. Schon zum zweiten Mal binnen weniger Tage ist der 62-Jährige zur EDG-Möbelbörse an der Zeche Crone gekommen, obwohl er keinerlei Interesse an Stühlen oder Tischen hegt. „Ich suche Schallplatten“, sagt der Dortmunder, „ich bin nur wegen der Plattenbörse hier.“

Dieser Ort in Dortmund ist ein Mekka für Vinyl-Fans - aber nur auf Zeit

EDG-Mitarbeiter Peter Saßmannshausen ist ebenfalls fündig geworden: Er mag die amerikanische Musikerin Rickie Lee Jones. © Michael Schuh

Erstmals veranstaltet das Dortmunder Entsorgungsunternehmen eine solche Börse, deren Name „3 für 1“ nicht von ungefähr kommt, wie EDG-Gruppenleiter Peter Saßmannshausen erläutert: „Es gibt drei gute Gründe dafür: Erstens wollen wir die Möbelbörse attraktiver machen, zweitens das Bewusstsein für Wiederverwertung und Müllvermeidung stärken - und drittens möglichst viele Platten verkaufen.“

Bei Gerd-Ulrich Urban fällt dieser Plan auf fruchtbaren Boden; vor allem, was den Verkauf der Platten betrifft. „Am Eröffnungstag war ich bereits hier“, sagt der Musikliebhaber, „aber ich hatte einfach nicht genug Zeit, alle Platten durchzuschauen. Das hole ich heute nach.“

Neil Young statt Karl May

Die Zuneigung zu den schwarzen Scheiben wurde Urban fast in die Wiege gelegt. „Mit fünf oder sechs Jahren habe ich meine erste Karl-May-LP bekommen“, erzählt er, „mein Vater hatte damals so eine Blaupunkt-Musiktruhe, mit der er unter anderem Ernst Mosch und den Teufelsgeiger Helmut Zacharias hörte.“

Es dauerte nicht lange, da hatten andere Klänge die Filmmelodie von Winnetou jedoch abgelöst; mit 14, 15 ging’s beim Jugendlichen Gerd-Ulrich deutlich rockiger zu: „Meine ersten Singles waren ‚Heart of Gold‘ von Neil Young und ‚American Pie“ von Don Mclean.“

Dem Musikstil blieb er treu, in den 1980er-Jahren gesellten sich dann aber die ersten CDs zur Sammlung. „Nur die 90er- und die 2000er-Jahre habe ich in Sachen Musik total verschlafen“, fährt Urban fort. „Da standen meine Kinder im Mittelpunkt.“

100 Mann und ein Befehl

Erst 2005 holte er seine Plattensammlung wieder aus der Versenkung hervor und erweitert sie heute vor allem um Blues- und Jazz-Exemplare. In der Möbelbörse ist er fündig geworden: Auf einer Scheibe, die Urban in Händen hält, ist mit Robert Johnson einer der legendärsten Bluesmusiker zu hören.

Doch bei einem Preis von 33 Cent pro Stück lässt er es sich nicht nehmen, auch bei anderen Stilrichtungen zuzugreifen. Eine Single der Chanson-Göttin Édith Piaf wird ebenso zur Kasse getragen wie ein fast 100 Jahre altes Schelllack-Exempar und eine Platte Freddy Quinns mit dem vielsagenden Stück „100 Mann und ein Befehl“. „Die hatte mein Vater auch“, sagt Urban lachend, „das Lied kann ich noch heute mitsingen.“

Dieser Ort in Dortmund ist ein Mekka für Vinyl-Fans - aber nur auf Zeit

Samira Yilmaz, Mitarbeiterin der Möbelbörse, demonstriert die Handhabung der Teststation. Schließlich weiß längst nicht mehr jeder, wie so ein Plattenspieler funktioniert. © Michael Schuh

Aber warum ausgerechnet Vinyl, wo das Streamen von Musik heute doch ein Kinderspiel ist? „Es geht ums Handling“, sagt der 62-Jährige, „eine Schallplatte kommt bei mir zunächst in die Plattenwaschmaschine, dann wird das Cover hingestellt und danach die Musik ganz intensiv gehört.“

Offenbar steht er nicht allein da, denn der Besuch im EDG-Gebäude habe im Zuge der Plattenbörse deutlich zugenommen, sagt Mitarbeiter Saßmannshausen: „Wir haben schon eine vierstellige Zahl an Tonträgern verkauft. Vor allem Platten.“

Ein Plattenspieler als Teststation

Und wer möchte, kann die Tauglichkeit des etwas altertümlich anmutenden Tonträgers sogar überprüfen. Als Teststation steht ein original Dual-Plattenspieler bereit. Und darauf klingen Vico Torriani, Reinhard Mey oder Johnny Cash einfach besser als in digitaler Version. Zumindest, wenn man fest dran glaubt.

Öffnungszeiten

Die Plattenbörse findet noch bis zum 25. Januar in der EDG Möbelbörse, Zeche Crone 12, statt. Öffnungszeiten: Dienstag 8.30 - 17 Uhr, Mittwoch bis Freitag 9 - 17 Uhr, Samstag 8 - 13.30 Uhr.
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