Menschen mit Behinderung in der Corona-Krise: Familien sind am Limit

dzKampf gegen Bürokratie

Fehlende Betreuung, Besuchs-Verbote, verzweifelte Eltern: Menschen mit einer Behinderung und ihre Angehörige trifft die Corona-Krise besonders hart. Zwei Dortmunder Familien berichten.

Dortmund

, 11.06.2020, 11:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Wir können nicht mehr“, sagt Simone Korolew, Mutter des 24-jährigen Maurice. Ihr Sohn, der seit einem Herzstillstand als Kind mehrfach schwerstbehindert ist, dürfte eigentlich ab Anfang Juni wieder die AWO-Werkstatt „Über den Teichen“ in Eving besuchen.

Er würde damit ein Stück Struktur zurück gewinnen. Seit zwei Monaten ist Maurice nur zu Hause, die Eltern haben die Zeit mit Krankschreibungen und unbezahltem Urlaub überbrückt. „Er ist unzufrieden. Ihm fehlt etwas“, sagt Simone Korolew.

Doch stattdessen sieht die aktuelle Situation der Familie so aus: Maurice wird vorerst weiter zu Hause bleiben, sein Vater muss wahrscheinlich seinen Job aufgeben, weil er die Zeit für die Betreuung seines Sohnes braucht.

Krankenkasse lehnt Hilfe ab - die Familie ist am Ende ihrer Kräfte

Denn Maurice‘ Krankenkasse lehnt die Unterstützung durch eine Pflegekraft an seiner Arbeitsstelle ab.

Die Lage der Korolews aus dem Stadtteil Brechten ist ein Beispiel dafür, wie für eine Familie die außergewöhnlichen Belastungen der vergangenen Zeit und die alltägliche Bürokratie zusammenkommen.

Es gibt viele Themen in der aktuellen Diskussion über Corona-Regeln und deren Lockerungen, die Menschen mit einer Behinderung besonders betreffen. Es geht um die Regeln für das Arbeiten in speziellen Werkstätten, es geht um Art der Besuche in Wohnheimen und um die Frage nach Tests in Pflegeeinrichtungen.

Menschen mit Behinderung und diejenigen, die sich um sie sorgen, fühlen sich noch weiter an den Rand gedrängt. Sie drohen zu Verlierern der Corona-Krise zu werden.

Familien müssen Corona-Tests selbst bezahlen

So wie die Dortmunderin Christiane Siebers. Die Mutter einer Tochter mit der Chromosomen-Veränderung Idic 15 berichtet, dass ihr die Aussage des Gesundheitsamts vorliege, dass Tests auf das Coronavirus von den Eltern selbst bezahlt werden müssen, sofern keine Symptome vorliegen. Dabei seien negative Testergebnisse eine Bedingung für die Rückkehr in Wohngruppen.

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„Ich habe von Eltern in Dortmund gehört, die ihre Söhne oder Töchter vor der Kontaktsperre nach Hause geholt haben und nun nach 2 Monaten immer weniger Kraft haben und sie zurückbringen möchten“, sagt Christiane Siebers.

Besuchsregeln können für Menschen mit Behinderung ein großes Problem darstellen

Ein weiteres Problem sind die Regeln für Besuche in Wohngruppen und -heimen nach der aktuell gültigen Coronaschutzverordnung. Besuche in besonderen Wohnformen für Menschen mit Behinderungen sind demnach nur kontaktlos mit 1,5 Meter Abstand erlaubt.

Christiane Siebers sagt: „Für Menschen mit geistigen Behinderungen ist ein distanzierter, kontaktloser, mit Mundschutz bedeckter Umgang mit ihren Eltern sehr problematisch bis undenkbar. Es ist nicht abzusehen, wie unsere Tochter dieses erlebt und emotional bewertet. Man müsste sie auf jeden Fall fixieren im Stuhl oder Rollstuhl, da sie sonst aufspringen und auf uns zustürzen würde.“

Dortmunder CDU-Politikerin ruft Einrichtungen dazu auf, Besuche zu erlauben

Die Dortmunder CDU-Politikerin Claudia Middendorf, Beauftragte der Landesregierung für Menschen mit Behinderung, hat das Thema zuletzt aufgegriffen.

„Viele Angehörige haben sich in der letzten Zeit hilfesuchend an mich gewandt und mir berichtet, dass sie ihre Eltern, Kinder oder Partner derzeit nicht besuchen dürfen. Viele Einrichtungsleitungen verwehren ihren Bewohnerinnen und Bewohnern trotz der Lockerungen der Maßnahmen die Möglichkeit, besucht zu werden. Aus einigen Einrichtungen wurde mir sogar gemeldet, dass weiterhin das Verlassen des Wohngebäudes verboten sei“, sagt Claudia Middendorf.

Sie ruft alle Einrichtungsleitungen dazu auf, den Bewohnern „das Recht auf Selbstbestimmung und Teilhabe“ zu gewähren, um zu einem möglichst geregelten Alltag zurückzukehren.

Eltern und Verbände beklagen Diskriminierung

Schon seit Beginn der Corona-Krise Mitte März beklagen verschiedene Interessenverbände von Menschen mit Behinderung, dass die Belange von deutschlandweit Zehntausenden Betroffenen von der Politik nicht ausreichend beachtet werden.

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In Dortmund war das zuletzt unter anderem an der Diskussion über die lange hinausgezögerte Wiedereröffnung von Förderschulen deutlich geworden. Manche Eltern hatten es als „Diskriminierung“ empfunden, dass Menschen mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen von Seiten des Schulministeriums nicht zugetraut wurde, sich an die Abstands- und Hygieneregeln zu halten.

Die Landeselternkonferenz NRW und zahlreiche weitere Vereine haben in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die teils dramatische Situation für Familien mit Kindern mit Behinderung hingewiesen.

Manche Familien seien durch Schulausfall und „gleichzeitigen Wegfall sämtlicher Unterstützungssysteme“ schon seit über zwei Monaten auf sich allein gestellt und bis heute sozial isoliert.

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