Wer unter Schizophrenie leidet, kämpft häufig mit Realitätsverlust, Wahnvorstellungen und Störungen der Gefühlswelt. © picture alliance/dpa
Psychische Krankheit

Mutter eines Schizophrenie-Erkrankten: „Will wenigstens wissen, wenn er tot ist“

Psychosen, Wahnvorstellungen, Realitätsverlust: Wer an Schizophrenie leidet, der ist ernsthaft psychisch krank. Das wirkt sich auch auf das Umfeld aus. Eine Mutter eines Betroffenen berichtet.

Mittlerweile (Stand: 12. Januar) hat die Mutter ihren Sohn in einer Stadt in einem deutschen Nachbarland gefunden. Doch nach einer kurzen Begegnung ist er weggelaufen und die Mutter befindet sich wieder in Dortmund. Sie versucht nun von dort aus, etwas bei den Behörden vor Ort zu erreichen.

Unsere ursprüngliche Berichterstattung:

Sie sagt: „In letzter Zeit gibt sich mein Sohn eine andere Identität. Daher ist meine Sorge, dass keiner weiß, wer er ist, wenn er tot umfällt. Ich will wenigstens erfahren, wenn das passiert ist.“ Er habe keine Papiere mehr – keinen Ausweis, keine Krankenkassenkarte, berichtet sie weiter.

Wir befinden uns in einer Dortmunder Wohnung. Wo genau, das spielt keine Rolle für diese Geschichte. Und auch nicht der Name der Frau oder des jungen Mannes, um den es hier geht. Die pensionierte Krankenschwester erzählt von ihrem Sohn. Er ist Mitte Zwanzig und leidet an Schizophrenie – und ihr Anliegen ist es, so sagt sie, über die Krankheit aufzuklären.

Sie will einerseits darüber sprechen, wie der Umgang mit einem Erkrankten ist. Und andererseits auch mitteilen, wie es ihr damit so geht. Damit, dass sie nicht weiß, wo ihr Sohn sich gerade befindet, wie es ihm geht oder ob er überhaupt noch lebt.

Hoffnung, dass es besser wird

Zum Anfang unseres Gesprächs sagt sie: „Ich vermute einfach, dass er es schon Jahre hatte. Wenn man im Rückblick guckt, erkenne ich vor Jahren bereits einige Momente, die darauf hindeuten. Da hat er mich zum Beispiel weggeschickt, und ich wusste gar nicht, was los war. Ich habe nur gedacht: ‚Was hat er jetzt wieder‘?“

Damals habe sie die Hoffnung gehabt, dass sich alles später noch beruhigen würde. Doch es wurde schlimmer.

Für die Mutter ist kein klarer Auslöser erkennbar

Auf der Seite „Neurologen und Psychiater im Netz“ heißt es: „Die Krankheit hat ein vielgestaltiges Erscheinungsbild und gehört zu den so genannten ‚endogenen Psychosen‘. Als Psychosen werden Krankheitsbilder zusammengefasst, die unter anderem mit Realitätsverlust, Wahnvorstellungen, Störungen des Denkens, der Sprache und der Gefühlswelt verbunden sind.“

Der Begriff „endogen“ meine hierbei, dass die Erkrankung aus einer Vielzahl von Faktoren „von innen“ heraus entsteht. Ohne erkennbare körperliche Ursachen. Und ohne begründbaren Zusammenhang mit Erlebnissen.

Einen klaren Auslöser kann die Mutter nicht ausmachen. Sie hat sich früh von ihrem Mann scheiden lassen, als die Kinder noch klein waren. Vielleicht war das für den Sohn sehr belastend? Genaueres wisse sie nicht. Darüber gesprochen habe er nie. Seine beiden Geschwister jedenfalls hätten die Trennung gut verkraftet…

Er verlässt die Wohnung und lässt dort alles zurück

Es gab aber auch deutliche Anzeichen. „Irgendwann kam er mal und setzte sich aufs Sofa und sagte zu mir: ‚Ich will kein Psycho werden.‘ Zu diesem Zeitpunkt muss schon was gewesen sein – damals habe ich es eher auf den Konsum von Marihuana bezogen“, erzählt sie.

