Pflegeheime-Chef: „Ist ein Infizierter drin, tragen wir 20 Tote raus“

dzGefahr durch Corona-Lockerungen

Seit dem 9. Mai dürfen Bewohner von Alten- und Pflegeheimen wieder von ihren Angehörigen besucht werden – aber nur unter strengen Auflagen. Trotzdem: Dortmunds Heimbetreiber sind beunruhigt.

Dortmund

, 18.05.2020, 05:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Trägern und Leitungen von Alten- und Pflegeheimen wird in diesen Corona-Tagen viel Geschmeidigkeit abverlangt. Sie sollen den Spagat schaffen zwischen Gesundheitsschutz, sprich sozialer Distanz, und menschlicher Nähe – und müssen, wenn das Virus doch dazwischengrätscht, für die Folgen geradestehen.

Seit Samstag (9.5.), sind Besuche in stationären Altenheimen und Pflegeeinrichtungen in NRW unter strengen Auflagen wieder möglich. Sie können in separaten Arealen und Raumeinheiten im Außenbereich erfolgen.

Mit entsprechenden Schutzmaßnahmen und Schutzkleidung ist das auch innerhalb der Einrichtungen möglich, zum Beispiel in abgetrennten Räumen (bis zu zwei Personen) oder bei bettlägerigen Bewohnern im Bewohnerzimmer (eine Person). Die Besuchsdauer ist pro Bewohner auf höchstens zwei Stunden pro Besuch und Tag begrenzt.

Tote unter Patienten und Pflegern in Fröndenberg

Soweit die Neuregelungen, die Betreibern von Senioren- und Pflegeheimen die Sorgenfalten auf die Stirn zeichnen; denn so einfach, wie sich das liest, ist es in der Praxis nicht, wenn man das Virus aus den Heimen heraushalten will.

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Alles, was seit dem 22. März verboten gewesen sei, sei jetzt wieder grundsätzlich möglich, sagt Martin Kaiser, Geschäftsführer der Städtischen Seniorenheime gGmbH in Dortmund, und warnt im selben Atemzug: „Leute, der Wunsch des Besuchs muss einhergehen mit dem Wunsch, die alten Menschen zu schützen.“

Er wolle keine Verhältnisse wie in Stockholm, wo 2000 Menschen in Zusammenhang mit Covid-19 gestorben seien. Man muss nur ein paar Kilometer weiter nach Fröndenberg gucken, um zu verstehen, was Kaiser umtreibt. Dort sind 17 Pflegeheim-Bewohner und zwei Pfleger an dem eingeschleppten Virus gestorben.

„Ein Pflegeheim ist ein Inkubator“, warnt Kaiser, „ist ein Infizierter drin, tragen wir 20 Tote raus.“ Er bittet Besucher inständig, nicht aufs Zimmer zu gehen.

Nur mit Anmeldung und Terminvergabe

Bislang treffen Angehörige die insgesamt 1000 Bewohner städtischer Einrichtungen am Windfang und reden mit ihnen, durch eine Glasscheibe getrennt, über Gegensprechanlagen.

In der nächsten Woche (18./19. Mai) werden draußen Besucherpavillons aufgestellt, bis Ende Mai soll es auch drinnen ein allgemeines Besucherzimmer geben. Alles nur mit Anmeldung und Terminvereinbarung. Profi-Schutzkleidung wird gestellt, sofern man keine eigene hat. In Notfällen, um das Sterben zu begleiten, darf man auch jetzt auf das Zimmer.

Auch Andreas Gora, Geschäftsführer des Dortmunder Awo-Unterbezirks, appelliert an die Angehörigen, bei der Wahl zwischen Recht und Vernunft sich für die Vernunft zu entscheiden: „Es reicht der eine, der sich nicht daran hält ...“

Volles Risiko ohne Kontrolle

Es gibt vor allem einen Punkt in den Lockerungen, der Gora den Schweiß auf die Stirn treibt. Danach soll es für Bewohner möglich sein, mit den Angehörigen – unter Vermeidung von ungeschütztem Kontakt – außerhalb der Einrichtungen spazieren zu gehen.

„Ich muss dafür Sorge tragen, dass die Hygieneregeln dafür eingehalten werden. Doch dazu müsste ich jemanden mitschicken, was nicht geht“, sagt Gora. Träger und Einrichtungsleitungen tragen, obwohl sie draußen keine Kontrolle haben, die volle Verantwortung für das Infektionsrisiko.

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Diese Zuordnung der Verantwortlichkeit kritisiert auch Elke Hammer-Kunze, stellv. Geschäftsführerin des Awo-Bezirks Westliches Westfalen und zuständig für 60 Häuser im Ruhrgebiet.

„Das geht nicht, dass man die Verantwortung bei den Einrichtungen ablädt, ohne Herr der Kontrolle zu sein“, sagt sie, „das ist nicht zu kontrollieren. Im Zweifel würde das dazu führen, dass man Bewohner in Quarantäne nehmen muss.“ Damit sei niemandem geholfen und führe die Bewohner in die Isolation, was niemand wolle.

Seniorenheime-Chef: Pfleger haben einen Top-Job gemacht

„Wir wünschen uns alle, dass nichts passiert, können es aber nicht ausschließen“, sagt Hammer-Kunze. „Jedem Angehörigen muss klar gemacht werden, dass er ein hohes Maß an Eigenverantwortung hat.“

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Bislang ist es in Dortmund gelungen, das Virus von den insgesamt rund 6000 Alten- und Pflegeheim-Bewohnern fernzuhalten. „Alle Pflegeheime und Mitarbeiter haben einen Top-Job gemacht“, betont Martin Kaiser. Und auch Andreas Gora ist stolz: „dass wir keine Todesfälle in den Einrichtungen haben“.

Das wäre ein Grund zu feiern. Was aber momentan nicht geht. Auch eine andere Feier ist in diesen Tagen sang- und klanglos hinten rüber gefallen: der Tag der Pflegenden am 12. Mai.

Zur Sache

Kurz-Screening für Altenheim-Besucher

  • Nach den seit 9.Mai geltenden Schutzmaßnahmen sollen alle Alten- und Pflegeheim-Besucher registriert und einem Kurz-Screening unterzogen werden, bei dem unter anderem auch Fragen zum eigenen Gesundheitszustand und zu möglichen Covid-19-Kontakten innerhalb der letzten 14 Tage beantwortet werden müssen.
  • Damit soll das Risiko des Besuchs von Infizierten, Kontaktpersonen und von Personen mit Erkältungszeichen auf ein Minimum begrenzt werden.
  • Auch müssen Besuchern die erforderlichen Schutzmaßnahmen erklärt und sie gegebenenfalls begleitet werden. Bei allen Maßnahmen müssen die aktuellen Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts berücksichtigt werden.
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