An der Hannöverschen Straße wurden erhöhte PCB-Werte gemessen. Kleingärtner und Anwohner im Umfeld sollen bestimmte Gemüsesorten aus eigener Ernte nicht mehr essen. Es gibt viele Fragen.

Dortmund

, 16.06.2020, 14:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Umweltbehörden, aber auch Anwohner und Kleingärtner im Norden von Körne sind alarmiert. Erhöhte PCB-Werte im Umfeld eines Silikon-Produzenten an der Hannöverschen Straße sorgen für Verunsicherung. Wir haben wichtige Fragen und Antworten zusammengestellt.

? Was ist PCB?

PCB ist die Abkürzung für „Polychlorierte Biphenyle“. Das sind organische Chlorverbindungen, die bis in die 1980er-Jahre etwa in Transformatoren und in elektrischen Kondensatoren, als Hydraulikflüssigkeit und als Weichmacher in Lacken, Dichtungsmassen, Isoliermitteln und Kunststoffen verwendet wurde. Seit 1989 sind Produktion und Einsatz in Deutschland verboten.

Das Problem: PCB kommen auch in der natürlichen Umwelt vor. Einige PCB-Verbindungen sind giftig und reichern sich im Fettgewebe an. Sie schädigen das Nerven- und Immunsystem und stehen im Verdacht, Krebs auszulösen. PCB ist ein „flüchtiger Stoff“, der meist über Staub in die Umwelt transportiert wird.

Es gibt allerdings 209 verschiedene PCB-Verbindungen, die je nach Zusammensetzung als unterschiedlich gefährlich gelten. Die an der Hannöverschen Straße nachgewiesenen Verbindungen („Kongenere“) PCB 47, 51 und 68 gelten nach Aussage von Experten wie des städtischen Gesundheitsamtsleiters Dr. Frank Renken und auch eines von der Firma M+S eingeschalteten Toxikologen ihrer Zusammensetzung nach eher als ungefährlich.

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? Welche Werte wurden gemessen?

Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) hat im Umfeld der Silikon-Firma M+S an der Hannöverschen Straße Löwenzahn-Pflanzen untersucht, auf deren Blättern sich Staub angesammelt hatte. Es gab drei Messpunkte - einmal westlich von M+S an der Hannöverschen Straße am Rande der Kleingarten-Anlage Lenteninsel, einmal westlich am Rande der Kleingartenanlage Frohes Schaffen, einmal noch weiter östlich am Rande der Kleingarten-Anlage Nordost.

Während der erste Punkt unauffällig war, wurde an Punkt 2 der Orientierungswert von 1,7 Mikrogramm pro Kilogramm mit 13 Mikrogramm deutlich überschritten. Am dritten Punkt lag der Wert mit 4,8 Mikrogramm ebenfalls über der kritischen Grenze.

? Was hat der Silikon-Produzent damit zu tun?

Ein Vorfall mit PCB-haltigen Flocken bei einem Silikon-Hersteller in Ennepetal war Ausgangspunkt aller Untersuchungen. Daraufhin wurden alle Standorte von Silikon-Herstellern untersucht. Tatsächlich fanden sich in mehreren Städten, unter anderem auch in Wuppertal und Witten, erhöhte PCB-Werte - so wie im Umfeld der Firma M+S an der Hannöverschen Straße in Körne.

? Welche Vorkehrungen wurden getroffen?

Betroffen von den PCB-Belastungen sind vor allem die Kleingärtner im Umfeld. Dort gibt es in vier Gartenanlagen rund 550 Gärten. Dazu kommen einige Grabeland-Flächen und mehr als 100 Hausgärten im benachbarten Wohnquartier im Norden von Körne.

Für sie gilt die Empfehlung, auf den Verzehr von bestimmten Gemüse- und Obstsorten aus eigener Ernte zu verzichten. Konkret verzichtet werden sollte vorsorglich vor allem auf großblättriges Gemüse wie Grünkohl, Mangold, Spinat, Pflücksalat, Feldsalat, Rucola, Rübstiel, Staudensellerie und Kräutern in größeren Mengen.

Früchte und Gemüse, die sich gut waschen oder schälen lassen wie Tomaten, Salatgurken, Äpfel, Birnen, Pflaumen, Erdbeeren, Kirschen oder Beerenobst können ohne Risiko gegessen werden. Auch Kopfsalat, Weiß- und Rotkohl sowie Blumenkohl sind kein Problem. Ebenfalls ohne Bedenken kann man Wurzel- und Knollengemüse wie Möhren, Radieschen oder Kartoffeln aus Eigenanbau auf den Tisch bringen.

Anwohner und Kleingärtner werden von der Stadt mit einem Info-Faltblatt über die Empfehlungen und die Hintergründe informiert.

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? Werden auch die Ursachen der PCB-Belastung beseitigt?

Die Firma M+S, ein 2001 gegründetes Familienunternehmen mit inzwischen 160 Mitarbeitern, stellt mehr als 30.000 verschiedene Produkte von Dichtungen für Busse und Bahnen bis zu Elementen für die Medizintechnik her. Dort hat man nach eigenen Angaben umgehend auf die Messergebnisse reagiert.

Verursacher der PCB-Belastung ist ein chlorhaltiger Vernetzer, also ein Bindemittel. Er soll nun durch chlorfreie Alternativen ersetzt werden. Ein Drittel der Produktion ist nach Angaben von M+S bereits umgestellt, ein weiteres Drittel folgt in den nächsten Wochen. Bis zum Jahresende sollen dann 90 Prozent der Produktion umgestellt sein. Außerdem ist eine neue Filteranlage installiert worden, die einen Großteil des PCB zurückhalten soll.

? Gibt es weitere Untersuchungen?


Ja. Stadt und Umweltbehörden kündigen weitere Messungen der Luft, des Umgebungsstaubs und des Bodens an. Auch weitergehende Untersuchungen von Nahrungspflanzen (Grünkohl) sind geplant, um die Immissionsbelastung und die gesundheitliche Relevanz besser verifizieren zu können.

Ein genaues Untersuchungskonzept wird derzeit gemeinsam mit dem LANUV erarbeitet. Zum Grünkohl ist mit Ergebnissen allerdings frühestens im nächsten Jahr zu rechnen, was schlicht mit der Anbau- und Erntezeit, also dem natürlichen Jahreszyklus zusammenhängt.

? Wie reagiert die Politik?

Die Ratsfraktionen von Linke/Piraten und den Grünen haben umgehend auf die Veröffentlichungen zur PCB-Belastung reagiert und vor allem eine umfassende Information der betroffenen Anwohner und Kleingärtner gefordert. Am 10. Juni hat sich dann erstmals der Umweltausschuss des Rates mit dem Thema befasst. Dabei gab es durchaus Lob für das bisherigen Handeln der Verwaltung. Gefordert wurden unter anderem Luft- und Staubniederschlags-Messungen sowie bei Bedarf auch Blutuntersuchungen.


? Warum reagieren Politik und Betroffene so sensibel?

Dortmund ist in Sachen PCB ein gebranntes Kind. Bei der Firma Envio, einem Entsorgungsunternehmen im Dortmunder Hafen, kam es vor Jahren zu einem PCB-Skandal, bei der Umwelt und Mitarbeiter extrem mit PCB belastet worden waren. Die Folgen sind bis heute spürbar.

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