Anhand von weiteren, aber immer nur einzelnen Momenten und Situationen reifte in ihr die Vermutung, dass ihr Sohn Probleme habe. Als er so etwa 19 oder 20 Jahre alt gewesen sei, sei er dann zum Psychologen gegangen – allerdings nur ein paar Mal und dann nicht mehr, berichtet die ehemalige Krankenschwester. „Vielleicht hat der Psychologe schon was gewusst zu dem Zeitpunkt. Erfahren habe ich davon jedoch nichts.“

Der junge Mann fängt an zu studieren. Er verlässt das Ruhrgebiet und zieht in eine andere deutsche Großstadt. Aber dann fangen die Probleme erst richtig an.

Seine Mutter füllt seinen Bafög-Antrag aus, weil er selbst nicht mehr in der Lage dazu ist. Später zahlt er die Miete für die Wohnung nicht, lässt dort alles zurück und steht plötzlich bei seiner Schwester vor der Tür. Die hört die Klingel jedoch zu spät, macht nicht auf. Zu diesem Zeitpunkt verschwindet der junge Mann zum ersten Mal spurlos.

„Rückblickend betrachtet war das ein Hilferuf“

Wenig später wird er in einem Nachbarland von der Polizei gefunden. Der Mitzwanziger kehrt nach Dortmund zurück, zieht wieder bei seiner Mutter ein.

Sie beobachtet, dass er abwesend wirkt, häufig im Park unterwegs ist: „Ich dachte, er geht in den Park, um sich Drogen zu holen. Dann kommt er verstört wieder und man denkt, er hat was genommen. Später sprach ich mit einem seiner Freunde und der sagte mir, dass das wohl eine Psychose gewesen ist, die ich da als Beobachterin erlebt habe.“

Was in ihrem Sohn vorgeht, dass er Hilfe braucht, konnte er offenbar nicht äußern. Häufig beantwortete er Fragen, was mit ihm los sei, kurz und knapp mit: „Frag meine Freunde!“

Diese jedoch habe sie zu jenem Zeitpunkt kaum gekannt, erzählt die Mutter. „Rückblickend betrachtet war das ein Hilferuf. Er äußerte sogar ab und zu mal Suizid-Gedanken. Damit war ich überfordert. Aber als ich deshalb bei den Ärzten nachfragte, hatte ich das Gefühl, dass sie meine Sorgen nicht ernst nehmen.“

Innerlich gezittert

Die Mutter von drei Kindern beschreibt alles im ruhigen Ton. Sie hat viel zu berichten, über anderthalb Stunden wird das Gespräch dauern.

Während sie spricht, wirkt sie konzentriert und aufmerksam. Auch, wenn es um existentielle Themen wie Leben und Tod oder die Behandlung von psychisch kranken Menschen geht, erzählt sie gefasst – wenig aufgeregt oder emotional. Am Ende des Gesprächs wird sie sagen, dass sie innerlich gezittert hat und ihr es schwer fiel, alles auszusprechen – aber es habe ihr auch gut getan.

„Vielleicht war es ihm auch peinlich, dass wir ihn so gesehen haben“

Nach einer kurzen Zeit bei seiner Mutter verschwindet der junge Mann erneut. Er gilt wieder als vermisst. Eine Vermisstenanzeige geht bei der Polizei in Dortmund ein. Wenig später taucht er wieder in einem Nachbarland auf. Diesmal wird er in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Vier Tage lang ist er dort, seine Familie darf ihn besuchen. „Man konnte ihn nur sehen, aber kaum mit ihm sprechen. Vielleicht war es ihm auch peinlich, dass wir ihn so gesehen haben“, berichtet seine Mutter.

„Der Beginn des Problems ist, dass die Eltern nicht informiert werden“

Danach kommt er in eine Dortmunder Klinik. Dort wird er jedoch nach drei Tagen entlassen – und verschwindet erneut. In der Klinik habe man ihr gesagt: So lange ihr Sohn klar äußern kann, dass er dort nicht sein möchte, könne man ihn nicht festhalten, schließlich sei er erwachsen. Außerdem würde ein Richter einer Zwangseinweisung nicht zustimmen.

