Die obdachlosen Menschen in Dortmund werden ab dem 16. November zweimal täglich in dem Zelt am U eine Mahlzeit im Warmen zu sich nehmen können. © Oliver Schaper
Corona-Pandemie

Obdachlosen-Anlaufstelle am U-Turm vor dem Start – So sieht es dort aus

Obdachlose Menschen leiden besonders unter Corona. Die Versorgung ist an vielen Stellen weggebrochen. Ein Zelt am Dortmunder U soll eine Lücke schließen. Jetzt steht ein Startdatum fest.

Corona-Pandemie, zweiter Lockdown. Damit kamen viele Einschränkungen und Probleme. Gastronomie und Kultur stehen still, über finanzielle Nöte und sogar Geschäftsaufgaben wird täglich berichtet.

In dem ganzen Frust, der das Coronavirus wie eine Wolke umgibt, werden zuweilen obdachlose Menschen vergessen. Sie trifft die Pandemie besonders hart: Denn wegen des Infektionsrisiko sind so gut wie alle Einrichtungen geschlossen, die den Menschen tagsüber einen Platz zum Verweilen geboten haben.

Das ist problematisch. Denn die Tage in Dortmund werden kürzer und kälter – der Winter steht vor der Tür.

Zelt am U soll Versorgung ergänzen

Ein Zelt an der Rheinischen Straße, direkt im Schatten des U-Turms, soll den obdachlosen Menschen ab dem 16. November (Montag) eine weitere Möglichkeit bieten, eine Mahlzeit im Warmen zu sich zu nehmen.

Das Zelt sei „ein zweites Standbein“ in dem „starken Netzwerk“ der Wohnungslosenhilfe in Dortmund, so Sozialamts-Leiter Jörg Süshardt. Aktuell gibt es für die rund 700 obdachlosen Menschen, die es laut Süshardt in Dortmund geben soll, wegen Corona es nur ein ähnliches Angebot der Diakonie im Wichernhaus – allerdings nur für 20 Leute.

Die restlichen Angebote wurden aufgrund der Pandemie auf die Ausgabe von Lunchpakete runtergefahren, die von den Menschen im Freien verzehrt werden müssen.

So sieht das Zelt von innen aus.
So sieht das Zelt von innen aus. © Oliver Schaper © Oliver Schaper

Bei einem Pressetermin am 12. November (Donnerstag) wurde das Konzept des Zeltes vorgestellt. Dabei handelt es sich um ein Kooperationsprojekt vom Gast-Haus, von Bodo, der Kana-Suppenküche, dem Wärmebus und der Stadt Dortmund.

Zweimal täglich Essensausgabe

Dortmunds Sozialdezernentin Birgit Zörner ist froh, dass die „Corona-Winterhilfe“ – so nennt sich das Projekt – „gerade rechtzeitig zur Winterzeit“ an den Start ginge. Vom Ratsbeschluss bis zur Eröffnung habe es lediglich fünf Wochen gebraucht. Ein Zeitraum, der von Gasthaus-Vorstand Heinrich Bettenhausen als „rekordverdächtig“ bezeichnet wurde.

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Rundgang durch das Zelt für Obdachlose am U-Turm

In dem geschützten Raum wird es für 73 Menschen gleichzeitig zweimal täglich die Möglichkeit geben, eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen: von 8 bis 11 Uhr am Morgen und von 16.30 bis 19.30 am Abend. Auf 600 Quadratmetern an Einzelplätzen, die ganz corona-konform genug Abstand zu einander haben.

Saubere Toiletten werden ebenfalls zur Verfügung gestellt. Ehrenamtliche Helfer kümmern sich um die Essensausgabe, die Schichten werden jeweils von den verschiedenen Kooperations-Partnern betreut.

Mit dem Hygienezentrum in der Leuthardstraße, in dem die Obdachlosen montags, mittwochs und freitags von 12 bis 16 Uhr duschen, waschen und saubere Kleidung bekommen können, gibt es so wieder eine halbwegs stabile Grundversorgung für Obdachlose.

Keine Lüftung, keine Rückverfolgung

Stichwort Hygiene: Um das Infektionsrisiko gering zu halten, herrscht auf dem gesamten Areal Maskenpflicht. Bevor die Menschen das Zelt betreten, wird Fieber gemessen. Ein- und Ausgang sind voneinander getrennt.

Ein Risiko besteht trotzdem. Denn die Verantwortlichen rechnen mit mindestens 250 Besuchern pro Schicht, bei 73 Plätzen im Zelt wird es also zwangsweise zu Warteschlangen kommen.

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So sieht es im Corona-Winterhilfe-Zelt für Obdachlose am Dortmunder U aus

Bei dem Pressetermin kam es deshalb auch zu einer kleinen Unstimmigkeit: Heinrich Bettenhausen vom Gasthaus würde sich Unterstützung vom Sozialamt wünschen. Bei den Schlangen vor dem Gasthaus sei das durch die Quartierkümmerer geschehen, die darauf achteten, dass der Abstand eingehalten wird. Das lehnte der Sozialamt-Chef Süshardt aber deutlich ab. Die Besucher würden sich schon eigenständig an die Hygiene-Vorgaben halten, so seine Einschätzung.

Eine Kontakt-Rückverfolgung wie in Gastronomiebetrieben wird es übrigens nicht geben. Und auch keine Lüftungsanlage – das Zelt sei ausreichend luftdurchlässig, heißt es.

Rund 200.000 Euro Kosten

Das autarke Zelt an der Rheinischen Straße wird beheizt. Die geräuschvolle Heizanlage läuft mit Öl, ein großer Tank steht dafür bereit. Genauso wie für Wasser, denn dafür sind keine Anschlüsse auf dem Gelände vorhanden.

Die Kosten für den Aufbau – der übrigens zwei Wochen gedauert hat – und für den laufenden Betrieb übernimmt die Stadt. Das sind jeweils ungefähr 100.000 Euro. Rund 60 Prozent der Betriebskosten würden dabei für den Sicherheitsdienst draufgehen. Die Security vom U wird das abgeschlossene umzäunte Areal im Blick behalten. Allerdings nur in den Abend- und Nachtstunden.

Das Corona-Winterhilfe-Zelt schließt eine Lücke, die für die Dortmunder Wohnungslosen durch das Virus entstanden ist. Aber auch nicht so richtig. Denn ein richtiger, langer Aufenthalt ist auch in dem großen Zelt nicht möglich, wie Stefan Wehrmann vom Wärmebus erklärt.

Bei hohem Andrang sollen die Wohnungslosen nur 30 Minuten verweilen – damit auch alle versorgt werden können. Ein richtiger Ort zum Verweilen oder zum Schutz vor Kälte fehlt wegen Corona weiterhin.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
1990 im Emsland geboren und dort aufgewachsen. Zum Studium nach Dortmund gezogen. Seit 2019 bei den Ruhr Nachrichten. Findet gerade in Zeiten von Fake News intensiv recherchierten Journalismus wichtig. Schreibt am liebsten über Soziales, Politik, Musik, Menschen und ihre Geschichten.
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