Das Eckhaus Emscherstraße / Thusneldastraße in Dorstfeld, aufgenommen im September 2019. Als die gegenüberliegenden „Nazi-Kiez“-Graffiti übermalt wurden, haben die Bewohner jede Menge schwarz-weiß-rote Fahnen am Haus angebracht. © Stephan Schütze (Archiv)
Rechtsextremismus

Neonazis in Dorstfeld: „Was passiert, wenn die Dummheit übernimmt?“

Die Polizei sieht die Naziszene in Dortmund deutlich geschwächt. Im selbst ernannten „Nazi-Kiez“ in Dorstfeld hat sich durchaus etwas verändert, aber kaum jemand will darüber reden.

„Früher konnte ich nicht so problemlos hier durchlaufen“, sagt Friedrich Fuß, während er durch eine kleine Seitenstraße in Dorstfeld schlendert. Auf der einen Seite befindet sich ein heruntergekommener Altbau, von dessen Fassade der Putz bröckelt. Auf der anderen stehen Autos vor Garagen – die Wand ist bunt besprüht mit dem Schriftzug „Our colors are beautiful“.

Bis vor eineinhalb Jahren war diese Wand noch schwarz-weiß-rot bemalt. Die Worte „Nazi“ und „Kiez“ waren darauf zu lesen, Bilder davon waren bundesweit in Medien zu sehen. Die Rede ist von der Emscherstraße, bis zu 25 bekannte Rechtsextremisten haben hier und in der Nachbarschaft gewohnt. Sie wollten über diese Straße herrschen, politische Gegner und Journalisten wollten sie von hier vertreiben.

Führungsperson sagt, Dortmund sei für Neonazis verloren

Doch inzwischen ist die Szene geschwächt, wie Polizeipräsident Gregor Lange es formuliert. Einige Rädelsführer sitzen nach Straftaten im Gefängnis, andere wie das gewählte Ratsmitglied der Partei Die Rechte, Michael Brück, sind aus Dortmund fortgezogen.

Dortmund habe ihm „schon seit Jahren nicht mehr zugesagt“, sagte Brück in einem Interview mit einem Neonazi-Onlineportal. Nach Wahlerfolgen der Grünen nannte er junge Erwachsene „völlig verzogen“, die Region sei „im Endeffekt verloren“. Die Menschen seien für seine Parolen nicht zu erreichen: „Und das sehe ich in Sachsen völlig anders.“

Friedrich Fuß, der den „Kiez“ jetzt ungestört aus der Nähe ansehen kann, personifiziert als Bezirksbürgermeister der Innenstadt-West diesen grünen Wahlerfolg. Beim Treffen auf dem Wilhelmplatz zögert er keine Sekunde, als er gefragt wird, ob man gemeinsam durch die Emscherstraße schlendern soll. Früher habe er dafür vorher sicherheitshalber die Polizei informiert, sagt er. Das sei heute, im März 2021, aber nicht mehr nötig.

Als Fuß vor einem halben Jahr zum wiederholten Mal zum Bezirksbürgermeister gewählt wurde, sagte er, neben der Kinder- und Jugendförderung sei seine größte Aufgabe, „dass die Innenstadt-West nazifrei wird“. Sicherlich sei das ein hohes Ziel, sagt er jetzt. Brücks Wegzug spiele eine wichtige Rolle, aber es gebe immer noch Einige, die in Dortmund blieben. „Aber wenn ein Kopf geht, gehen häufig andere mit“, formuliert es Fuß.

Die Emscherstraße könnte teilweise umbenannt werden

Vor rund zehn Jahren ist der Mann mit den blonden Locken zum ersten Mal Bezirksbürgermeister geworden. Damals hätten sich die Rechtsextremisten noch nicht so geballt um die Emscherstraße konzentriert, sagt er. Warum es so kam? Die Nähe zur Innenstadt könnte eine Rolle spielen, etwa für Demonstrationen, kann Fuß nur mutmaßen.

Aktuell berät die Lokalpolitik darüber, den Teil der Straße mit den Nazi-Häusern umzubenennen, damit unbeteiligte Nachbarn mit ihnen und diesem Image-behafteten Namen nicht länger verbunden sind.

Friedrich Fuß am Wilhelmplatz in Dorstfeld.
Am Rande des Wilhelmplatzes, der früher ein beliebter Treffpunkt der Extremisten war, sprach Bezirksbürgermeister Friedrich Fuß über die Lage in Dorstfeld. © Kevin Kindel © Kevin Kindel

Die Rechte bekam bei der Kommunalwahl im September in diesem Wahlbezirk 3,7 Prozent der Stimmen – Höchstwert für ganz Dortmund. Stadtweit waren es 1,1 Prozent. 207 Menschen haben zwischen A45 und Emscher, A40 und Wischlingen für die Neonazis gestimmt.

Hört man sich in der Nachbarschaft um, wollen nicht viele Menschen über das Thema reden. Erstaunlich häufig hört man als Reporter „Ich bin neu hier“, vor allem von Menschen mit Migrationshintergrund.

