Raphael Westermeier bleibt in der audiovisuellen Installation „Europa verschwindet“ stumm. © Birgit Hupfeld
Schauspiel Dortmund

Performance: Gliedmaßen auf dem Asphalt und Gratisflüge zum ESC

„Europa verschwindet“ ist eine Theater-Meditation über das, was unseren Kontinent ausmacht: von altgriechischen Mythen bis zum „Eurovision Song Contest“.

Wofür steht Europa? Was ist und was könnte sein? Am Dortmunder Schauspielhaus feierte am Wochenende „Europa verschwindet“ Premiere, eine Produktion, die um diese Fragen kreist und die nach der Corona-Pause nun im überarbeiteten Gewand daherkommt.

Text und Musik im Kopfhörer

Ohne ein größeres Ensemble sehen wir bloß einen stummen Raphael Westermeier auf der Studiobühne, während Text, Musik, Klangimpressionen über Kopfhörer zu uns kommen.

Eine Installation für Auge und Ohr, inspiriert von Miroslava Svolikovas „Europa flieht nach Europa“. Neben der österreichischen Dramatikerin haben Marlena Keil, Raphael Westermeier, Tucké Royal, Rebecca Solnit und Isabella Sedlak (auch Regie) Texte beigesteuert.

Die Bühne, ein Guckkasten

Die Bühne (Nicole Marianna Wytyczak) wird dominiert von einem Guckkasten, der den Blick auf eine gemalte Meeresbucht freigibt, gerahmt von Felsbrocken. Die Küstenlinie Europas.

Eine Installation für Auge und Ohr, inspiriert von Miroslava Svolikovas „Europa flieht nach Europa“. © Birgit Hupfeld © Birgit Hupfeld

In den Raum ragt ein Bootsanleger oder Rettungssteg, den ein Bühnenarbeiter später unbrauchbar machen wird. Landgang nicht erwünscht.

„Krass, ein Stier“, sagt Europa

Projiziert werden Bilder vom Wasser, im Kopfhörer zwitschern Vögel, es blöken Schafe. „Krass, ein Stier“, sagt eine Frauenstimme, es ist die Stimme Europas: „Er trägt mich davon, wir schwimmen eine lange Zeit.“

Soweit der Mythos. Chillige Housebeats holen uns ins Heute. Stimmgewirr deutet auf ein Café oder ein Theater hin. „Du sitzt in der ersten Reihe, sie schaut Dich direkt an, und Du denkst, meint die mich?“ „Ich sehe Dich, ich kriege alles mit“, sagt wohl eine Schauspielerin.

Willkommen beim ESC

Mit „Du tötest den Stier und kämpfst Dich frei“ sind wir wieder bei Europa. „Ich werde ein Land gründen, das nicht aufbaut auf dem Recht des Stärkeren!“ Da ist es, das europäische Versprechen von Menschlichkeit und Güte.

Partyvolk auf Video. „Welcome Malta, welcome Albania! Hallo ESC-Freunde!“ Eine Reporterin meldet sich aus der Mercedes Benz-Arena, wo Harry und Meghan in der Glööckler-Suite sitzen. Die Lufthansa verlost 300 Gratisflüge zum ESC in Berlin. Die queere Community feiert. Viktor Orban verteilt Bruderküsse auf der Bühne.

Bomben, Wut und blaues Meer

Bloß ein Traum, eine Utopie. In der Realität explodieren Bomben. Körper und Gliedmaßen liegen auf dem Asphalt, wispert es im Kopfhörer. Da ist viel Wut auf Europa. „Keiner glaubt an mich. Ich bin noch hier“, klagt sie.

Noch immer ist das Meer blau, blau wie die Farbe der Sehnsucht und des Begehrens. Die Hoffnung, die viele in Europa setzen, wird sich nicht erfüllen, das hört man heraus aus dieser Meditation über einen Kontinent und sein Versprechen.

Eine audiovisuelle Installation

„Europa verschwindet“

Termine: 8. und 9. Oktober (20 bis 21 Uhr), 23. (18.30 bis 19.30 Uhr) und 24. Oktober (20 bis 21 Uhr), 25. und 26. November (20 bis 21 Uhr), Schauspielhaus Dortmund (Studio), Hiltropwall 15, Karten für 15 Euro. www.theaterdo.de

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