Der Spielplatz am Blücherpark. Vom Weg hinter dem Klettergerüst flog der Molotowcocktail. © Thomas Thiel
Rassismus

Molotowcocktail auf Spielplatz: Linke Gruppen sehen neue Form von Terror

Handelte der Mann, der ein Molotowcocktail auf einen Spielplatz warf, aus einem rassistischen Motiv heraus? In dieser Frage kritisieren Gruppen aus dem linken Spektrum in Dortmund die Behörden.

Am 9. Mai (Sonntag) warf ein 39-jähriger eine brennende Glasflasche auf einen belebten Spielplatz im Blücherpark. Er trug einen weiteren Molotowcocktail und Messer bei sich. Polizisten stoppten ihn mit einem Schuss ins Bein.

Polizei und Staatsanwaltschaft haben den Vorfall in einer ersten Bilanz als Tat einer einzelnen „psychisch auffälligen“ Person eingeordnet und sehen keine Hinweise auf eine politische Motivation.

„Wie kann das kein Rassismus sein?“, fragen dagegen mehrere antifaschistische Gruppierungen aus Dortmund. Unter anderem äußert sich die Gruppe Autonome Antifa 170 und an anderer Stelle auch das Bündnis Tag der Solidarität, das sich aus dem Gedenken an den 2006 von rechten Terroristen in Dortmund ermordeten Mehmet Kubaşik gebildet hat.

Antifaschistische Gruppen fragen: „Wie kann das kein Rassismus sein?“

In einer Pressemitteilung wird Tamara Reichert als Sprecherin von „Antifaschist:innen in Dortmund“ zitiert. „Wir verstehen, dass zu diesem Zeitpunkt der Ermittlungen vieles noch im Unklaren ist“, heißt es einleitend.

„Wie es aber sein kann, dass eine Augenzeugin von rassistischen Morddrohungen durch den Tatverdächtigen berichtet, die Staatsanwaltschaft aber keine Anzeichen für ein politisches Motiv sehen will, ist uns unverständlich.“

Augenzeugen berichten von Drohungen gegen Ausländer

Gegenüber dieser Redaktion berichteten Zeugen unter anderem, die Worte gehört zu haben „Ich bin Russe, ich bringe euch alle um“. Andere Medien zitieren Beobachter der Szenerie, die von ausdrücklichen Drohungen gegen „Ausländer“ sprechen.

Aus Sicht der linken Gruppierungen reihe sich die frühe Positionierung der Behörden ein in „die fortgesetzte Entpolitisierung rechten Terrors durch die Ermittlungsbehörden“. Es würden keine Konsequenzen aus rechter Gewalt gezogen.

Betroffene in der Nordstadt „werden sich selbst überlassen“

„Für die Familien mit Kindern auf Spielplätzen und in Parks, für die Gewerbetreibenden rund um die öffentlichen Grünflächen, für den Alltag der Stadtgesellschaft in der Nordstadt heißt das, dass sie als Betroffene rechter Gewalt keinen Schutz und keine öffentliche Verantwortung erwarten können, sondern sich selbst überlassen werden“, sagt Tamara Reichert.

Die antifaschistischen Gruppierungen aus Dortmund stellen den Vorfall in Zusammenhang mit rechten Terrorakten in München, Halle und Hanau. Vielfach war auch hier von einem psychisch kranken Einzeltäter die Rede.

Stattdessen sehen Rechtsextremismus-Experten mittlerweile in diesen Taten eine neue Form des Terrorismus, der auch als „stochastischer Terrorismus“ bezeichnet wird.

Tamara Reichert erklärt: „Potentielle terroristische Attentäter werden nicht mehr jahrelang in verdeckten Organisationen ausgebildet, um irgendwann den Auftrag für einen Anschlag zu erhalten. Sie radikalisieren sich vielmehr in kurzer Zeit vermeintlich von selbst in Online-Communitys.“

Kritik: „Nordstadt-Bewohner werden rassistisch und sozial abgewertet.“

Dies sei allerdings ein Resultat davon, dass sich gesellschaftliche Diskussionen über Fluchtzuwanderung und sogenannte Clankriminalität nach rechts verschieben und polizeiliche Maßnahmen nach sich ziehen würden. „Die Erzählungen über die Dortmunder Nordstadt werten ihre Bewohnerinnen und Bewohner immer wieder rassistisch und sozial ab“, heißt es in der Stellungnahme.

Eine Reaktion der Staatsanwaltschaft Dortmund, die im Fall die Pressehoheit hat, war am Mittwoch (12.5.) nicht zu erhalten. Die Ermittlungen dauern nach wie vor an. Die Polizei Dortmund hatte bereits am Sonntag wenige Stunden nach der Tat davon gesprochen, dass keine Hinweise auf einen politischen Hintergrund vorliegen.

Der 39-Jährige, in Dortmund geborener deutscher Staatsangehöriger, ist in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht.

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Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth
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