Drei vorbereitete Spritzen mit dem Corona-Impfstoff Astrazeneca liegen in einer Hausarztpraxis. © dpa (Symbolbild)
Coronavirus

Neuer Astrazeneca-Stopp: Dortmunder Immunologe erklärt, was los ist

Wieder sind Impfungen mit dem Astrazeneca-Mittel ausgesetzt worden. Diesmal nur für bestimmte Gruppen. Warum das so ist und was die Perspektive für das Vakzin ist, erklärt Prof. Carsten Watzl.

Update, 20. März, 21 Uhr:

Wenige Stunden nach Veröffentlichung dieses Artikels gaben Bund und Länder bekannt, dass sie der Empfehlung der Ständigen Impfkommission folgen werden und haben die Impfung für Astrazeneca für Menschen unter 60 Jahren ausgesetzt. Alle Infos dazu finden Sie hier.

So hatten wir zunächst berichtet:

Wieder gibt es Einschränkungen beim Einsatz des Coronavirus-Impfstoffes vom Hersteller Astrazeneca. Und die breiteten sich im Verlauf des Dienstags nach und nach in Deutschland aus. Zunächst hatten nur einzelne Krankenhäuser und Landkreise die Impfungen mit dem Vakzin für bestimmte Bevölkerungsgruppen ausgesetzt. Am Dienstagabend kam dann der teilweise Impfstopp für ganz NRW und damit auch Dortmund.

Unter den ersten, die einen solchen Stopp verhängt hatten, war der Kreis Euskirchen. Nachdem dort bei zwei Frauen unter 50 Jahren nach einer Impfung mit dem Stoff gefährliche Hirnvenen-Thrombosen aufgetreten waren, hat der Kreis den Einsatz des Mittels von Astrazeneca für Frauen unter 55 Jahren gestoppt. Auch die Berliner Charité hatte eine ähnliche Maßnahme verhängt.

In NRW wurden die Impfungen nun für alle Personen unter 60 ausgesetzt. Diese Empfehlung will die Ständige Impfkommission (Stiko) laut einer Beschlussvorlage, über die die DPA berichtet, ebenfalls aussprechen.

Risikoabwägung für bestimmte Personengruppen

Zur Einschätzung dieser Lage haben wir am Dienstagmittag – noch vor dem Bekanntwerden der voraussichtlichen Empfehlung der Stiko und des Impfstopps in NRW – mit dem Dortmunder Immunologen Prof. Carsten Watzl vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung gesprochen.

Er betont zuerst, dass an diesen bereits zuvor bekannt gewordenen Nebenwirkungen aktuell intensiv geforscht werden. Es sei nach jetzigem Wissenstand wohl so, dass die sogenannten Sinusvenen-Thrombosen bevorzugt bei jüngeren Frauen auftreten, und zwar relativ selten.

„Eine seltene Nebenwirkung von 1:100.000 klingt erstmal nach wenig, eine junge Frau hat aber vielleicht auch nur ein Risiko von 1:10.000, an Covid-19 zu versterben.“ So lasse sich mit einer Risikoabwägung begründen, warum es sinnvoll sein könne, manche Personengruppen von der Impfung mit dem Astrazeneca-Mittel auszunehmen.

Autoimmunreaktion könnte die Erkrankung auslösen

Möglich sei, dass die Thrombosen von einer Art Autoimmunreaktion ausgelöst werden, einer sogenannten Autoimmunen Thrombozytopenie. „Sollte sich das bewahrheiten, wäre das Gute daran, dass sich diese Nebenwirkungen relativ schnell diagnostizieren und auch therapieren ließen. Denn es gibt für diese spezielle Form der Autoimmunen Thrombozytopenie eine Behandlungsmöglichkeit.“

Es sei dann auch wahrscheinlich, dass die Nebenwirkungen nicht bei allen Personen auftreten, „sondern vor allem bei Leuten, die zum Beispiel eine entsprechende genetische Vorbelastung haben“, so Carsten Watzl.

Eine Impfung gegen das Coronavirus könnten diese Personen trotzdem bekommen, wie Prof. Watzl betont: „Die Alternative ist ja nicht, gar nicht zu impfen, sondern einen anderen Impfstoff, zum Beispiel einen mRNA-Impfstoff, für diese Personen zu verwenden.“

Weitere Forschung muss Klarheit liefern

Wichtig sei es, verlässliche Daten darüber zu bekommen, welche Personen von der seltenen Nebenwirkung betroffen sind. Es sei im Moment trotz der gehäuften Fälle bei Frauen zum Beispiel nicht auszuschließen, dass auch Männer betroffen sein könnten – einfach, weil das Mittel von Astrazeneca bisher zu zwei Dritteln an Frauen verimpft worden sei.

Sobald aber erforscht sei, welche Personen anfällig für diese Nebenwirkung sind, würde das auch Klarheit schaffen, inwiefern der Impfstoff dennoch verwendet werden kann. „Wenn wir bestimmte Personen dann von den Impfungen mit Astrazeneca ausnehmen können, dann würde das im Umkehrschluss ja bedeuten, dass der Impfstoff für die anderen sicher ist.“

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Bastian Pietsch

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