Nach „Todespfleger“-Urteil: Ermittlungen gegen Dortmunder Klinikchef Mintrop dauern an

dzHögel-Prozess

Der Pfleger Niels Högel wurde wegen 85-fachen Mordes verurteilt. Im Hintergrund wird weiter gegen Klinikverantwortliche ermittelt - auch gegen den Geschäftsführer des Klinikums Dortmund.

Dortmund

, 06.06.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der größte Mordprozess in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist Geschichte, am Donnerstag verurteilte das Landgericht Oldenburg den Krankenpfleger Niels Högl. 85 Menschen hatte Högl, davon war das Gericht letztlich überzeugt, über Jahre in zwei Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst zu Tode gespritzt. In 15 weiteren Fällen, die verhandelt worden waren, sprach das Gericht ihn frei.

Der 42-Jährige wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, die besondere Schwere der Schuld anerkannt, der Mann kann also nicht vorzeitig entlassen werden. Gleichzeitig wurde ein lebenslanges Berufsverbot gegen ihn verhängt. Der Täter ist verurteilt, doch juristisch gesehen, ist die Mordserie damit noch nicht aufgearbeitet. Denn nach wie vor muss geklärt werden, welche Umstände Högel die Möglichkeit gaben, 85 Morde und eine Vielzahl an weiteren Mordversuchen zu begehen.

Bereits 2001 gab es Anschuldigungen gegen Högl

Aus diesem Grund ermittelt die Staatsanwaltschaft Oldenburg wegen Totschlags durch Unterlassen weiterhin gegen fünf Personen: Neben zwei Chefärzten, der Pflegedienstleitung und dem Stationsleiter wird auch gegen den damaligen Geschäftsführer des Klinikums Oldenburg ermittelt – das war damals Rudolf Mintrop. Heute leitet er das Klinikum Dortmund.

Den fünf Personen wird vorgeworfen, sich nicht an die Ermittlungsbehörden gewandt zu haben, obwohl es schwere Verdächtigungen gegen Högl gab und sie davon wussten. Dass es bereits 2001 Anschuldigungen gegen Högl gab, gilt heute als unstrittig: In seinen Diensten kam es zu einem unerklärlichem Anstieg von Reanimationen und Todesfällen auf der herzchirurgischen Intensivstation des Klinikums Oldenburg.

Niels Högel war unter anderem Thema bei einer Sitzung der Klinikleitung. Nach einem Stationswechsel im Dezember 2001 verließ Högel dann Ende 2002 das Klinikum in Oldenburg. Ausgestattet mit einem guten Zeugnis wechselte er an

das Klinikum Delmenhorst und setzte dort seine Mordserie fort, bis er 2005 dort erwischt wurde.

Der Leiter der Ermittlungskommission, die von 2014 bis 2017 arbeitete, geht davon aus, dass, wenn sich die Verantwortlichen des Klinikums Oldenburg 2001 gemeldet hätten, Niels Högel gefasst worden wäre und damit viele Taten hätten verhindert werden können.

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Die Ermittlungen gegen die fünf Klinikangestellten hätten ursprünglich bereits im Frühjahr 2019 abgeschlossen werden sollen. Dazu kam es nicht. Der Oldenburger Staatsanwalt Dr. Martin Koziolek geht jetzt davon aus, dass die Ermittlungsverfahren im Herbst oder Winter dieses Jahres zum Abschluss kommen und Anklaage wegen Totschlag durch Unterlassen erhoben werden wird.

Koziolek: „Wir haben einerseits die Auslastung durch das laufende Verfahren unterschätzt. Andererseits haben Zeugenvernehmungen im Prozess Ansätze zu weiteren Ermittlungen ergeben.“ Die müssen, so der Staatsanwalt, jetzt zunächst nachermittelt werden.

Ursprünglich als Zeuge geladen

Im jetzt abgeschlossenen Prozess selbst war ursprünglich auch Rudolf Mintrop als Zeuge geladen worden. Wie die anderen beiden Personen, gegen die jetzt noch ermittelt wird, wurde aber nach Rücksprache auf eine Vernehmung vor Gericht verzichtet. Mintrop arbeitet seit 2013 als Geschäftsführer des Klinikums Dortmund, hier hat er sich den Ruf eines erfolgreichen Sanierers erarbeitet.

Unserer Redaktion sagte er bei einer ersten Berichterstattung zum Thema, er sehe nicht, wie er sich mit dem Wissen von damals hätte anders verhalten sollen. In einer Hausmitteilung an die rund 4000 Mitarbeiter des Klinikums wurde die damalige Berichterstattung als „Spekulationen“ bezeichnet.

Den folgenden Text verschickte das Klinikum Dortmund nach der Berichterstattung unserer Redaktion über die Ermittlungen gegen ihren Geschäftsführer als Informationsrundschreiben an ihre rund 4000 Mitarbeiter: Sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Sie haben sicherlich alle die Nachrichten in den lokalen Medien verfolgt, dass es Ermittlungen gegen den Vorsitzenden unserer Geschäftsführung, Herrn Mintrop, im Zusammenhang mit dem Prozess gegen den Serienmörder Högel in Oldenburg gibt. Diese staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen eine ganze Reihe von damals leitenden Mitarbeitern des Klinikums Oldenburg sind in einem Rechtsstaat üblich, laufen bereits seit Jahren und waren uns seit ebenso langer Zeit bekannt. Ermittelt wird quasi in alle Richtungen und ergebnisoffen. Wann die Ermittlungen zum Abschluss kommen, ist uns nicht bekannt. Herr Mintrop hat dazu erklärt: „Mit dem Wissen von damals sehe ich nicht, wie ich mich anders hätte verhalten können.“ Er hatte keine Kenntnis von Mordtaten des Pflegers Högel, die er hätte zurückhalten können. Während der Ermittlungen ist es grundsätzlich üblich, sich nicht gegenüber der Presse zu äußern - auch wenn die Presse das gern anders hätte und dann oft, wie in diesem Fall, zu Spekulationen greift. Dementsprechend wird natürlich auch Herr Mintrop keine Auskünfte zu diesem Fall geben. Trotzdem erfüllt diese beispiellose Mordserie in zwei Kliniken uns alle mit Abscheu vor der Kaltblütigkeit des Täters und mit Anteilnahme und Trauer für die Angehörigen. Herr Mintrop hat als Vorsitzender der Geschäftsführung unser Klinikum seit nunmehr sechs Jahren sehr menschlich und erfolgreich geführt. Wir vertrauen Herrn Mintrop - und Sie können das auch tun. Mit freundlichen Grüßen Ihre Geschäftsführung
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