OB-Kandidat Günther Ziethoff: Ein Freimaurer möchte ins Rathaus ziehen

dzOB-Wahl 2020

Er hat ein Büro wie ein Schallplattenarchiv. Dicht an dicht stehen sie im Schrank. 2700 Stück, schätzt Günther Ziethoff (67). Die Musik soll bald im Rathaus spielen: Ziethoff will OB werden.

Dortmund

, 25.07.2020, 09:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das kleine Schild am Eingang macht stutzig: „GalerieGedankenGänge“ ist darauf zu lesen. Günter Ziethoff schließt auf und führt den Besucher in ein Büro. Ein paar Quadratmeter Raum im ehemaligen Bunker an der Wittelsbacher Straße. Zwei, drei Stühle, ein Schreibtisch. Und ein Wandregal voller alter Schallplatten. Die Disko, in der er früher aufgelegt hat, gibt es nicht mehr. Ebenso wenig wie seine „GalerieGedankenGänge“. Aber der Name! Herrlich symbolträchtig!

Wie erfunden für einen grübelnden Künstler. Oder für jemanden wie ihn, der bei der Kommunalwahl am 23. September Oberbürgermeister (OB) werden möchte und zu den Gründervätern der Partei „Basisdemokratie jetzt“ gehört. „Ich hatte immer zwei Leben“, sagt Ziethoff und schmunzelt hinter seiner Brille.

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Der Mann kommt locker, leicht und sympathisch daher. Kein Schlips, kein Sakko. Ihm reichen Jeans und Oberhemd. 67 Jahre alt, befindet sich Ziethoff im Ruhestand und könnte sich gemütlich zurücklehnen. Und zurückblicken.

Stattdessen guckt er nach vorn. Er will ins OB-Amt, und der Wahlkampf muss organisiert werden. "Handzettel verteilen, hier und da Plakate kleben, Aktionen vorbereiten - sowas." Er zahlt die Aufwendungen aus seiner privaten Tasche, sagt er. Das ist es ihm wert.

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Er war der "Meister vom Stuhl"

In Dortmund geboren, die "Volksschule" besucht, bei Rewe die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im Lebensmittelbereich gemacht. Nach Feierabend, seine Kollegen sitzen längst zuhause, bildet er sich auf der Abendschule bis zur Fachhochschulreife fort. Es folgt ein dreijähriges Studium an der FH, an dessen Ende „der diplomierte Betriebswirt Günther Ziethoff“ steht.

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Er wechselt die Arbeitgeber und klettert die Karriereleiter hoch. Steigt bei Tengelmann (Mülheim) in die Unternehmensplanung ein. Bei Obi ist er werktags als regionaler Expansionsleiter tätig, an den Wochenenden legt er als DJ im früheren Sacre Coeur in Husen auf. Er wird zum "Bereichsleiter Allgemeine Verwaltung" bei der Kassenärztlichen Vereinigung und engagiert sich ehrenamtlich als Geschäftsführender Vorstand im Sozialen Zentrum an der Westhoffstraße.

Sein Berufsleben ist abgeschlossen, die Arbeit an sich selbst nicht: Seit Jahren ist er Mitglied der Freimaurerloge „Zur alten Linde“ . Sie hat ihren Sitz gleich um die Ecke neben seinem Büro, und Ziethoff war ihr „Meister vom Stuhl“.

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Herr Ziethoff, sind Sie ein Wandervogel, der es nirgendwo länger aushält? Ziethoff kontert lächelnd: „Nein, ich habe Berufserfahrungen gesammelt und mich weiterentwickelt.“ Aber warum will sich jemand wie er das OB-Amt antun, die Verwaltung einer Großstadt führen und mit der Liebe eines Maikäferforschers jeden Winkelzug der Politik nachspüren?

"Warum lügen Politiker so oft?"

Aus Dortmunds CDU, für die er früher Wahlkampf gemacht hatte, ist er im Zuge der Barschel-Affäre 1987 ausgetreten. Die Antwort aufs Warum formuliert Ziethoff allgemein: „Ich habe mich oft gefragt, warum Politiker so häufig lügen“, sagt er. „Das sind in aller Regel kluge Leute. Warum machen die das, welchen Zwängen unterliegen die?"

Ginge es nach Günther Ziethoff, würden alle wichtigen Entscheidungen in Dortmund in die Hände der Bürger gelegt.

Ginge es nach Günther Ziethoff, würden alle wichtigen Entscheidungen in Dortmund in die Hände der Bürger gelegt. © RN

Jetzt ist der Moment gekommen, an dem Ziethoff ein Politikseminar veranstalten könnte. Er holt aus, bricht ab, setzt erneut an. Und so steigt in seinem kleinen Büro allmählich ein auf den ersten Blick spannender, aber eben auch wolkiger Politik-Entwurf auf, den ein OB Ziethoff gern ins Rathaus mitbringen würde.

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Würden seine Ideale und das Programm seiner rund 25 Mitglieder kleinen Partei „Basisdemokratie jetzt“ erst einmal wach geküsst, dann könnte sich Ziethoff „Dortmunder Bürgerräte“ vorstellen.

Dann sähe er Zusammenkünfte zufällig ausgewählter Menschen, die sich in komplexe Themen reinknien und sorgfältig alle Seiten abklopfen. Sähe er Gruppen von Bürgern, die eifrig diskutieren, abwägen und anschließend den Politikern im Rat zu allen wichtigen Fragen klare Beschlussfassungen an die Hand geben.

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„Das“, sagt Ziethoff und wirkt dabei sehr überzeugt, „schafft Verbindlichkeit – auch für die Bürger selber.“ Dass sich Juristen und Kommunalrechtler bei diesem Modell vermutlich die Hände reiben würden, nimmt er erstmal hin.

"Platz vier - das wäre schon was"

Mögen andere OB-Kandidaten das Blaue vom Himmel versprechen und den Dortmundern künftig freie Fahrt in Bussen und Bahnen: Sein Stil ist das nicht. Ziethoff, darauf baut und setzt sein Wahlkampf, würde empfehlen, die Menschen nach Abwägung aller Argumente selber entscheiden zu lassen.

„Vielleicht käme beim Thema Nulltarif im ÖPNV am Ende sogar etwas anderes raus, als wir erwarten würden“, sagt Ziethoff. Er weiß, was er den Bürgern da verordnet: Volkshochschule für politische Bildung. Detaillierte Konzepte für die Weiterentwicklung der Stadt, für den Verkehr, den Wohnungsbau, die Digitalisierung – all das steht erst einmal nicht auf seiner Agenda.

Ziethoff ahnt, dass der Teufel im Detail steckt, sein Modell Tücken hat und Kritik provoziert, über die sich stundenlang streiten ließe. Auch seine Idee, das OB-Gehalt spenden zu wollen („Ich habe meine eigenen Altersbezüge“) mag beim ersten Hinsehen Charme entwickeln. Bei anderen erzeugt sie Kopfschütteln.

Beirren lässt er sich davon nicht. Dennoch ist er Realist genug um zu wissen, „dass ich nicht unbedingt der geborene Kandidat bin“. Wenn er schon der übermächtigen Konkurrenz von SPD, CDU und Grünen unterliegt, dann will er zumindest „einen Achtungserfolg“ erzielen. „Platz vier“, sagt er, „das wäre schon was.“

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