Katharina Brandt und ihr Mann haben zwei Söhne: Ihr Ältester ist Autist, geht auf eine Förderschule in Dortmund. Die coronabedingten Zwangspausen machen dem 6-Jährigen schwer zu schaffen. © Schaper
Förderschulen und Corona

Mutter eines behinderten Jungen: „Diese Kinder verlieren gerade extrem“

Schüler mit Behinderungen leiden unter den Corona-bedingten Einschränkungen noch mehr als andere - sagt die Mutter eines autistischen Jungen aus Dortmund. Gleich mehrere Aspekte bereiten ihr Sorgen.

Es ist eine Frage, die viele Familien in Dortmund sehr beschäftigt hat: „Warum habe ich keine Schule?“ Katharina Brandt musste sie jedoch viel, viel öfter beantworten als andere Eltern. Die Dortmunderin hat zwei Söhne (4 und 6), der ältere ist Autist, seine geistige Entwicklung ist verzögert.

„Fünf- bis sechsmal hat er gefragt, jeden Tag aufs Neue: Wieso darf ich nicht in die Schule?“, schildert sie eine Phase im Januar, als klar wurde: Die Schulen kehren nach den Ferien nicht in den Präsenzunterricht zurück.

Kurzfristige Entscheidungen über Präsenz- oder Distanzunterricht sind sicher für viele Kinder – und Eltern – nicht einfach nachzuvollziehen. Förderschüler trifft es aber besonders hart, sagt Katharina Brandt: „Für alle Kinder, die emotionale oder psychische Behinderungen haben, machen Routinen sehr viel aus.“

„Man fühlt sich als Familie nicht gesehen“

Alles, was plötzlich anders läuft als geplant, kann schwerwiegende Folgen haben: „Es gibt Autisten, die ziehen sich komplett zurück, sind nicht mehr ansprechbar. Andere rasten komplett aus.“ Bei ihrem Sohn ist es nicht ganz so extrem, „aber wir merken, dass es sehr anstrengend ist für ihn“, so die 33-jährige gelernte Kinderkrankenschwester. Er sei viel bockiger, demotivierter als sonst.

Daraus haben sie und ihr Mann Konsequenzen gezogen: „Selbst, wenn wir die Info bekommen: ,Nächste Woche geht es wieder in den Präsenzunterricht‘, sagen wir es ihm nicht.“ Um Frust zu vermeiden, falls es doch anders kommt. Der Ärger über das „politische Hin-und-Her“ rund um das Thema Corona und Schulen ist groß: „Man fühlt sich als Familie nicht gesehen.“ Insbesondere Förderschüler seien „Kinder, die verlieren gerade ganz extrem, werden vergessen“.

Keine Therapieangebote in der Schule mehr

Ein Aspekt dabei: An Förderschulen geht es nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um Therapie. Seit Dezember falle die Logopädie für ihren Sohn aus, weil die Therapeutin nicht mehr in die Mira-Lobe-Schule, auf die er geht, kommt. Zwar bestehe die Möglichkeit, die Therapie direkt in der Praxis zu bekommen, darauf verzichten die Brandts aber, um Kontakte zu reduzieren.

Darüber hinaus müssten bei ihrem Sohn auch Fein- und Grobmotorik speziell gefördert werden. „Die Lehrer sind da spezialisiert, therapieren auch schon im Unterricht mit.“

Viele Eltern machen sich Sorgen um ihre Kinder

Klaus Glasmeyer ist stellvertretender Leiter der Mira-Lobe-Schule. „Die Sorge ,Was macht dieses Corona-Jahr mit meinem Kind‘ haben viele Eltern“, sagt er. Etwas kann er beruhigen: „An vielen Stellen sind die Umstellungen auf den Distanzunterricht gut gelungen, wir sehen bei vielen Kindern eine erstaunlich positive Entwicklung.“

Aber natürlich habe Corona die Therapiemöglichkeiten eingeschränkt – auch, wenn die Eltern die Therapien direkt über die Praxen weiter in Anspruch nehmen könnten. Die Lehrkräfte haben keine therapeutische Ausbildung, „auch, wenn die Grenzen zwischen Förderung und Therapie sicherlich teils verschwimmen“, so Glasmeyer.

Die enge Verzahnung zwischen Therapeuten und Lehrern entfällt schon länger – auch im Wechselunterricht, den die Förderschule seit Anfang Mai wieder anbieten darf, währenddessen aber weiter keine Therapeuten in die Schule kommen.

Fehlende Planbarkeit und fehlende soziale Kontakte

Für Glasmeyer sind zwei andere Punkte mindestens ebenso wichtig: Die fehlende Planbarkeit habe weder den Familien, noch den Schulen gut getan. Man habe den Wunsch gehabt: „Gebt uns mal vier, fünf Wochen einen festen Rahmen, auf den man sich verlassen kann. Das hat nicht gut funktioniert.“

Lange Zeiten ohne Präsenzunterricht seien für Schüler mit Beeinträchtigungen zudem noch belastender als für andere Kinder: „Für viele unserer Schüler ist der Schulalltag elementar wichtig, weil sich auf das Sozialleben der Kinder in weiten Teilen in der Schule abspielt. Zuhause bestehen bei vielen keine Freundeskreise.“

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1983 im Münsterland geboren, seit 2010 im Ruhrpott zuhause und für die Ruhr Nachrichten unterwegs. Ich liebe es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und vor allem: zuzuhören.
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