Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der LWL-Klinik tanzen „Jerusalema“. © LWL-Klinik
Video-Challenge

Müssen Dortmunder Jerusalema-Tänzer nun an Warner Music zahlen?

Wie auf der ganzen Welt tanzten auch in Dortmund ganze Belegschaften nach dem Gute-Laune-Song „Jerusalema“ gegen den Corona-Blues und stellten das Video ins Netz. Das könnte nun teuer werden.

Ein Fuß nach vorne, viermal auf den Boden tippen, auf das andere Bein und Fuß wieder viermal auf den Boden tippen… Seit Monaten tanzen Feuerwehrleute, Polizisten, Pflegekräfte, ja sogar Nonnen in der ganzen Welt nach der Feel-Good-Hymne „Jerusalema“, um mit ihren Videos in Corona-Zeiten Mut zu machen und Lebensfreude zu verbreiten – und alles mit Mindestabstand.

Das hat auch gut funktioniert – bis der Warner-Konzern nach übereinstimmenden Medienberichten Behörden und Unternehmen auf die Pelle gerückt ist und eine Lizenzgebühr für die Nutzung der fröhlichen Melodie gefordert hat. Unter anderem hat schon das NRW-Innenministerium für manche tanzende Polizeidienststelle gezahlt.

Aus Dortmund gibt, es beziehungsweise gab es sechs solcher Videos von ansteckender Fröhlichkeit im Netz: von der LWL-Klinik in Aplerbeck, von DEW21, der Praxis Rheinlanddamm, dem Stadtgymnasium, dem Pflegedienst Wunsch-Pflege sowie dem Karnevalsverein „Tanzender Regenbogen“.

Noch keine Forderung eingetroffen

Bislang hat noch keiner der sechs Betroffenen eine Forderung von Warner Music bekommen. Doch alle beschäftigt die Möglichkeit einer nachträglichen Lizenzgebühr; denn rein rechtlich muss vor Verwendung eines Musikstücks eine sogenannte Sync-Lizenz vom Rechteinhaber eingeholt werden.

Warner Music bittet Beteiligte der Jerusalema Challenge zur Kasse, weil bei dem Musiklabel „Master KG“ alias Kgaogelo Moagi, der Komponist von „Jerusalema“, unter Vertrag steht.

Die LWL-Klinik gehörte in Dortmund zu den ersten, die ein Jerusalema-Video auf der Plattform Youtube hochgeladen haben, das schon über 14.000 Mal aufgerufen wurde. „Wir lassen das erstmal im Netz“, sagte die Social-Media-Beauftragte der Klinik, Anna Wyludda, am Dienstag (16.2.) nach Rücksprache mit der Klinikleitung. Warner habe die Botschaft des Videos wohl missverstanden, „wir wollten mit der Challenge in dieser schweren Zeit nur Zusammenhalt demonstrieren und für positive Stimmung sorgen.“

Stadtgymnasium hatte sich im Vorfeld schlau gemacht

Auch Thomas Friers, Vorsitzender des Karnevalvereins Tanzender Regenbogen (341 Aufrufe), hat sich schon Gedanken darüber gemacht, ob er das Video zurückziehen soll. Doch er neigt „zu 80 Prozent“ dazu, es im Netz zu lassen.

Beim Stadtgymnasium hatte man sich bereits vor dem Erstellen des Videos zwar nicht bei Warner, sondern bei Sony Music erkundigt, was in einem solchen Fall zu tun ist. Dort habe man erfahren, so der kommissarische Schulleiter Thomas Lohmeier, dass es kritisch sei, das Video auf Youtube hochzuladen. Besser sei es, das nur über die eigene Schul-Homepage zu tun, und das wiederum auf zwei Monate begrenzt. Daraufhin ist das Video sogar zweimal geschachtelt über die Seite der Schülerzeitung Rostra gelaufen.

„Auch wenn die zwei Monate noch nicht vorbei sind, haben wir es doch sicherheitshalber herausgenommen“, sagte Lohmeier, „dabei hätte ich es in den Anmeldewochen gern noch drin gelassen.“

„Moralisch verwerflich“

Für die Schulen gebe es vom Land einen Rahmenvertrag mit der Verwertungsgesellschaft Gema, doch der sei älter als Youtube und ziehe bei dieser Frage nicht, sagt Lohmeier. Für Warner, glaubt er, sei bei Schulen nicht viel zu holen. So könnte für den Musikkonzern – sollte er auf Lizenzgebühren bestehen – der Imageschaden größer ausfallen als die Einnahmen aus Lizenzen.

Moralisch fände er es verwerflich, sagt Jörg Wunsch, Chef des Pflegedienstes „Wunschpflege“, doch er gehe davon aus, dass eine Forderung komme für das Video (1280 Aufrufe). „Man versucht, etwas Positives in schwieriger Zeit zu machen und wird bestraft. Wir wollten nur mitmachen, um Freude zu verbreiten.“

Das Video will Wunsch im Netz lassen. „Es herauszunehmen, wäre der falsche Weg. Wir warten entspannt ab, ob ein solches Schreiben kommt. Vielleicht drückt Warner ja ein Auge zu.“

DEW lässt noch mal rechtlich prüfen

DEW21 hat ihr Video laut Unternehmenssprecherin Jana-Larissa Marx nur auf Facebook, aber nicht auf Youtube oder einer anderen Videoplattform hochgeladen, es aber auch dort bereits wieder entfernt. Marx: „Wir haben noch keine Anfrage von Warner bekommen, werden es aber in eine rechtliche Prüfung geben.“

Auch die Tanzeinlage der Praxis am Rheinlanddamm ist im Netz nicht mehr zu finden. Einer der Ärzte hatte vom Vorgehen Warners gelesen und es vorsorglich herausgenommen. Nun kümmere sich nachträglich die Dortmunder Produktionsfirma „Schicker Film“, die das Video für die Praxis erstellt hat, um eine Lizenz, berichtet Jens Holzgreve, dort für Kreation zuständig. „Das ist eine Frage des Preises.“

Das Video habe rund 2500 Aufrufe gehabt. Holzgreve: „Für eine Praxis ist das nicht schlecht. Wir warten nun auf eine Zahl von denen.“ Doch man höre, das Warner Music bei der Challenge faire Preise habe.

Unterschiedliche Preiskategorien

Warner Music war am Dienstag (16.2.) für die Redaktion nicht zu erreichen. Gegenüber verschiedenen Medien hat eine Sprecherin von Warner Music erklärt, dass Privatpersonen nichts bezahlen müssten, bei Institutionen, Organisationen oder Firmen sei das aber etwas anderes. Aufgabe des Konzerns sei sicherzustellen, dass seine Künstler eine faire Vergütung für die Nutzung ihrer Musik erhalten.

Da sich der Konzern des Charakters der „Jerusalema Dance Challenge“ aber bewusst sei, so die Unternehmenssprecherin, gebe es bei den Lizenzvergütungen unterschiedliche Preiskategorien für unterschiedlichen Nutzungen – auch rein symbolische Beträge.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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Gaby Kolle

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