Schon lange klebten keine Sticker mehr am Laden

Ein Mitarbeiter eines Geschäftes sagt, wirklich auffällig seien die Neonazis für ihn nie gewesen. Allerdings habe er schon lange keine Aufkleber mehr von der Fassade kratzen müssen. Eine andere Frau sagt, dass auch die Corona-Pandemie eine Rolle spiele. Seitdem sehe man schließlich generell kaum noch Menschenansammlungen. Niemand der rund zehn angesprochenen Personen will sich länger über die Extremisten unterhalten.

Ganz ungestört kann man als Politiker mit einem Journalisten auch immer noch nicht durchs Viertel schlendern. An Fenstern des großen Wohnhauses an der Emscherstraße lehnen Bewohner und beobachten die Passanten stumm.

Dann dauert es keine fünf Minuten, bis ein Mann an einer Ecke auftaucht und die unerwünschten Gäste (man befindet sich im öffentlichen Raum) mit dem Handy offenbar filmt. „Wenn ich früher hier angekommen bin, kamen die sofort“, sagt Fuß müde lächelnd. In den folgenden Minuten tauchen zwei weitere Männer auf, alle holen ihre Kamera-Handys raus. Sie sagen aber nichts.

Nach einem kurzen Rundgang ist ein Polizeiwagen auf dem Wilhelmplatz zu sehen. Seit dem Jahr 2016 waren hier im Viertel rund 10.000-mal Streifenwagen präsent, berichtet Polizeipräsident Gregor Lange. Rund zehnmal am Tag zeigen die Beamten hier Präsenz.

Deutlich weniger rechtsextreme Gewalttaten

Im Jahr 2015 hatte die Polizei Dortmund 49 rechtsextreme Gewalttaten verzeichnet. 2020 waren es nur noch 13. In dem Zeitraum dazwischen sind Gerichtsurteile mit insgesamt 34 Jahren Freiheitsstrafe ausgesprochen worden. „All die Verfahren tragen dazu bei, dass ich den Eindruck habe, dass Menschen sich in Dorstfeld inzwischen sicherer fühlen“, sagt Lange. Angst und Einschüchterung dürfe die Szene nicht verbreiten.

Der Behördenleiter sagt nach den Haftstrafen und Wegzügen: „Mit dem Kampf um die Straße, um die Köpfe und um die Parlamente ist der organisierte Rechtsextremismus in Dortmund gescheitert.“ Die Stadt spiele nicht mehr die bundesweite Sonderrolle, die sie einmal hatte. Gleichwohl seien die Gefahren durch die Extremisten aber immer noch präsent.

Sicher könne man nicht sagen, ob die lokalen Akteure sogar Menschen umbringen könnten, betont Lange. In den Jahren 2005 und 2006 ist erst der Punk Thomas Schulz an der Kampstraße von einem Neonazi erstochen worden, dann wurde Kioskbesitzer Mehmet Kubasik an der Mallinckrodtstraße Opfer der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU).

Gregor Lange sagt: „Es ist oft ein unglaubliches Tempo, in dem sich Einzelne von null auf Hundert radikalisieren und dann durchknallen und zu einer wirklichen Gefahr werden.“ Dieses Risiko sei bundesweit immer wieder gegeben – vor allem durch Hass- und Hetzforen im Internet.

Polizeipräsident: „Wir haben die Szene unter Kontrolle“

„Das größte Missverständnis, das wir produzieren könnten, wäre, dass wir irgendetwas erledigt hätten“, sagt der Polizeipräsident: „Aber wir haben die rechte Szene unter Kontrolle. Wir haben sie schwächen können und das Handlungspotential einschränken können.“

Auch Dorstfelds Bezirksbürgermeister Fuß will sich nicht zu sehr über die aktuelle „Ruhephase“ freuen, wie er sie nennt: „Die sammeln sich“, meint er. Der fast 70-jährige Lokalpolitiker Siegfried Borchardt, der als SS-Siggi bekannt wurde, werde beispielsweise nach seiner jüngsten Haftstrafe bestimmt auf den Wilhelmplatz zurückkehren, meint Fuß.

Sicher sei jedenfalls, dass der Rückhalt in der Bevölkerung für die Extremisten sehr klein sei. Auch Gregor Lange betont, dass die gesamte Stadtgesellschaft gemeinsam den aktuellen Erfolg verdient habe. Ob man auch Linksextremen für ihr Engagement gegen Rechts ein Stück weit dankbar sei, fragen wir: „Extrem ist immer zu viel“, antwortet darauf der neue Leiter der Staatsschutz-Abteilung, Robert Herrmann.

Die Polizei will jedenfalls nicht locker lassen: „Wir müssen uns sehr um die Einzelnen kümmern“, sagt Behördenleiter Lange. „Wir müssen sehr gucken, was hinter den Kulissen stattfindet.“ Seine größte Sorge: „Da gab es einen, der war halbwegs intelligent, nämlich Brück. Was ist, wenn diese strategische Intelligenz durch Dummheit ersetzt wird? Die Gefahren müssen wir weiter ernst nehmen.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Kevin Kindel, geboren 1991 in Dortmund, seit 2009 als Journalist tätig, hat in Bremen und in Schweden Journalistik und Kommunikation studiert.
Zur Autorenseite
Kevin Kindel
Lesen Sie jetzt