Dieses Verschwinden ist noch nicht lange her. Die Mutter lässt nichts unversucht, ihren Sohn zu finden. In den vergangenen Wochen ist die ehemalige Krankenpflegerin immer wieder von den Behörden enttäuscht gewesen. Sie sagt: „Der Beginn des Problems ist, dass die Eltern nicht informiert werden. Für mich als Elternteil ist das richtig schlimm. Natürlich ist das Kind dann schon erwachsen, aber bei solch einer Diagnose müssen doch die Eltern mit ins Boot geholt werden.“

Sie hätte sich mehr Aufklärung gewünscht. Sie als Mutter habe nicht gewusst, wie sie mit zweitem Ich ihres Sohnes umgehen soll und könne nur vermuten, was mit ihm ist. Gerade die Zwangseinweisung in die Klinik im Nachbarland hätte gezeigt, dass er Hilfe braucht.

Zwei große Wünsche

Irgendwie werde er sich durchschlagen, habe man ihr in einer anderen Klinik gesagt, an die sie sich um Hilfe wandte. Schließlich schaffe er es, sich neue Klamotten zu besorgen. Der negative Höhepunkt für die Mutter: „Mir ist im Krankenhaus gesagt worden: Ihr Sohn möchte obdachlos sein, er möchte Flaschen sammeln.“

Auch im neuen Jahr sucht die Mutter immer noch nach ihrem Sohn. Im Dezember war sie für einen Tag in der Stadt, in der er sich aktuell aufhalten soll. Aber ihre Reise war vergebens. In den kommenden Tagen will sie es nochmal probieren, aber ihre Hoffnung ist gering.

Für die Zukunft ist ihr größter Wunsch, dass ihr Sohn die Erkrankung und auch Hilfe annehmen kann – sei es auch mit Medikamenten. Und natürlich auch eine gute Beziehung zu ihm.

Zudem erhofft sie sich mehr Anlaufstellen für Angehörige. Sie möchte gerne Menschen kennenlernen, die solche Probleme auch haben. Die sich machtlos mit der Situation fühlen. Vielleicht sogar jemand, der Erkrankte Zuhause betreut und Tipps geben kann, wie sich ein gutes Verhältnis behalten lässt.

Info

Buchempfehlungen und Anlaufstellen zu Schizophrenie

  • Christiane Wirtz: Neben der Spur: Wenn die Psychose die soziale Existenz vernichtet – Eine Frau erzählt, Goldmann Verlag, 2018.
  • Asmus Finzen: Schizophrenie – Die Krankheit versehen, behandeln, bewältigen, Psychiatrie Verlag, 2020.
  • Kurt Hahlweg, Matthias Dose: Ratgeber Schizophrenie – Informationen für Betroffene und Angehörige, Hogrefe, 1. Auflage 2005.

    Anlaufstellen:
  • SeeleFon des Aktionsbündnis Seelische Gesundheit: 0228/71 00 24 24 (Montag bis Donnerstag: 10-12 Uhr und 14-20 Uhr; Freitag: 10-12 Uhr und 14-18 Uhr) oder per Mail unter seelefon@psychiatrie.de.
  • Landesverband Nordrhein-Westfalen der Angehörigen psychisch Kranker: Beratung unter 02521 3959 (Mittwoch 10-12 Uhr) oder per Mail unter lv-nrw-apk@t-online.de.
  • Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder psychisch erkrankter Eltern (BAG-Kipe): 0931 30 50 10 oder kontakt@bag-kipe.de.
  • Aktion Psychisch Kranke: 0228 67 67 40 oder Per Mail unter apk-bonn@netcologne.de.
Über den Autor
Volontär
Gebürtiger Brandenburger. Hat Evangelische Theologie studiert. Wollte aber schon von klein auf Journalist werden, weil er stets neugierig war und nervige Fragen stellte. Arbeitet gern an verbrauchernahen Themen, damit die Leute da draußen besser informiert sind.
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Maximilian Konrad

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