Mengede ist Tremonias unbeugsames Dorf – das Gallien von Dortmund

dzGlosse

Gallien im Jahr 50 vor Christus – Dortmund 2019. Beide haben im Nordwesten ein unbeugsames Dorf. Auch ohne Zaubertrank wollen die Mengeder nur das Beste. Beobachtungen zur Zeitenwende:

Mengede

, 30.12.2019, 15:41 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wir befinden uns im Jahr 2019. Ganz Dortmund ist eine Stadt. Ganz Dortmund? Nein! Ein von unbeugsamen Mengedern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Schutz Tremonias Widerstand zu leisten.

Die geneigten Leser denken an Asterix? Ach! Der Vergleich drängt sich geradezu auf, wenn die Vertretung der Mengeder Dorfältesten unter dem Vorsitz von Majestix Wilhelmus Tölch beisammensitzt und ihrem Ruf als Unbeugsame alle Ehre macht.

Depeschen, ja im besten Sinne verfasste Pläne und Vorlagen der Administration Tremonias werden hier gerne einmal nicht zur Kenntnis genommen. Okay, nicht alle – aber einige.

Die Unbeugsamen haben eine eigene Sicht der Dinge

Das ist natürlich auch Ullrich Sierau, dem Statthalter Tremonias, nicht verborgen geblieben. Jüngst bescheinigte er bei der Einweihung des Technologie-Laboratoriums im dörflichen Lyceum, dass „Politiker hier eine durchaus eigene Sicht der Dinge haben“. Majestix Wilhelmus Tölch nahm es im Angesicht des Statthalters schmunzelnd zur Kenntnis.

Woher kommt aber diese Unbeugsamkeit? Aus Mengeder Sicht ist Dortmund häufig so weit entfernt, wie Lutetia oder Rom vom gallischen Dorf. Die Reise in den Nordwesten also, könnte man mutmaßen, beschwerlich.

Diese These verdichtet sich, wenn die Mengeder auf ihre Straßen schauen. Auch ohne Zaubertrank und Wildschweinbraten wird manches Mal gemunkelt, die ein oder andere Chaussee erinnere an eine antike Via. Und die könne man doch gleich unter Denkmalschutz stellen.

Baut Tremonia eine neue Magistrale?

Zugegeben: Die Altmengeder Straße hätte das Prädikat verdient. Seit Jahren schicken die Dorfältesten Petition um Petition an den Friedensplatz Tremonias. Im Sommer anno 2019 die frohe Botschaft: Der von Rad- und Autofahrern gefürchtete Weg erhält eine neue Fahrbahndecke.

Die Überraschung dann im November: Die Maßnahme steht für 2020 tatsächlich im Jahresarbeitsplan des Tiefbauamtes. Doch die Dorfältesten rieben sich überrascht die Augen über die Dimension des Projektes. Der Plan sieht einen Bau von der Schwieringhauser Straße bis zur Sonnenstraße vor.

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Nun, Letztere liegt bekanntlich mitten im Dortmunder Kreuzviertel. „Honni soi qui mal y pense“, könnte man neugallisch vermuten. „Ein Schelm, der Böses dabei denkt.“ Soll da gar ein gänzlich neuer Weg ins unbeugsame Dorf geebnet werden? Schließlich führen in Gallien auch alle Straßen sternförmig nach Lutetia – und sprichwörtlich sowieso alle Wege nach Rom. Warum nicht auch in Tremonia eine neue Magistrale?

Stirnrunzeln hat rituellen Charakter

„Manchmal täte es der Verwaltung gut, wenn sie mehr in den Außenbezirken präsent wäre“, kommentiert Majestix Wilhelmus Tölch diplomatisch die Jahresarbeitsplan-Depesche. Prompt übernahmen die Dorfältesten einmal mehr selbst die Deutungshoheit über die wundersame Planung der Tiefbauer: Gewiss werde bis zur Schaar- und nicht zur Sonnenstraße gebaut. Aha! Ergibt Sinn.

Immerhin ergießt sich bald über die ramponierten Rampen diesseits und jenseits des Kanals Asphalt. Die stählerne Querung selbst bleibt in bestem Neu-Gallisch eine „pons illustre“, ein Denkmal in Fachwerk und Fahrbahn.

Das stete Stirnrunzeln in der Vertretung der Dorfältesten hat fast schon rituellen Charakter – wie ihre mantrenartigen Bitten um ein bisschen mehr Aufmerksamkeit. Bei Caesar, Reinoldus und Remigius: Warum dauert es gefühlte Epochen, bis Herzensangelegenheiten Gehör finden? Auch bei Petitessen, wenn etwa Hinkelsteine hier den Hansemannpark, dort das Gelände des Netter Denkmals schützen sollen.

Justitia ruft „Nordwärts“

Ruft nicht Justitia, die römische Göttin des Rechts, seit Jahren schon: „Nordwärts!“ Das Zauberwort steht doch für Gerechtigkeit in Tremonias nördlichen Arealen. Warum muss dann der grüne Ökologicus Axel Kunstmann wieder mit gespitztem Stock im Emschersand den besagten Jahresarbeitsplan des Tiefbauamtes nachrechnen?

Von 271 Maßnahmen des Plans liegen nur elf im Stadtbezirk. Heureka! „Das sind vier Prozent.“ Nimmt das Dorf doch zehn Prozent der Fläche Dortmunds ein. Und immerhin sind die Unbeugsamen sechs Prozent der Tremonienser! Beim Teutates: Krieg will hier aber doch keiner!

Ach, das Dorf ist einfach nur undankbar. Beispiel Wenemarstraße: Auch sie wurde schon als Bodendenkmal diskutiert. Zum Zeitenwechsel zeigt sie schon ein vergleichsweise prächtiges Bild: die Fahrbahn so glatt wie ein stiller See, darunter ein neuer Kanal – Baukunst, ganz nach römischem Vorbild! Also, bitte: Alles wird gut!

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Klare Kante am Kanal

Und war es nicht Statthalter Ulrich Sierau, der an Groppenbach und Ems-Kanal Nicole Moenikes die Stirn bot? Als die nördliche Anrainerin auf grenznahe Industriegebiets-Expansion steuert und der „Dicke Dören“ für die Groppenbrucher zum „Dicken Dingen“ wird: Klare Kante! Waltrop könne in Sachen Planung noch in Dortmund in die Lehre gehen. Sierau sprachs, als Teile der Mengeder Dorfältesten noch um Positionen und Formulierungen rangen.

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Und nun das neueste Gejammer: ungeklärte Verkehrsflüsse, weil auf dem ehemaligen Knepper-Gelände neue Arbeitsplätze entstehen und die Nachbarn immer mehr Lasten über die maroden Straßen karren? Ein Infrastrukturkonzept muss her?

Seit 90 Jahren steht Mengede unter dem Schutz Tremonias. Und hier gilt: „So fast as Düörpm“ – „So fest wie Dortmund“. Bitte, da kommt es doch auf die paar Jahre und Kleinigkeiten nicht mehr an.

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